08.07.2016, 10:04 Uhr

Bock Luis und seine vier Geißen - Zuwachs für die „Wild-WG“

Bei der Berliner Hütte im Zemmgrund wurden die vier Steingeißen Edelweiß, Emma, Nina und Rosi sowie Bock Luis ausgewildert.
Ginzling: Berliner Hütte |

Zum 25-Jahr-Jubiläum macht sich der Hochgebirgs-Naturpark Zillertaler Alpen ein besonderes Geschenk. Jeweils fünf junge Steinböcke werden 2016 und 2017 ausgewildert. Die ersten wurden bei der Berliner Hütte in die Wildnis entlassen.

Im Zillertal galt der Steinbock lange Zeit sogar als autochthone Art, d. h. er hat sich hier fortgepflanzt und ist nicht durch menschliche Hilfe - etwa im Zuge von Arealerweiterungen - eingewandert. Da er aber immer seltener gesichtet wurde, kaufte Franz Fankhauser vulgo "Kern Frånz" aus Madseit 1968 eine kleine Steinbock-Kolonie, um sie im Tuxertal einzusetzen (Quelle: Tux-Buch, Edition Tirol 2013). Die „Räude“ (eine anzeigepflichtige Tierseuche) hat das Steinwild in den letzten Jahren allerdings wieder stark dezimiert. Auf Initiative der Tauernkraftwerke gab es nach dem Bau der letzten Zillerkraftwerke schon 1987 eine Auswilderung. Diese erfolgte damals in der Gunggl.

Willkommen in der "Wild-WG"

Der Innsbrucker Alpenzoo hat die Tiere in Kooperation mit dem Tiergarten Nürnberg ausgewählt, die tierärztliche Kotrolle übernommen und den Transport der Jahrlinge und der zweijährigen Steinböcke organisiert. Bevor die fünf jungen Tiere am 6. Juli im Zemmgrund ankamen, waren sie (drei aus Nürnberg, zwei aus Innsbruck) eine Woche lang zur Eingewöhnung in einem gemeinsamen Alpenzoo-Gehege. Eine Menschenkette am Tag der Auswilderung sollte „die jungen Steinböcke beim Öffnen der Transportbox von der Flucht nach unten abhalten und nach oben rennen lassen", so Willi Seifert. Abgesehen von Geiß „Rosi“ entschieden sich Bock Luis und die drei weiteren Geißen Edelweiß, Emma und Nina für den Sprung in das ungewohnt große Gehege. Mit Laufschritten konnte die junge Ausreißerin von Tierarzt Matthais Seewald doch noch zu einem Richtungswechsel motiviert werden. „Ich glaube, die fünf werden heute noch im Gelände den Zaun suchen, wo der Pfleger Tag für Tag mit dem Futter wartet“, meinte einer der anwesenden Beobachter augenzwinkernd, denn „Leben im Tiergarten und Überleben in freier Wildbahn sind zwei Paar Schuhe“. Für ein Monitoring wurden zwei der Tiere mit einem GPS-Sender ausgestattet. Dieser sendet mehrmals am Tag ein SMS mit dem Aufenthaltsort. Davon erwarten sich Naturpark und Österreichische Bundesforste Aufschlüsse über die Lebensweise der neuen WG-Bewohner.

Auswilderung 2017 bei der Greizer Hütte

"Eine Begegnung mit Steinböcken von Angesicht zu Angesicht ist immer ein spezieller Höhepunkt", meint Willi Seifert, "obwohl man ihnen im Hochgebirge relativ nahe kommen kann". Der gebürtige Bayreuther ist Geschäftsführer des Naturparks und schon eine beträchtliche Zeit mit diesem Projekt beschäftigt. Viele Tier- und unzählige Pflanzenarten machen den Naturpark zu einer Art Wohngemeinschaft. Und diese "Wild-WG" wir nun nicht nur um das Steinwild erweitert, sondern "um rund 45 km2 vergrößert", so der diplomierte Geograf weiter. Unterstützt wurde dieses spezielle Projekt des österreichsichen Naturparks 2015 übrigens aus Mitteln des Talschaftsvertrages, den Österreichischen Bundesforsten, von Zillertal-Bier, den Mayrhofner Bergbahnen und den Hintertuxer Gletscherbahnen sowie von den Naturparkschulen VS Brandberg und VS/NMS Tux. Weitere fünf Steinböcke werden 2017 im Bereich der Greizer Hütte wieder angesiedelt.



Zum Thema:
Durch extreme Bejagung stand das Steinwild schon in der Mitte des 17. Jahrhunderts vor dem endgültigen Aus. Grund dafür war die angebliche Heilwirkung von Herz, Haaren, Blut, Hoden und sogar Exkrementen. Ihre Kletterkünste sind einmalig und atemberaubend. Einem Förster und einem Naturkundler verdanken wir außerdem den Erhalt des "Königs der Alpen". Die beiden konnten die Behörden von der Schutzbedürftigkeit dieses edlen Tiers im Gran Paradiso überzeugen. Der italienische König Viktor Emanuel II. machte die Region zu einem seiner Jagdreviere, engagierte Steinbock-Wilderer als Aufpasser und stellte die Steinböcke unter Schutz. Ab 1911 erfolgte von dort aus die Wiederbesiedlung im übrigen Alpenraum.

Lebensweise des Steinwilds in der "Wild-WG"
Steinböcke gelten als sehr soziale Wildtiere, denn sie sind meist im Rudel unterwegs. Im gesamten Alpenraum leben rund 45.000 Böcke, Geißen und Kitze, davon etwas mehr als 4.400 in Österreich. Sie erreichen rund 150 cm Kopfrumpflänge und etwa 90 cm Schulterhöhe. Ein ausgewachsener Bock wird zwischen 90 und 100 kg schwer. Ab Oktober wird mithilfe von Rangordnungskämpfen jener Bock für die (im Dezember beginnende) Brunftzeit bestimmt, dessen DNA weitergegeben wird. Bei der Geburt der (höchstens zwei) Kitze im Mai und bei der Futtersuche kommt der Geiß ihr Gewicht mit durchschnittlich 40 kg sehr entgegen. Junge Steinböcke können zwar vom ersten Tag an laufen, werden von der Mutter aber ein ganzes Jahr lang gesäugt. Ebenso wie bei den Gämsen kümmert sich die Geiß in der „Kinderstube“ nicht nur dem eigenen Nachwuchs, sondern zieht auch junges Steinwild zusammen mit anderen Geißen auf.
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