25.05.2016, 10:30 Uhr

Nicht jede will so einen Job

Vor vier Jahren hat Sabine Kornberger-Scheuch die Geschäftsführung des Roten Kreuzes Salzburg übernommen

Sabine Kornberger Scheuch, Geschäftsführerin vom Roten Kreuz Salzburg, im Stadtblatt-Chefinnen-Gespräch über Frauen und Top-Jobs sowie ein Jahr der Extreme für das Rote Kreuz.

Das Rote Kreuz ist eine Non-Profit-Organisation, davor waren Sie als Pro-Juvenute-GF auch bei einer Non-Profit-Organisation. Haben Sie eine soziale Ader?
SABINE KORNBERGER-SCHEUCH: Ich war davor auch bei einer Bank und dann bei Wein&Co. Und auch wenn der Wein ein sehr schönes Produkt war, wollte ich vor 15 Jahren dann etwas Nützliches tun. Ich wollte der Gesellschaft etwas von dem zurückgeben, das ich bekommen habe. Ich hatte das Glück, in einer sehr bildungsaffinen, intakten Familie aufzuwachsen. Und da meine Eltern Ärzte waren, hatte ich von klein auf einen Bezug zum Roten Kreuz.

Gehen Frauen mit sozialen Themen wie Kinder und Familie, Pflegebedürftige oder Flüchtlinge anders um als Männer?
SABINE KORNBERGER-SCHEUCH: Nach dem letzten Jahr möchte ich sagen: Nein. Gerade in der Betreuung der Flüchtlinge haben sich sehr viele Männer engagiert, die dafür auf Freizeit und Urlaub verzichtet haben. Klar: Die Pflege ist weiblich, in der Regel sind es Frauen über 50, die zuerst zu Hause bei den Kindern waren, vielleicht in Teilzeit gearbeitet und dann Pflegeaufgaben übernommen haben. Nachdem sich die Gesellschaft aber verändert und ich überzeugt davon bin, dass unsere heutigen Töchter nicht mehr so leben wollen und werden, stellt sich die Frage: Wer pflegt uns in der Zukunft? Das wird noch ein sehr spannendes Thema.

Sie haben sich einmal für eine Frauenquote für Führungspositionen ausgesprochen. Brauchen wir die immer noch?
SABINE KORNBERGER-SCHEUCH: Frauen haben heute gute Chancen, aber ich habe das Gefühl, es gibt nicht so viele Frauen, die solche Führungspositionen auch haben wollen. Man muss dafür ja auch auf einiges verzichten. Ich sehe eher den Trend – nicht nur bei Frauen – lieber einen 30-Wochenstunden-Teilzeit-Job zu nehmen und dafür auf Karriere zu verzichten. Was wir aber definitiv brauchen, ist eine bessere Vereinbarkeit von Job und Familie.

Vor vier Jahren übernahmen Sie die Geschäftsführung des Roten Kreuzes Salzburg mit fast 1.000 Mitarbeitern, 310 Zivildienstleistenden und rund 4.000 Freiwilligen. Was war bisher die größte Herausforderung?
SABINE KORNBERGER-SCHEUCH: Das letzte Jahr. 2015 war ein Jahr der Extreme. Wir haben – neben dem normalen Betrieb des Rettungswesens, des Gesundheits- und Pflegebereichs – 350.000 Flüchtlinge an der Grenze zu Bayern betreut. So etwas ist noch nie vorher dagewesen. Ich hatte ständig das Gefühl: Jetzt haben wir den Zenit erreicht, mehr geht nicht mehr. Und dann kamen neue Herausforderungen, und auch die haben wir immer wieder geschafft. Wir blicken als Organisation und als Menschen voll Stolz auf dieses Jahr zurück.

Wie hat sich das auf das Budget ausgewirkt?
SABINE KORNBERGER-SCHEUCH: Aus unserem Budget haben wir keine Spendengelder für die Flüchtlingsbetreuung verwendet – es sei denn, sie waren vom Spender explizit dafür gewidmet. Mit zwei Millionen Euro geht der Großteil unserer Spenden in das Rettungswesen, das zusätzlich über den Rettungsbeitrag von Gemeinden, Land und Gebietskrankenkasse finanziert wird. Aber: Getragen wird das Rettungswesen zum Großteil von Freiwilligen. Unsere Bilanzsumme beträgt rund 60 Millionen Euro.

Heuer wird es bei vielen, die im Vorjahr angekommen sind und nun bleiben werden, darum gehen, sich zu integrieren. Wird das funktionieren?
SABINE KORNBERGER-SCHEUCH: Bis vor einem Jahr war "Integration" in Österreich ein Randthema. Das hat sich jetzt geändert und das finde ich gut so. Bei Gastarbeitern und früheren Migranten haben wir uns darüber ja nie Gedanken gemacht. Jetzt sind alle bemüht, Möglichkeiten und Wege zu finden, die neu Angekommenen zu integrieren. Nach der Unterbringung und der Basisversorgung der Menschen geht es jetzt darum, ihnen das System in Österreich näherzubringen.

Wie hilfreich ist die Politik bei dieser Aufgabe?

SABINE KORNBERGER-SCHEUCH: Das kann ich nicht beurteilen. Was ich sehe, ist, dass wir als Rotes Kreuz unser Know-how aus internationalen Katastropheneinsätzen nützen können. Das bedeutet: Wir greifen auf bewährte Systeme zurück und setzten sie in anderen Bereich ein. Dadurch entstehen neue Lösungen, die sofort anwendbar sind. So wie unsere Holzfertigteilhäuser – deren gesamte Wertschöpfungskette übrigens in der Region bleibt. Sie sind schnell auf- und abbaubar und können an anderen Orten wieder verwendet werden. Das haben wir zusammen mit unserer 24-Stunden-Betreuung jetzt erst entwickelt und es funktioniert wunderbar.

Wieviele Asylwerber betreut das Rote Kreuz in Salzburg?

SABINE KORNBERGER-SCHEUCH: Derzeit sind es knapp 500 Asylwerber – in Tamsweg, Seekirchen, Fuschl, Faistenau, Abtenau – und demnächst auch am Flussbauhof in Salzburg sowie in Hallwang.


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