07.09.2016, 10:49 Uhr

RMagazin Buchtipp: Ernest van der Kwast "Die Eismacher"

Die Eismacher von Ernest van der Kwast

Drei Kugeln Vanille, Schokolade, Erdbeere – von Mirjam Dauber

Kennen Sie „il cadore“? Hinter diesem wohlklingenden Namen verbirgt sich das „Tal der Eismacher“, jene Gegend in Venetien, in den Dolomiten, aus der viele der in Europa tätigen italienischen Eisdielen-BesitzerInnen stammen. Seit den 1920er Jahren machen sie sich für mehrere Monate im Jahr auf, verlassen ihren Heimatort, produzieren und verkaufen die süße Gaumenfreude in den Städten des Nordens. In Ulm und Köln, in Amsterdam und Rotterdam. Zurück bleiben ihre schulpflichtigen Kinder, leben von den Eltern getrennt, bei Verwandten oder im Internat. Mit all den emotionalen Entbehrungen, weil es immer so war, weil sie Eismacher sind. Die Großväter, Väter und Söhne, die Großmütter, Mütter und Töchter an ihrer Seite. Sie haben Schwielen vom Rühren in den Maschinen, sie vermissen den italienischen Sommer, sind zerrissen zwischen den beiden Orten, an denen sie leben und lassen immer etwas zurück. Davon erzählt der indisch-niederländische Autor Ernest van der Kwast in seinem neuen Roman „Die Eismacher“ anhand der Familiengeschichte der Talaminis. Aber er erzählt noch mehr. Von der Faszination und den Anfängen der Speiseeisproduktion; vom Urgroßvater, der in Venas die Cadore in die Berge stieg, Schnee holte und mit dicker Sahne und der Kirschmarmelade seiner Mutter eine noch nie da gewesene Köstlichkeit zauberte. Van der Kwast erzählt von der Liebe. Der Geschwisterliebe zwischen den so unterschiedlichen Brüdern Giovanni und Luca, der zärtlichen Zuneigung zur bezaubernden Sophia mit all ihren Folgen. Und davon, was passiert, wenn einer ausbricht, wenn die Liebe zur Poesie, zur Literatur, zur Freiheit stärker ist als die Bande familiärer Traditionen. „Mein Bruder hielt mir einen Löffel mit Eis vor den Mund. Ich schaute in seine Kalamata-Augen, ich erwiderte den Blick. Dann öffnete ich den Mund, und er fütterte mich mit seinem Eis. Die Textur war unglaublich fein und glatt, samtig. Es lag an den Millionen winziger Eiskristalle in der Masse.“ Mit diesem Roman kann man einen Sommer ausklingen lassen, noch einmal die süße Kälte auf der Zunge spüren, bis zur nächsten Eissaison.
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