Stille Leiden - „Tabukrankheiten“ wie Stuhlinkontinenz

Mit gezielten Beckenbodenübungen und der richtigen, und vor allem frühzeitigen Abklärung ist Stuhlinkontinenz meist in den Griff zu bekommen.
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BEZIRK (ebd). Viele Menschen mit Inkontinenzproblemen leiden still. Nur wenige sprechen darüber oder suchen medizinische Hilfe. Mit gezielten Beckenbodenübungen und der richtigen, und vor allem frühzeitigen Abklärung und Behandlung ist Stuhlinkontinenz meist jedoch gut in den Griff zu kriegen.

Die Ausscheidung von Stuhl und Harn ist für jeden Menschen – ob gesund oder krank, jung oder alt – eine existentielle Wichtigkeit. Dem Kleinkind wird mit Akribie die regelrechte und kontrollierte Darmentleerung zum frühestmöglichen Zeitpunkt anerzogen („Toilettentraining“). Spätestens mit Erreichen dieses Zieles jedoch gelten die Stuhlentleerung und seine Unregelmäßigkeiten als Tabu, sodass Patienten mit etwa Stuhlinkontinenz (Unfähigkeit den Stuhlgang zu kontrollieren) selbst ihrem behandelnden Arzt gegenüber ihre Beschwerden nicht oder nur zögernd berichten. Die Unfähigkeit den Stuhlgang zu kontrollieren wirft – zum Unterschied von einer Harninkontinenz, die zwar häufiger auftritt, mit der sich jedoch einfacher umgehen lässt – für die Betroffenen große Probleme, Angst und Scham auf. „Um sich peinliche Situationen zu ersparen werden Freizeitaktivitäten zunehmend vermieden, viele machen etwa nur noch kleine Ausflüge, um kurze Wege zu den Toiletten zu haben. Das kann bis zur Depression und völligen Isolation führen“, weiß Primar Dr. Christoph Kopf, Leiter der Abteilung Chirurgie am LKH Schärding und Vorstandsmitglied der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich.

Basierend auf klinischen Studien schätzt man heute, dass ca. fünf Prozent der Bevölkerung Probleme haben ihren Stuhlgang zu kontrollieren, wobei die Häufigkeit mit zunehmendem Alter steigt und am höchsten bei den über 65-jährigen liegt (zehn bis 15 Prozent). „Gerade in einer Zeit steigender Lebenserwartung darf die Stuhlinkontinenz nicht nur als ein individuelles Problem gesehen werden, sondern muss als ein gesellschaftliches Problem erkannt werden. In Oberösterreich wurde zum Beispiel von der Landesgruppe der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich ein Kontinenzstammtisch gegründet, um die interprofessionelle Zusammenarbeit zu verstärken“, berichtet der erfahrene Mediziner.

Ursachen
Stuhlinkontinenz kann durch verschiedene Faktoren begünstigt werden – beginnend von einer geänderten Stuhlbeschaffenheit bei Durchfall oder einer entzündlichen Darmerkrankung bis hin zu Sensibilitätsstörungen im Mastdarm wie etwa bei Diabetes. Auch Defekte des Verschlussapparates des Enddarms im Zuge einer oder mehrerer Geburten oder nach operativen Eingriffen am After, die den Beckenboden schwächen, können eine Stuhlinkontinenz fördern. Oftmals kommen nicht sichtbare Schließmuskeldefekte hinzu.

Abklärung
Zunächst sollte mit Arzt oder Ärztin das WAS, WIE, WODURCH und WANN genau herausgearbeitet werden. „Trauen Sie sich“, ermutigt Prim. Kopf. Anschließend folgt die Untersuchung der Anogenitalregion (besonders End- und Mastdarm). Bewährt hat sich eine Endoskopie (Darmspiegelung), um Veränderungen (Polypen, Tumore oder Mastdarmvorfall) auszuschließen. Weitere Spezialuntersuchungen sind die Manometrie (Druckmessung im Enddarm) und der Ultraschall des Schließmuskelapparates mit dem Defekte des Muskels dargestellt werden können. Anhand dieser vielfältigen Untersuchungsmöglichkeiten ist es in den meisten Fällen möglich, die Ursache der Inkontinenz zu klären und so die PatientInnen einer individuellen Therapie zuzuführen.

Therapie
Die therapeutischen Möglichkeiten sind bereits breit gefächert, wobei wir zwischen konservativen und chirurgischen Therapieoptionen unterscheiden müssen. „Zu uns kommen PatientInnen, deren Leidensdruck oft viele Jahre andauert. Dabei kann in 80 Prozent der Fälle mit einer konservativen Behandlung eine Verbesserung - zumindest im Umgang mit dem Problem - erzielt werden“, schildert Kopf. Zu den konservativen Behandlungsansätzen zählen verhaltens- und stuhlregulierende Maßnahmen, wie Änderung der Ernährungsgewohnheiten, medikamentöse Eindickung des Stuhles und Ausnützen physiologischer Reflexe. „Häufig ist das Erlernen eines Beckenbodentrainings oder die Durchführung eines sogenannten „Biofeedbacktrainings“ hilfreich“, so der Mediziner. Führen die konservativen Behandlungen nicht zum gewünschten Erfolg, ist bei 15 bis 20 Prozent der Betroffenen eine Operation notwendig. Hier gibt es verschiedene Verfahren, beginnend bei einer Rekonstruktion des Schließmuskels bei umschriebenen Defekten, über eine Modulation der Beckennerven durch Implantation von Elektroden bis hin zu einem künstlichen Analschließmuskel.

Übung zur Stärkung des Beckenbodens
• Auf Gymnastikball setzen.
• Beim Ausatmen Muskeln rund um den After anspannen, als wollten Sie ihn nach innen ziehen, Bauch- und Pomuskeln bleiben locker.
• Muskeln entspannen. Zehn Wiederholungen, dreimal täglich
Diese Übung ist auch im Stehen möglich und kann daher gut in den Alltag eingebaut werden, wie etwa beim Zähneputzen.

Mit gezielten Beckenbodenübungen und der richtigen, und vor allem frühzeitigen Abklärung ist Stuhlinkontinenz meist in den Griff zu bekommen.
Primar Christoph Kopf
Autor:

David Ebner aus Schärding

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