Alois Ellmer
Wirtschaftskammer hat schon viele Krisen erlebt

Alois Ellmer, Leiter der Wirtschaftskammer Schärding, spricht im Interview über die Bewältigung der Corona-Krise.
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SCHÄRDING (juk). Alois Ellmer, Leiter der Wirtschaftskammer Schärding, spricht im Interview über frühere Krisen und welche Branchen in Schärding von der aktuellen Corona-Krise besonders betroffen sind. 

Sie sind schon lange in der Wirtschaftskammer aktiv und haben dadurch schon einige andere Krisensituationen erlebt. Welche waren das und sind sie überhaupt mit der aktuellen Corona-Krise vergleichbar?
Erinnerlich sind mir die Ölkrisen in den 70er Jahren, die schwere Rezessionen in der Industrie verursacht haben, einen autofreien Tag pro Woche und als Spätfolge die Einführung der Sommerzeit. Weiters die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 – ausgelöst von der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers – die eine Lawine ins Rollen brachte, das globale Finanzsystem infizierte und zahlreiche Staaten in eine Schuldenkrise stürzte. Diese Krise war eine Vertrauenskrise. Hauptprobleme stellten Fremdwährungskredite dar – vor allem in Schweizer Franken. 38 Milliarden hatten die Österreicher aushaftend. Dazu kamen marode Institute wie Kommunalkredit, Hypo Alpe Adria und viele mehr. Bei der Corona Krise handelt es sich um eine globale Gesundheitskrise mit schwerwiegenden Auswirkungen auf das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben. Die ersterwähnten Krisen haben wir alle erfolgreich bewältigt –  bei der Corona Krise steht uns das noch bevor.

"Die Wirtschaftskammer ist der Arzt für Unternehmen.“ Wie genau meinen Sie das?
Wir stehen in der Wirtschaftskammer Bezirksstelle Schärding als erste Anlaufs- und Hilfestelle für unsere Mitglieder für alle Fragen und Probleme rund um die Bewältigung der Corona Krise zur Verfügung, zum Beispiel Fragen zur Kurzarbeit, Härtefallfonds, Hilfsfonds, Lieferservice etc. Dabei werden wir von den Spezialisten in der Servicestelle der WKO und von den Branchen unterstützt. Ich denke, dass auch unsere digitale Informationsplattform „Corona Info Point“ hier wichtige Dienste leistet.

Welche Branchen im Bezirk Schärding leiden am meisten unter der Krise?
Sehr schwierig ist und bleibt die Situation bei Tourismusbetrieben, Hotellerie und Gastronomie, Reisebüros, Bus- und Taxiunternehmen. Veranstaltungsbetriebe im Kultur- und Sportbereich aber auch Handels- und Handwerksbetriebe erleiden dramatische Umsatzeinbußen. Bei einigen Brachen kommt es im Moment durch die schrittweise Lockerung zu Erleichterungen, zum Beispiel Fußpfleger, Friseure, Kosmetiker, Masseure und anderen Berufen. 

Wie beurteilen Sie die von der Bundesregierung bisher geschnürten Hilfspakete für die Wirtschaft?
Ambitioniert und zum Teil alternativlos wie zum Beispiel die Kurzarbeitshilfe. Aber nicht bei jedem kommt diese Schnell- bzw. Soforthilfe der Regierung an. Daher hat sich die Wirtschaftskammer für Verbesserungen bei der praktischen Umsetzung eingesetzt. Viele Unternehmen haben uns ihre Anliegen vorgebracht. Diese wurden an die Regierung rückgemeldet und es konnten praxisnahe Änderungen erreicht werden, beispielsweise die Erweiterung des Betrachtungszeitraumes für Härtefallfonds II für weitere drei Monate oder Einführung einer Mindestförderhöhe von 500 Euro für Jungunternehmer

Auf der Website der Wirtschaftskammer präsentierten Schärdinger Firmen während des Lockdowns ihre Liefer- oder Abholservices. Welche Resonanz haben Sie darauf bekommen?
Sehr positive Resonanz, das beweist auch die Zahl der 185 teilnehmenden Unternehmen, wo wir im Vergleich mit unsern Nachbarbezirken im Innviertel gleichauf liegen. Eine Firma darunter hat auch angeboten, einen Teil ihres Umsatzes an in Not geratene Unternehmer oder gemeinnützige Vereine zu spenden.

Im Mai dürfen viele Unternehmen wie Wirte oder Hotellerie unter strengen Auflagen wieder aufsperren – gab es bei der Umsetzung der Auflagen Probleme, bei denen die Wirtschaftskammer zu Rate gezogen wurde?

Die Bundesregierung hat bereits wichtige Schritte für ein Wiederhochfahren bekannt gegeben und schafft das Licht am Ende des Tunnels. Die Wirtschaftskammer hat mit dem BMLRD eine Leitlinie für Gastronomiebetriebe erstellt, um Gästen und Mitarbeitern Schutz vor Covid 19 zu geben und diese auf die Webseite www.sichere-gastfreundschaft.at gestellt. Die Wirtschaftskammer und ihre Branchenvertretungen konnten in intensiven Verhandlungen wesentliche Neuerungen bei gleichzeitiger Sicherstellung des Gesundheitsschutzes erreichen. Ab 15. Mai folgt die Öffnung der gastronomischen Betriebe und ab 29. Mai in den Beherbergungsbetrieben für private Nächtigungen. 

Virologen halten einen zweiten Shutdown im Herbst für nicht ausgeschlossen. Was würde das für die Wirtschaft bedeuten?
Das muss jedenfalls verhindert werden und brauchen wir daher einen sicheren Weg in die Normalität, den wir gemeinsam mit Zusammenhalt, Solidarität, Zuversicht und Vernunft schaffen werden.

Als Grenzregion hat Schärding enge wirtschaftliche Verbindungen mit Bayern. Haben die Grenzkontrollen negative Auswirkungen auf den Handel mit Bayern?
Das Wiederhochfahren der regionalen Wirtschaft sollte an der Grenze nicht Halt machen. Für die Unternehmen, Pendler und Menschen in der Grenzregion sind die Nachbarn von drüben Teil ihres Wirtschafts- und Lebensraumes. Der kommende Europatag am 9. Mai soll daher ganz im Zeichen der Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft und Öffnung der geschlossenen Grenzstellen stehen. Tankstellenhändler, Bäcker, Fleischer, erleiden durch die derzeit eingeschränkte Passierbarkeit der Grenze erhebliche Umsatzeinbußen und werden ihnen die Kunden aus dem benachbarten Bayern regelrecht weggesperrt. Pendler müssen zig Kilometer Umwege und Verspätungen am Weg zu ihrem Arbeitsplatz in Kauf nehmen.

Stichwort Pension: Was möchten Sie als Leiter der Wirtschaftskammer noch umsetzen und haben Sie schon private Pläne für die Pension?
Ich habe zwar kürzlich das 62. Lebensjahr vollendet, fühle mich aber noch nicht fit für den Unruhestand, gilt es doch gerade jetzt in diesen schwierigen Zeiten viele Aufgaben und Herausforderungen zu bewältigen, aufgeschobene Projekte zu finalisieren und den Mitgliedern vor Ort mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

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Autor:

Judith Kunde aus Schärding

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