Aidshilfe Salzburg/Psychologie
HIV/AIDS und sexuell übertragbare Krankheiten: Neue Ansätze in der Prävention für schwule und bisexuelle Männer Teil 2

Praktische Handlungsstrategien für die MSM-Prävention
1. Da MSM, die sich gesellschaftlichen Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen ausgesetzt sehen, wesentlich häufiger sexuelle Risiken eingehen, sehen sich die AIDS-Hilfen und MSM-Präventionsprojekte aufgerufen, gegen Vorurteile, Stigmatisierungen und Gewaltstrukturen vorzugehen. Der Spielraum hierbei ist groß und reicht von Coming-Out-Beratungen, über Opferkampagnen bis hin zu Workshops und Vorträgen in Schulklassen, in Jugendgruppen sowie an den Universitäten.
Es ist wichtig, dass die Akzeptanz homo- und bisexueller Lebensweisen Menschen bereits in der frühen Kindheit mithilfe unterschiedlicher didaktischer Methoden und Materialen (Kinderbüchern, Hörspielen, Kindertheater, gruppendynamische Spielen, Filmen usw.) vermittelt wird. Die Zusammenarbeit mit Schulen und Bildungsinstitutionen, welche LehrerInnen, PädagogInnen, MultiplikatorInnen, SozialarbeiterInnen ausbilden ist unabdingbar, da Schule ein zentrale Sozialisationsinstanz darstellt, die nicht-heteronormative Lebensweisen thematisieren und deren Anerkennung fördern sollte.
Zudem befinden sich, statistisch betrachtet, in jeder Schulklasse mehrere homo- und bisexuelle Jugendliche. Werden homo- und bisexuelle Lebensweisen positiv vermittelt und zur Sprache gebracht, so kann dies den Jugendlichen helfen, ein positives Selbstbild und Handlungskompetenzen zu entwickeln und eine selbstsichere sexuelle Identität zu erlangen, was wiederum die Risiken psychischer Erkrankungen und Infektionen mit STIs stark vermindert.
Im Zuge von Schulprojekten sind vor allem Peers einzusetzen; das sind Jugendliche und junge Erwachsene, die in Schulen und in andere Bildungseinrichtungen gehen, und dort Workshops zu homo- und bisexuellen Lebensweisen halten und, wenn sie wollen, auch von ihrer eigenen sexuellen Orientierung, ihrem Prozess des Coming-Outs, etwaigen Diskriminierungserfahrungen, aber auch Ressourcen und Vorteilen homo- und bisexueller Lebensweisen erzählen.

2. Viele HIV-positive MSM erzählen in qualitativen Interviews, dass sie die Schwulenszene nicht als ein tragfähiges Netzwerk oder als eine Community erleben. Es ist hier Aufgabe der MSM-Prävention zweckmäßige Strukturen zu schaffen und MSM begleitend zu unterstützen. Hierbei ist auf einen selbstbestimmten und kritischen Umgang mit sexuellen Risiken zu setzen (vgl. hierzu die Kampagne der Deutschen Aidshilfe „Ich weiß, was ich tu“) sowie des reflektierten Konsums legaler und illegaler Rauschmittel und Drogen.
Da sexuelle Risiken und/oder Drogenkonsum verstärkt in Situationen psychischer und sozialer Belastungen stattfinden, hat die MSM-Prävention ein Mandat für Opfer homophober Gewalt und für MSM, die sich in schwierigen biopsychosozialen Problemlagen befinden. Die Zusammenarbeit mit den Homosexuellen Initiativen, mit der Community, mit MSM-Selbsthilfeeinrichtungen und Beratungsstellen für MSM ist zu intensivieren. Im Rahmen regelmäßig stattfindender HelferInnenkonferenzen und Netzwertreffen kann es zu einem fruchtbaren Austausch zwischen den AIDS-Hilfen und Organisationen, die speziell mit MSM arbeiten, kommen. Auch einige AIDS-Hilfen bieten, etwa im Rahmen des online Health-Support-Projektes auf Gayromeo, Coming-Out-Beratungen für MSM an. Auf alle Fälle sollte MSM, die Hilfe suchen, im Rahmen des Case Managements der Weg zu den Informations- und Hilfeangeboten homo- und bisexueller Einrichtungen geebnet werden.

3. Die homo- und bisexuelle Identität muss von der Vorstellung befreit werden, dass Homo- und Bisexualität primär ein sexuelles Phänomen sei, welches sich auf den sexuellen Akt reduziere. Langer postuliert, dass Identitätskonflikte besonders im sexuellen Bereich ausagiert werden. Homo- und Bisexualität werden auf die gleichgeschlechtliche Sexualität reduziert. Dies führe bei MSM mitunter zu einer fatalen Dynamik, da die Verweigerung der sozialen Anerkennung von MSM oftmals durch Anerkennung mittels Sex kompensiert wird. Ein suchtartiges sexuelles Verhalten darf somit nicht immer als Ausdruck von Lebensfreude betrachtet werden, sondern mitunter als ein Symptom verinnerlichter Homonegativität. Bei dieser Psychodynamik ist es für die betroffenen Männer schwer, sich von dem inneren Zwang zum sexuellen Akt zu befreien und einen spielerischen und verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Sexualität zu finden, der sexuelle Risikokontakte reduziert. Mit moralischen Appellen kommt hier die MSM-Prävention nicht weit (vgl. ebda., S. 240-247).

Literaturhinweis:
Langer, Phil C.: Beschädigte Identität. Dynamiken des sexuellen Risikoverhaltens schwuler und bisexueller Männer. Wiesbaden 2010.

Autor: Florian Friedrich
Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision, Sexualtherapeut
Mail: florian.friedrich@psychotherapie-salzburg.de

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