18.10.2016, 09:17 Uhr

Wo aus Dämmstoff Dünger wird

Gabriele Leibetseder mit ihrem aus altem Zeitungspapier hergestellten Zellulose-Dämmstoff.

Bei Isocell denkt man weiter als nur bis zum eigenen Produkt, sagt Technik-Leiterin Gabriele Leibetseder im Chefinnen-Gespräch.

Isocell wird nächstes Jahr 25 Jahre alt, war ein Pionier bei ökologischem Zellulose-Dämmstoff aus altem Zeitungspapier. Das Unternehmen wurde 1992 in Neumarkt am Wallersee gegründet und ist dann schnell gewachsen: Heute verfügt Isocell über 112 Vertriebs- sowie rund 50 Produktionsmitarbeiter sowie Produktionswerke in Hartberg (Steiermark), in Belgien, in Schweden sowie zwei weitere Werke in Frankreich. In Neumarkt beläuft sich der Jahresumsatz auf 34 Millionen Euro. Die Vertriebstöchter in Frankreich, Schweden und der Schweiz setzen 10,5 Millionen Euro um, die Produktionen rund 15 Millionen Euro.

Werden Sie weiter wachsen?

GABRIELE LEIBETSEDER: Wenn man uns lässt, dann ja. Denn die Nachfrage nach unserem Zellulose-Dämmstoff steigt.

Wer hindert Sie am Wachsen? Die Konkurrenz?
GABRIELE LEIBETSEDER: Ja, wobei die Konkurrenz nicht so sehr andere Zellulose-Dämmstoff-Anbieter sind, sondern viel mehr aus anderen Dämmstoffbereichen kommen.

Sie meinen zum Beispiel die Mineralwolle-Industrie?
GABRIELE LEIBETSEDER: Ja, zum Beispiel. Die Dämmstoff-Industrie setzt uns sehr zu, sie hat viele Ideen, wie man Zellulose auf EU-Ebene diskreditieren und bekämpfen kann. Da geht es um Normen, um Tests und Zulassungen. Wir haben allerdings den Vorteil, dass wir gemeinsam mit Forschungseinrichtungen und Universitäten sehr viele Forschungsprojekte durchführen, die allesamt zeigen, wie gut Zellulose ist. Nur als Beispiel: Wenn es – wie beim Kühlschrank – um Energieeffizienzklassen geht, dann sind wir allen anderen meilenweit voraus: Unser Dämmstoff ist ja an sich schon ein Recycling-Material, das aus altem Zeitungspapier und Borsalz hergestellt wird. Wir benötigen für die Produktion wenig Energie, weil wir unseren Rohstoff weder erhitzen noch trocknen müssen.

Profitieren Sie vom Trend zum Holzbau?
GABRIELE LEIBETSEDER: Ja, auf jeden Fall. Und wir haben ein ähnliches Schicksal: Auch der Baustoff Holz wurde lange von anderen diskreditiert und in Verruf gebracht. Das hat dazu geführt, dass die Holzbaubranche viel Geld in Forschungsarbeiten gesteckt hat, die ebenfalls zeigen, wie vorteilhaft der Baustoff Holz gegenüber allen anderen ist. Das heißt, die Holzbau-Branche ist fortbildungsaffin, immer auf der Suche nach neuen Entwicklungen und Anwendungsmöglichkeiten – genau wie wir. Da sind wir mit unserem Zellulose-Dämmstoff genau richtig.

Was passiert mit gebrauchtem Zellulose-Dämmstoff?
GABRIELE LEIBETSEDER: Auch das unterscheidet uns wesentlich von der Dämmstoff-Industrie: Wir denken im Kreislauf. Das heißt: Unseren Zellulose-Dämmstoff kann man bis zu zwei Mal wiederverwenden. Wenn er aber – etwa weil nach 25 Jahren eine neue Generation das Haus umbaut – entsorgt wird, dann haben wir dafür einen Plan: Derzeit forschen und testen wir gerade, wie sich der ausgediente Zellulose-Dämmstoff als Dünger einsetzen lässt. Dazu wird die Zellulose mittels Pyrolyse "verkohlt" und dann in die Erde eingebracht.

Welchen Vorteil könnte diese Art von Dünger bringen?
GABRIELE LEIBETSEDER: Zunächst einmal: Unser verkohlter Altdämmstoff unterschreitet alle Giftstoff-Grenzwerte wie jene für Schwermetalle oder Dioxine. Und: Kohle bindet Stickstoffabgasungen in Gülle – das bedeutet, frisch ausgebrachte Gülle stinkt sehr viel weniger als üblicherweise. Damit ist unser Dämmstoff nicht nur CO₂-neutral, sondern sogar CO₂-negativ. Wir haben dazu einen Feldversuch gemeinsam mit der Landwirtschaftsschule Ursprung gestartet, der wissenschaftlich begleitet wird.
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