21.12.2016, 07:00 Uhr

Ihre Strategie? Sie hatte keine

Maria Pieper: Ihre Produkte gibt es für Endkunden online sowie bei Feldinges Ökohof in Wals und demnächst auch im Rochushof. (Foto: BB)

Bio-Kosmetik-Pionierin Maria Pieper im Chefinnen-Gespräch über Schönheit, Schein und Sein in der Kosmetikbranche

Sie sind gebürtige Pinzgauerin, Lehrerin, haben Psychologie studiert und führen hier in Salzburg seit fast 20 Jahren Ihr eigenes Bio-Kosmetik-Unternehmen. Wie wurden Sie Bio-Kosmetikentwicklerin und -produzentin?
MARIA PIEPER:
Mein Ehemann war ebenfalls Lehrer, in der Erwachsenenbildung. Ursprünglich wollte er Bauer werden. Vor etwa 30 Jahren haben wir eine Kräuterfarm in der Südsteiermark gekauft. Ich bin Wassermann mit Aszendent Widder – wenn Sie mich in die Wüste gesetzt hätten, hätte ich wahrscheinlich etwas mit Sand gemacht. So habe ich begonnen, aus unseren Kräutern Pflegeprodukte zu entwickeln. Zunächst für die Familie und dann für unsere Firma Pieper Biokosmetik Manufaktur mit Sitz in Salzburg.

Heute führen Sie einen Betrieb mit 500 Quadratmetern Produktion, Lager und Versand sowie zwölf Mitarbeitern. Das jährliche Umsatzwachstum beträgt 25 Prozent. Wieviel Strategie stand hinter Ihrer Unternehmensentwicklung?
MARIA PIEPER: Wenn man unter Strategie einen genauen Plan für Handlungen meint, mit denen man ein bestimmtes Ziel verwirklichen will, dann muss ich sagen, dass es keine Strategie gab. Es war die Begeisterung des Augenblicks für die wunderbare Natur, die uns umgab. Und die Leidenschaft, etwas daraus zu kreieren. Erst mit dem Eintreten meiner Kinder Johannes und Anna vor zwei Jahren wurden strategische Ziele formuliert, etwa eine Bio-Zimmerkosmetik für Hotels auf den Markt zu bringen.

Und Sie entwickeln sie?
MARIA PIEPER: Ja, und diese Serie ist etwas Besonderes. Das beginnt schon bei der Verpackung: Sie sieht aus wie Kunststoff, ist aber aus Abfall, der bei der Pressung von Zuckerrohr zurückbleibt. Bio-Kosmetik muss zu 20 Prozent aus Bio-Zutaten bestehen. Deshalb ist in unserem Shampoo 20 Prozent heimischer Bio-Apfelsaft. Der Haarbalsam enthält österreichische Hafermilch und in allen Produkten ist ausschließlich österreichisches Sonnenblumen-, Lein- und Mohnöl. Wir bieten keine Mini-Fläschchen, die unnötige Müllberge verursachen, sondern eine Flasche, die meist für den gesamten Hotelaufenthalt reicht

Wie entsteht ein neues Produkt? Womit fangen Sie an? Wieviel Herantasten ist notwendig?
MARIA PIEPER: Mittlerweile weiß ich schon, wie es geht. Ich habe einen Duft, eine bestimmte Vorstellung vor mir. Ich weiß, wie meine Rohstoffe reagieren, habe meine Grundrezepturen. Und dann gibt es – je nach Produktlinie – unterschiedliche Aspekte. Für die vor Kurzem für EZA Fairer Handel herausgebrachte Kosmetiklinie Biosfair sollten es sinnvoller Weise Rohstoffe aus EZA-Projekten sein. Deshalb haben wir etwa fair produzierte Bio-Kokosmilch aus Burkina Faso verwendet, die übrigens ein für die Haut optimales Verhältnis von Fett und Feuchtigkeit aufweist.

Es gibt unglaublich viele Kosmetikprodukte, für jede Körper- und Gesichtsregion eine andere. Ist das notwendig?

MARIA PIEPER: Vieles davon ist sicherlich unnötig. Mich lässt die Idee einer All-in-one-Creme, einer Art grünen Nivea nicht los. Eine Creme für viele Zwecke, von Kopf bis Fuß, aus kostengünstigen heimischen Zutaten und für alle leistbar.

