Coronavirus in Salzburg
Zukunftsvisionen: Salzburg nach Corona

Hans Holzinger, pädagogischer Leiter der Robert‐Jungk‐Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg.
  • Hans Holzinger, pädagogischer Leiter der Robert‐Jungk‐Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg.
  • Foto: JBZ – Reinhard Geiger
  • hochgeladen von Julia Hettegger

Salzburgers Zukunftsforscher Hans Holzinger entwirft beruflich Utopien anderer Zukünfte: Er plädiert für eine Welt nach der Corona-Krise "in der 'das Gute Leben' wieder für alle möglich ist".

Herr Holzinger, wagen Sie für uns einen Blick in die Zukunft, wie wird Salzburg nach der Corona-Situation aussehen?
HANS HOLZINGER: Das ist schwer zu sagen. Die verordneten Maßnahmen zeigen, dass wir, wenn es nötig ist, durchaus zu Einschränkungen in der Lage sind. Die Mehrheit der SalzburgerInnen hält sich daran. Und es gibt viele Beispiele des gelebten Zusammenhalts. Auch wenn man nichts beschönigen darf: Die Maßnahmen treffen sozial schwächere sicher stärker und Homeoffice ist nicht für alle möglich. Das andere sind die noch nicht zur Gänze abschätzbaren wirtschaftlichen Folgen. Gerade Salzburg lebt sehr stark vom Tourismus, dieser ist ja zu hundert Prozent eingebrochen. Es kommt auf die Maßnahmen an, die beschlossen werden und wie diese wirken. 

Wird ein Umdenken zum Beispiel in der Wirtschaft stattfinden?
HANS HOLZINGER: Fatal wäre, wenn die Krise nicht zu einem wirtschaftlichen Umdenken führen würde: Es müssen keine Millionen an Dividenden für Aktionäre ausgeschüttet werden. Es geht auch bescheidener. Ich hoffe, dass die sogenannten systemerhaltenden Tätigkeiten im Gesundheitsbereich, in der Lebensmittelversorgung, der Betreuung anderer Menschen, denen derzeit zu Recht applaudiert wird, auch nach Überwindung der Krise mehr Anerkennung erhalten – auch bei Lohnverhandlungen.

Was macht Corona mit uns Salzburgern selbst?
HANS HOLZINGER: In einer solchen Krise geht wohl jeder seine Liste im Kopf durch, was wirklich wichtig ist im Leben: Gesundheit, Familie, Freunde, eine gesicherte Existenz usw. Manche sagen, das Innehalten, die Auszeit, die Entschleunigung, das Überdenken unserer Prioritäten tue uns gut. Das hat aber zynisch, wenn es um Menschenleben geht. Diese Auszeit darf man nicht romantisieren, Homeoffice mit Kindern am Schoß ist sicher nicht gemütlich; Arbeitslos zu sein auch nicht. Das Überdenken von Prioritäten ist angesichts unserer Stressgesellschaft mit ihrer Innen- und Umweltzerstörung auch ohne Coronavirus nötig."

Die Prioritäten verschieben sich. Mir kamen Nachrichten wie "Formel 1-Saison muss verschoben werden" oder "Deutsche Bundesliga ausgesetzt" auf einmal völlig absurd vor.
Hans Holzinger, pädagogischer Leiter der Robert‐Jungk‐Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg

Birgt diese Situation eventuell auch Vorteile für unsere Zukunft?
HANS HOLZINGER: Eine positive Erfahrung könnte sein, dass wir durchaus mit weniger Arbeiten das Auslangen finden könnten, eine faire Verteilung des Erwirtschafteten vorausgesetzt und, dass eine Art Grundeinkommen – als "Kriseneinkommen" – durchaus Sinn machen könnte.
Die Wiederaufwertung des Nahfelds, der Familie, der Nachbarschaften im Wohnbereich, im Stadtteil könnte auch eine bleibende Erfahrung sein. Schön finde ich die Solidarität mit dem lokalen Handel und die Kreativität mit der viele auf Onlineversand umgestellt haben. Vielleicht entsteht aus der Krise eine neue Ökonomie der Nähe sowie der Verbundenheit. Auch die Wertschätzung für die regionale Landwirtschaft sowie lokale Produzenten wird hoffentlich über die Krise hinaus anhalten. 
 

