12.09.2016, 16:00 Uhr

Kunst ist das Futter für Herz und Hirn

Myrto Dimitriadou ist die künstlerische Leiterin des Toihaus Theaters in Salzburg.

Warum man Kunst nicht alleine am Geld aufhängen darf, erklärt Toihaus-Leiterin Myrto Dimitriado im Chefinnen-Gespräch.

Als künstlerische Leiterin sind Sie für die Programmgestaltung im Toihaus Theater zuständig, gleichzeitig aber auch für die Geschäftsführung. Wie leicht ist es, beides unter einen Hut zu bekommen?
MYRTO DIMITRIADOU: Ja, das liegt daran, dass das Toihaus ein Verein ist, ich bin das letzte verbliebene Gründungsmitglied und damit bin ich seit 30 Jahren da. Wir arbeiten hier in Teams. Ich bin einerseits für die Kunst, für die Visionen zuständig, aber auch für sehr sachliche Dinge wie Organisatorisches, Finanzen oder Öffentlichkeitsarbeit. Das bedeutet auch: Die faulen Tomaten – also Kritik – bekomme immer ich.

Wie schwierig ist es für ein kleines Theater wie das Toihaus, sich in Salzburg zu behaupten?
MYRTO DIMITRIADOU: Wir leben – neben den Förderungen von Bund, Land, Stadt und projektbezogenen Ko-Finanzierungen durch die EU – von unseren Einnahmen, Spenden und unbezahlter freiwilliger Arbeit. Für richtige Sponsoren sind wir zu klein – aber das wollen wir auch bleiben. Reich sind wir nicht, aber wir kommen zurecht. Und man sollte künstlerische Produktionen nicht allein am Geld aufhängen.

Welche Werte kann ein Theater für eine Gesellschaft haben?
MYRTO DIMITRIADOU: Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft. Jede Gesellschaft hat ihre Außenseiter – die anders denken, die unheimlich wichtig sind. Dazu zählen auch Künstler. Und daraus kann eine Gesellschaft neue Gedanken schöpfen, neue Wege finden, gerade in Zeiten schneller Veränderungen. Revolutionen werden aber vom Theater nicht ausgehen. Es geht um die eigene, persönliche Entwicklung. Der Mensch ist von Natur aus ein Chaot. Und um mit chaotischen Situationen zurecht zu kommen, ist die Kunst das beste Mittel. Sie ist Futter für Herz und Hirn.

Mit dem Spielzeitthema "Systeme, Strukturen, Musik" stellen Sie Bedeutung, Sinn und Unsinn von Strukturen in den Mittelpunkt. Wie zieht sich das Thema durch das Programm?
MYRTO DIMITRIADOU: Wir starten am 8. Oktober mit "Fuge/Fuge". Es gibt die musikalische Fuge, es gibt die Fuge zwischen Fliesen und die Eröffnungsproduktion wird eine starke musikalische Kreation von Cornelia Boehnisch. 20 Tage danach findet mit "kartOOOn" die Premiere für unsere Kleinstkinder statt. Wir – drei Spieler, eine Tänzerin ein Performer und eine Musikerin – spielen mit Umzugskartons, die lebendig werden. Die Fuge ist eine Struktur, die Kartons sind auch eine Struktur – und wir wollen sehen, inwieweit wir diese Strukturen verlassen können. Im Jänner widmen wir uns in einem Abendstück dem Thema Unendlichkeit. Und dann kommt „Bim Bam“.

Bevor wir gleich über „Bim Bam“ reden: Bietet das Toihaus mit seinem Programm Unterhaltung, einen schönen Abend – oder etwas anderes?
MYRTO DIMITRIADOU: Wir arbeiten nicht traditionell, wir bieten daher auch keine traditionellen Produkte. Wir arbeiten ausschließlich mit Eigenkreationen, entwickeln unsere Stücke und Performances manchmal narrativ, manchmal rein musikalisch oder tänzerisch. Und manchmal verschränken wir auch alles miteinander und mit Bildender Kunst. Wir wollen Grenzen überschreiten. Wenn wir ein Stück von Shakespeare nehmen, dann bearbeiten wir es; wir sind nicht texttreu. Aber, ja: Bei alldem stellen wir an uns selbst die Anforderung der Unterhaltung, des Berührens. Sonst wären unsere Stücke keine theatralischen Ereignisse.

Kommen wir zu „Bim Bam“: Neben Ihrer Abendschiene ist das Kinderprogramm im Toihaus auf Kleinstkinder ab eineinhalb Jahren ausgerichtet. Im März findet heuer wieder das biennale Kleinstkinderfestival „Bim Bam“ statt. Warum sollen Kinder mit eineinhalb Jahren ins Theater gehen?
MYRTO DIMITRIADOU: Ich sage nicht, dass wir wissen, was genau mit den Kindern passiert, wenn sie ins Theater gehen; aber ich sage, dass etwas passiert. Kunst zu genießen, das muss man lernen. Je früher, desto besser. Und kleine Kinder haben ja Fähigkeiten, sie sind ja aufnahmefähig. Als wir vor 16 Jahren mit unserem Kleinstkinderprogramm begonnen haben, haben alle gesagt, ihr seid ja wahnsinnig. Und wir sind in Österreich bis heute die einzigen, die das anbieten. Sie wissen aber gar nicht, wie viele Eltern froh sind, ihren Kindern etwas bieten zu können, das nicht mit Konsum zu tun hat. Im Theater sind Menschen für Menschen da.

Wie ist die Resonanz bei den Kindern?
MYRTO DIMITRIADOU: Unbeschreiblich. Sie sind sehr aufgeschlossen, spielen einiges zu Hause nach. Es sind die hochwertig künstlerischen und emotionalen Zugänge, die sowohl Kinder als auch Eltern ansprechen. Die Dramaturgie ist ja immer die gleiche, nur die Themen sind anders als bei den Erwachsenen: Bei den Kleinstkinderproduktionen geht es um Tiere, um Träume oder um Gefühle wie Liebe oder Einsamkeit. Das kennt ja jedes Kind.
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