Kosmetik vermag – allen Beteuerungen von Kosmetikkonzernen zum Trotz – weder Falten zu verhindern noch Cellulite einzudämmen. Was kann Kosmetik?
MARIA PIEPER: Darüber, was sie können sollte, gibt es eine klare Aussage in Artikel 2 der EG-Kosmetik-Verordnung. Hier sind kosmetische Mittel definiert als 'Stoffe oder Gemische, die dazu bestimmt sind, äußerlich am Körper des Menschen oder in seiner Mundhöhle angewendet zu werden. Ihre ausschließliche oder überwiegende Aufgabe ist es, Haut, Haare, Nägel, Lippen, die äußeren Intimregionen oder die Zähne und die Mundschleimhäute zu reinigen, zu schützen, in gutem Zustand zu erhalten, zu parfümieren, deren Aussehen zu verändern oder den Körpergeruch zu beeinflussen.' Damit lockt man natürlich niemandem 100 Euro für eine Creme aus der Tasche.

Ein altes Sprichwort besagt: Wahre Schönheit kommt von innen. Wollen Sie uns beweisen, dass Schönheit doch von außen kommt oder geht es bei ihren Produkten nicht so sehr um Schönheit?
MARIA PIEPER: Es geht um Pflege. Um Wohlbefinden. Um Gesundheit, um die Balance zwischen Mensch und Natur. Nicht nur die gängige Herstellungspraxis konventioneller Kosmetik ist zu hinterfragen, sondern auch die gängigen Schönheitsideale. Ich bin optimistisch. Immer weniger Frauen haben Lust mehr darauf, sich die Definition des Schönen vom Markt diktieren zu lassen und dafür viel Geld auszugeben.

Wieviel Geld geht bei Ihnen in Rohstoffe und wie ist das im Vergleich bei konventioneller Kosmetik?
MARIA PIEPER: Das ist natürlich je nach Produktgruppe unterschiedlich. Etwa 60 Prozent des Verkaufspreises einer Creme geht bei uns in die Rohstoffe, bei konventionellen Produkten sind es wahrscheinlich manchmal nur fünf Prozent. Da geht viel Geld in die Werbung und in den Vertrieb.

Bio-Kosmetik hat ihren Preis. 50 ml Ihrer Bio-Rosen-Gesichtscreme kosten knapp 30 Euro, 200 ml Haarshampoo 14 Euro, 550 g Dusch- und Badesalz knapp 25 Euro. Wie kann es sein, dass es in jedem Supermarkt oder Drogeriemarkt Bio-Kosmetik-Eigenmarken zum Billigpreis gibt?

MARIA PIEPER: Indem man sehr billige Rezepturen mit einem sehr hohen Wasseranteil verwendet. Der kann bei einer Creme bei bis zu 90 Prozent liegen. Und was noch immer viel zu wenige Konsumenten wissen: Man muss zwischen Bio- und Naturkosmetik unterscheiden. Naturkosmetik kann auch raffinierte Öle enthalten. Ich habe mir unlängst das Angebot in einem Geschäft einer Drogeriemarkt-Kette angesehen. Ich fand ausschließlich Naturkosmetik.

Gibt es ein einheitliches Bio-Kosmetik-Gütesiegel, an dem der Konsument erkennen kann, dass er ein hochwertiges Produkt kauft?
MARIA PIEPER: Leider gibt es kein einheitliches Siegel. Man muss die den einzelnen Siegeln zu Grunde liegenden Richtlinien kennen, um ein Produkt beurteilen zu können. Tatsache ist, dass inzwischen jeder Standard zwischen Natur- und Biokosmetik unterscheidet. Ein in Österreich hergestelltes, zertifiziertes und kontrolliertes Bio-Kosmetikprodukt erkennen Sie u.a. an folgendem Aufdruck: Hergestellt gem. Österreichischem Lebensmittelbuch (ÖLMB) Kapitel A 8 Biokosmetika. Außerdem muss die Nummer der Prüfstelle angegeben sein.

Ihre Produkte gibt es nicht nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sondern auch in Japan.
MARIA PIEPER: Ja, es gibt ein großes japanisches Hotel, das gerade unsere neue Bio-Hotelzimmer-Kosmetik testet und wenn es klappt, dann wird das ein großer Auftrag. Es kommen zunehmend Anfragen aus dem asiatischen Raum. So begeistert bin ich davon aber gar nicht. In manchen Ländern wie etwa China sind immer noch Tierversuche vorgeschrieben – das kommt für uns nicht in Frage.

Rückblickend: Sie haben ursprünglich nicht geplant, mit der Kosmetikproduktion Ihr Geld zu verdienen. War das ein guter Businessplan?
MARIA PIEPER: Wie jeder weiß, ist ein guter Businessplan eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg eines Unternehmens. Manchmal klappt´s aber auch ohne.

Hier geht es zur Interview-Reihe Chefinnen-Gespräch
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