Am Nachhaltigsten wird wohl aber im Bewusstsein bleiben, was krisenfeste Gesellschaften ausmacht – das reicht von intakten Sozialnetzen über funktionierende Infrastrukturen bis hin zu einem qualitativ und quantitativ gut ausgebauten öffentlichen Gesundheitssystem. Mehr Resilienz wird in einer Welt der globalen Güterketten generell wichtiger, sie zählt aber besonders im Bereich Medikamente, Schutzausrichtungen u.ä. Mittlerweile produzieren ja wieder österreichische Unternehmen Dinge wie Schutzmasken.
Hans Holzinger, pädagogischer Leiter der Robert‐Jungk‐Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg


Was lernen wir Salzburger aktuell?
HANS HOLZINGER: Wir lernen dass es Bedrohungen gibt, für die wir aktuell noch kein Gegenmittel haben. Das ist eine neue Ohnmachtserfahrung, eine Erfahrung jedoch, die viele Menschen in benachteiligten Weltregionen seit vielen Jahren täglich machen. Wir lernen, dass durchaus gemeinschaftliche und gesellschaftliche Ressourcen mobilisiert werden können, wenn Bedrohungen im Raum stehen. Eine Erfahrung, die wir etwa auf die drohende Klimakrise, deren Peak noch lange nicht überschritten ist, übertragen sollten. Wir lernen, das Shoppen nicht das Wichtigste ist und dass soziale Gerechtigkeit und sozialer Ausgleich wichtige Säulen funktionierender demokratischer Gesellschaften sind.

Man liest aktuell häufig „Nichts mehr wird danach noch so sein wie früher“. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
HANS HOLZINGER: Das klingt dramatisch. Vieles wird so sein wie früher, vieles wird anders sein. Die Schärfung des Bewusstseins dafür, was wirklich zählt im Leben, wird länger anhalten. Und, was die wirtschaftliche- und damit auch die soziale Krise betrifft, hängt vieles davon ab, wie lange die Notmaßnahmen aufrecht sein werden. Je länger, um so stärker natürlich die Einbrüche. In jedem Fall müssen die Unterstützungsmaßnahmen für Unternehmen sozial und ökologisch treffsicher sein. Denn die Klimakrise bleibt uns erhalten und schlägt irgendwann auch stärker zu. Und wir müssen uns auch wieder anderer Krisen, wie jener der Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen, erinnern.

Wird das also eine gute, oder eine schlechtere Zukunft?
HANS HOLZINGER: Krisen bergen immer die Gefahr der Regression von Gesellschaften und des Anwachsens autoritärer Tendenzen. Davor müssen wir auf der Hut sein. Die aktuelle Krise bietet  die Chance zu einem mentalen Bewusstseinswandel. In Zukunftswerkstätten entwerfen wir Utopien anderer Zukünfte. Warum sich nicht eine Welt und Wirtschaft vorstellen, in der wieder die Grundbedürfnisse im Vordergrund stehen, das "Gute Leben für alle", in der Wissen und Know How global geteilt wird, aber produziert wird vorwiegend regional, wie dies bei Industrie 4.0 angedacht ist?!

Newsletter Anmeldung!

Du willst Infos, Veranstaltungen und Gewinnspiele aus deiner Umgebung?

Dann melde dich jetzt für den kostenlosen Newsletter aus deiner Region an!

ANMELDEN

Newsletter Anmeldung!


Kommentare

?

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Aktuell

Regionaut werden!

Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?
Werde Regionaut!

Regionaut werden!




Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Du möchtest selbst beitragen?

Melde dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Foto des Tages einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen