Psychologie und Psychotherapie
Meine Motivation mit Transmenschen zu arbeiten - Teil 3

Heute konfrontieren mich meine transidenten Klientinnen und Klienten immer wieder mit meinen eigenen Konstrukten und meinem Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit. Als Sozialwissenschaftler und Psychotherapeut weiß ich natürlich, dass Genderrollen und was wir unter „männlich“ oder „weiblich“ verstehen stark von der jeweiligen Gesellschaft, der Kultur und der Zeit in der wir leben, bestimmt und konstruiert werden. Ich gebe der Philosophin Judith Butler recht, wenn sie schreibt, dass wir jeden Tag die Rollen von Männlichkeit und Weiblichkeit spielen (Performanz), die uns die Gesellschaft zuweisen.
In diesen Thesen liegt jedoch die Gefahr, dass wir zu sehr ins Rationalisieren kommen, wenn es um das Erleben unserer eigenen Weiblichkeit bzw. Männlichkeit geht. Deshalb widerspreche ich Judith Butler, wenn sie postuliert, dass auch die Idee des weiblichen oder männlichen Körpers ein Konstrukt sei. Abgesehen, dass diese Idee selbst nur ein Konstrukt ist, erleben wir uns ja nie als ein Konstrukt (es sei denn, wir befinden uns im Zustand einer Psychose). Wir erleben uns immer mit einem Körper (die Existenzanalyse spricht hier etwas poetischer vom „Leib“). Selbst wenn der Körper nur ein Konstrukt wäre, er spürt sich für uns real und zu uns gehörig an. Insofern ist er wesentlich in unserem Leben.
So spüre ich meinen Körper tagtäglich und fast allgegenwärtig. Der Körper spielt in der Psychotherapie eine entscheidende Rolle, wobei viele Menschen einen eher mittelmäßigen bis schlechten Zugang zu ihrem Körper haben oder ihn sogar vernachlässigen. Ich selbst arbeite daher in der Psychotherapie viel mit körpertherapeutischen Ansätzen und Atemübungen, und in meinem zweiten Beruf als Schauspieler und Sänger ist der Körper ebenso essentiell.
Um die Frage, ob ich meinen Körper als männlich, als weiblich oder irgendwo dazwischen erlebe, kommt kein Mensch herum. Somit erleben wir uns auch als männlich, als weiblich, als genderfluid, als trans*, als cis und vieles mehr. Butlers Thesen scheinen mir hier schon sehr verkopft (wenn auch ich sie in mehreren Beiträgen meines Blogs würdige, weil sie wichtige Fragen aufwirft), und sie werden auch immer wieder ideologisch missbraucht. Es geht um die Idee, um das Konstrukt, aber nicht um unsere subjektives Erleben und Spüren unseres Körpers.
Bei all meinen transidenten, transsexuellen und transgender Klientinnen/Klienten mache ich immer wieder die Erfahrung, dass der eigene Körper eine wesentliche Rolle spielt. Mal wird er trotz der Transidentität bejaht, mal abgewertet, mal als ambivalent erlebt.

Selbstverständlich hinterfrage ich in meiner Arbeit als Psychotherapeut Konstrukte von Männlichkeit und Weiblichkeit. Dabei stoße ich immer wieder auf die Selbsterfahrung und die Frage, wie ich selber als Cismann mich als männlich fühle. Ich komme dabei zu der vorläufigen Antwort, dass ich für mich nicht präzise formulieren kann, was Männlichkeit für mich ausmacht. Ich habe viele „männliche“ und „weibliche“ Seiten, zu denen ich einen guten Zugang habe. Ich spüre Zufriedenheit und innere Zustimmung zu meinem männlichen Körper und mag meine primären und sekundären männlichen Geschlechtsmerkmale. Auch macht es mich manchmal zornig, wenn mich andere Menschen darauf hinweisen, wie sich ein „richtiger Mann“ zu verhalten habe. Ich fühle mich dann in meiner männlichen Identität nicht gesehen und bevormundet, was mich kränkt und verletzt. Ich empfinde das zudem als eine massive Grenzüberschreitung, weil nur ich mir selbst zuschreiben kann, was sich für mich als männlich anfühlt.
Als genauso grenzüberschreitend empfinde ich es, wenn trans* Menschen ihre Männlichkeit oder Weiblichkeit abgesprochen wird oder wenn ihnen sogar eingeredet wird, dass ihre Bedürfnisse und Emotionen falsch seien. Hierbei handelt es sich nicht nur um eine schwere Verletzung der Integrität und Personenwürde, sondern auch um psychischen Missbrauch. Ob und wie sich ein Mensch fühlt, spürt nur er selbst. Zudem können Gefühle nie richtig oder falsch sein, Gefühle sind wie sie sind.
Jede gegenteilige Behauptung, etwa die Unterstellung, trans* Menschen sollten einfach lernen, zu akzeptieren, dass sie nicht in dem von ihnen erlebten Geschlecht leben können, führt Menschen auf Abwege, zu einem unauthentischen, apersonalen, sinnleeren Leben und zu einem falschen Selbst.

Autor: Florian Friedrich
Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision (Existenzanalyse)

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