17.09.2014, 14:47 Uhr

"Stadt darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen"

Sozialausschuss-Vorsitzende und Bürgerlisten-Gemeinderätin Uli Saghi über Psychotherapie-Plätze für Kinder und Jugendliche und Kinderbetreuungsangebote für unter Dreijährige

Am Mittwoch wird im Gemeinderat die Öffnung der Seniorenheime für Nicht-EU-Bürger beschlossen – das war ein Projekt, das Sie als Sozialsprecherin der Bürgerliste und Sozialausschussvorsitzende maßgeblich vorangetrieben haben.
ULI SAGHI:
Ja, und wir werden sehen, wer mit uns mitstimmt. Die SPÖ ist dafür, die FPÖ ist dagegen, die ÖVP auch, weil das bisher „eh kein Problem“ gewesen sein soll und man Einzelfälle immer so gelöst hat. Nur: Damit degradiere ich Bürger, die oft jahrzehntelang in Salzburg gelebt und gearbeitet haben, zu Bittstellern. Und bei NEOS bin ich gespannt, die wollten als Voraussetzung, dass die Nicht-EU-Bürger Deutsch können müssen. Da frage ich mich nur, wie das zum Beispiel dann bei einem Schlaganfall-Patienten sein wird.

Ein großer Brocken, der im Sozialausschuss beschlossen worden ist, ist auch die Seniorenheim-Reform.
ULI SAGHI:
Ja, da geht es jetzt darum, dass diese 80 Millionen Euro kostende Reform auch Schritt für Schritt umgesetzt wird. Da geht es auch um bauliche Veränderungen, die „Zimmer“ werden in Senioren-Wohneinheiten umgewandelt. Und die ehemaligen Pflegestationen mit vier bis sechs Senioren in einem Zimmer werden jetzt endlich überall aufgelöst. Da gibt es null Privatsphäre, außer am Nachtkastl neben dem Bett keinen einzigen persönlichen Gegenstand. Diese Reform ist wirklich ein großer Schritt.

Sie sind Vorsitzende des Sozialausschusses und wissen, was den Menschen unter den Nägeln brennt. Was muss sich verändern?
ULI SAGHI:
Die Stadt muss sich überlegen, die Kinderbetreuung der Kleinen, also von zwei Monaten bis drei Jahren, wieder selbst in die Hand zu nehmen und nicht nur den privaten Anbietern zu überlassen. Und ja, es gibt Frauen, die einen Betreuungsplatz für ihr zweimonatiges Kind benötigen, weil sie sonst ihren Job verlieren, das ist Realität.

Und welchen Vorteil hätte eine städtische Betreuung der unter Dreijährigen?
ULI SAGHI:
Ich rede nicht von der Qualität, denn dafür gibt es gesetzliche Normen und Mindeststandards, die für alle gelten. Das Argument war ja immer: „Die Privaten können das genauso gut, wenn nicht sogar besser.“ Da sage ich nur, dann muss die Stadt eben genauso gut werden. Ich will nicht, dass sich die Stadt dieser Verantwortung entledigt. Wir reden von frühkindlicher Förderung, sprachlicher Integration und so weiter. Na, dann müssen wir das auch tun. Und die Stadt hätte dann die Tarifregelung in der Hand und könnte den Eltern ein finanziell günstigeres Betreuungsangebot machen, als das private Einrichtungen können.

Wo im Sozialbereich gibt es noch dringenden Handlungsbedarf?
ULI SAGHI:
Da habe ich eine lange Liste, aber etwas, was mir wirklich sehr am Herzen liegt, ist, dass wir endlich mehr Geld in die Hand nehmen für die psychotherapeutische Betreuung von Kindern. Es ist leider trauriger Fakt, dass in der Stadt Salzburg jedes fünfte Kind verhaltensauffällig oder psychisch krank ist. Es gibt Therapieplätze, aber die Eltern bzw. deren Kinder warten darauf nicht selten eineinhalb bis zwei Jahre. Was das in der Pubertät bedeutet, brauche ich Ihnen nicht zu erklären.

Wieviel Geld bräuchte es dafür?
ULI SAGHI:
Das kann ich jetzt nicht so aus der Hüfte schießen. Bevor wir über eine Summe reden, brauchen wir aber einmal ein politisches Bekenntnis dazu. Was noch dazu kommt: Wenn eine 16-Jährige dann endlich einen Therapieplatz erhält, dann heißt es, das ist eine Langzeittherapie, das zahlt sich nicht mehr aus, weil sie bald 18 und damit volljährig ist. De facto fallen also bereits 16-Jährige durch unser soziales Netz. Krankheiten im Kindesalter werden so zu Lebensdiagnosen.

In der Stadt Salzburg gibt es vier Pflichtschulen mit fixen Sozialarbeitern. Reicht das?
ULI SAGHI:
Nein, diese fixen Sozialarbeiter sind eine hervorragende Sache, und damit kann man sicher viel abfangen. Aber wir brauchen viel mehr davon. Uns brennen die Lehrer aus, und die Lehrer sind für diese Probleme der Schüler auch nicht ausgebildet. Wenn wir hier mehr investieren, dann brauchen wir vielleicht auch weniger Therapieplätze für Kinder und Jugendliche.
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