28.09.2017, 11:08 Uhr

"SOS Minerva" - Junge Flüchtlinge geben Gas

Abschlussklasse 2017 (Foto: SOS Kinderdorf)

VIDEO - Die politisch umstrittene Integration von Asylwerbern in unsere Gesellschaft kann funktioniern. SOS-Kinderdorf/Clearinghouse zeigt wie.

SALZBURG (lin). "Sie wollen sich nicht integrieren. Sie wollen nur unser Sozialsystem ausnützen und interessieren sich nicht für die Werte unserer Kultur." Vielleicht sind diese Stammtisch-Behauptungen nicht immer falsch. Aber bei "Minerva" mit Sicherheit schon. Vor wenigen Tagen ist der zehnte Durchgang dieses außergewöhnlichen Bildungsprojektes von SOS-Kinderdorf /Clearinghouse gestartet. Und der Stadtblatt-Lokalaugenschein hat deutlich gemacht: Da geben 36 Jugendliche Asylwerber richtig Gas und wollen für ihre Zukunft in Österreich mit ganzer Kraft lernen. "Ohne Deutsch geht gar nichts", sagen Mustafa (17), Mohamed (21) Esatullah (16), Masumeh (15) und einige andere wie mit einer Stimme.


Römische Göttin der Weisheit

Wer an "Minerva" teilnehmen will, braucht nicht deutsch zu können. Aber lesen und schreiben mit lateinischen Buchstaben schon. Drei Gruppen gibt es zu je zwölf Schülern, die Unterrichtssprache ist natürlich Deutsch. Ein Durchgang dauert elf Monate, vier Stunden täglich wird gebüffelt, dann kommen die Hausaufgaben.

"Uns ist es egal, ob wir minderjährige Aslywerber, Asylberechtigte oder auch EU-Bürger - etwa aus Rumänien - unterrichten. Hauptsache die jungen Leute begreifen, dass sie nur durch Bildung den Einstieg in eine Lehre oder einen anderen Bildungsweg haben", erklärt Waltraud Krassnig, Projektleiterin von Minerva." Und Lehrerin Astrid Schranz fügt hinzu: "Natürlich sind nicht alle gleich motiviert. Aber fast alle bemühend sich mehr, als die durchschnittlichen Schüler aus Österreich", sagt Schranz, die in normalen Gymnasien unterrichtet hat und sich jetzt ganz der Arbeit für Minerva verschrieben hat. "Hier kann ich als Lehrerin mehr bewirken. Da verzichte ich gerne auf ein paar Wochen Ferien."


Mit Händen und Füßen

Wie geht Unterricht mit Schülern, die kein Wort deutsch können und selbst eine Vielzahl verschiedener Sprachen reden? "Am Anfang nur deuten, Mimik und Körperausdruck, mit einem Wort, mit Händen und Füßen", sagt Susanne Oberkofler, die sich auf die blutigen Deutsch-Anfänger spezialisiert hat. "Aber gerade am Anfang machen die Jugendlichen schnell Fortschritte, und bald kommen auch die Fächer Mathematik, Englisch, Computer, Geschichte, Geografie, Biologie." In all diesen Fächern und den dazugehörigen Unterrichtsmaterialien würden, so die Minerva-Pädagoginnen, kulturelle Inhalte wie Demokratie, Geschlechter-Gleichheit und Religionsfreiheit permanent transportiert. "Das leben wir den Jugendlichen im täglichen Unterricht ja auch vor."

Der Bedarf an Minerva ist groß. Waltraud Kreassnig sagt, dass doppelt oder dreifach so viele Leute weggewschickt oder auf das nächste Jahr vertröstet werden müssten. Der von Land, Bund und EU finanzierte Kurs kostet ca. 360.000 Euro pro Jahr für alle 36 Jugendlichen. "Nicht wenig", sagt Krassnig, "aber diese Leute wollen lernen, sich integrieren und arbeiten. Somit wird unsere Gesellschaft langfristig profitieren."

Im Juli 2018 werden die meisten unserer 36 Minerva-Jugendlichen ein Sprachzertifikat "Deutsch" in der Tasche haben und sich damit sprachlich und kulturell in Österreich zu Recht finden. Außerdem können sie einen externen Pflichtschul-Abschlusskurs belegen. Und dann? "Mechaniker", "Computer-Spezialist", "Koch", "Friseurin" und sogar "Arzt" nennen die aus ihren Heimatländern geflüchteten Schüler in (noch) holprigem Deutsch als ihre Berufsziele. Na dann.... 
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