08.11.2017, 14:06 Uhr

Peter Habeler: Die Autorität am Berg

Prof. Peter Habeler feierte kürzlich seinen 75sten Geburtstag. Als Geschenk hat er, zusammen mit einem der besten Kletterer der Welt, David Lama, die Eiger Nordwand durchstiegen. Habeler ist ein Mann von Welt und wenn er erzählt hängt man regelrecht an seinen Lippen. Im Jahr 1978 hat er, zusammen mit Reinhold Messner, als erster Alpinist der Welt den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen. Eine Leistung die Habeler zur lebenden Legende gemacht hat. Die BEZIRKSBLÄTTER-Redaktion trafen den topfiten Prof. Habeler zum Interview und es wurde schnell klar, dass dieser Mann für die Berge lebt. Habeler hat aber auch abseits von Bergsteigergeschichten viel zu sagen und kann aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz erzählen.

BB: Herr Prof. Habeler – sie sind selbst Zillertaler aus der Gemeinde Finkenberg. Das Tal ist äußerst Tourismusintensiv. Aus Ihrer Sicht – verträgt es noch mehr Tourismus?
HABELER: „Ich komme ja viel herum und kann sagen, dass wenn ich heim ins Zillertal komme, ich den meisten Verkehr habe. Das ist eine Tatsache die sich auch so ohne weiters nicht ändern lässt denn es leben sehr viele Menschen bei uns vom Tourismus. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass bei uns oft genug, auch noch nicht genug ist. Die Wertschöpfung könnte durchaus besser sein und man sollte sich nicht nur auf die Masse konzentrieren weil es tatsächlich zuviel wird. Ich verstehen sehr gut, dass viele Leute zu uns kommen denn das Zillertal hat wunderbare Gebiete und ist äußerst bekannt. Egal wo ich hinkomme – das Zillertal kennt man überall. Der Alpenhauptkamm z.B. ist ein regelrechtes Eldorado zum Kletter, Wander und Touren gehen und ich verstehe, dass die Leute das sehen bzw. erleben wollen.“

BB: Hat der Alpintourismus sich über die Jahre auch so stark gesteigert?
HABELER: „Natürlich spielt die derzeitige weltweite Sicherheitslage eine Rolle von der Tourismusdestinationen wie das Zillertal sicherlich profitieren. Was noch dazu kommt ist, dass sehr sehr viele Menschen die Schönheit der Berge für sich entdecken und das hat sich über die Jahre mit Sicherheit gesteigert. Natürlich trägt die Werbung ihren Teil dazu bei und es gefällt mir besonders, wenn viele Junge Leute auch im Sommer zu uns kommen. Die Berghütten und Almen bei uns sind wunderschön und wir heben ein Hüttennetz wie es wenig andere Gebiete haben. Greizer-, Kasseler- oder Olpererhütte sind nur einige Beispiele dafür und die Etappen von Hütte zu Hütte sind überschaubar. Der Peter Habeler Weg erschließt z.B. den westlichen Teil der Zillertaler Alpen sehr gut und ich bin froh darüber, dass auch dieses Gebiet für die Menschen jetzt gut erreichbar ist.“

BB: Wie war das nochmal mit dem Peter-Habeler-Weg? Wie ist der entstanden?
HABELER: „Den hat man mir sozusagen zum 70er geschenkt. Man geht auf dem Weg rund um den Olperer, Schrammacher und Kraxentrager. Es handelt sich dabei um eine länderübergreifende Geschichte. Man geht nach Südtirol auf die Landshuter Hütte und über das Wipptal zurück auf das Tuxer Joch. Dass dieser Weg/Steig nach mir benannt ist macht mir natürlich eine große Freude und ist gleichzeit eine ebenso große Ehre.“

BB: Nur so aus Interesse – warum sind die Hütten bei uns fast alle nach deutschen Städten benannt?
HABELER: „Das ist eine interessante Geschichte denn um die Jahrhundertwende waren die Zillertaler ja quasi sehr arme Leute. Ein bisschen Tourismus, Landwirtschaft und das wars. Der Österreichische Alpenverein war damals mit dem deutschen gekoppelt und man hat den Deutschen dieses Gebiet angeboten sprich das Zillertaler Gebiet inklusive Gerlos. Man wollte das Gebiet damals dem Schmied und nicht dem Schmiedl geben und so wurde das eingefädelt, dass Städte wie Gera, Kassel oder Berlin hier zum Zug kamen, die Hütten bauten und das Gebiet erschlossen.“

BB: Zurück zum Tourismus – ist es am Berg über die Jahre gefährlicher geworden oder täuscht der Eindruck?
HABELER: „Dadurch, dass soviel mehr Leute unterwegs sind passiert auch mehr. Aber ich sage immer einen Satz den ich für sehr wichtig erachte. Im Gebirge ist weniger mehr. Ich spreche hier als Bergführer und nicht als Extrembergsteiger. Das bedeutet übersetzt – herunter vom Gas, Konzentration, Kondition etc. Viele Leute starten auf ein Tour nicht wissend, dass das Gebirge gefährlich ist. Es geht auf und ab, es ist steil und es dauert oft sechs bis sieben Stunden bis man am Ziel ist. Außerdem möchte ich ganz klar sagen, dass mir der Begriff „alpine Wege“ gar nicht gefällt. Das ist deshalb so weil diese „alpinen Wege“ Steige sind. Sowohl der Berliner Höhenweg als auch der Peter-Habeler-Weg ist ein Steig und kein Weg. Unter einem Weg versteht die z.B. deutsche Touristin aus Cuxhaven auch einen Weg auf dem man gut gehen kann. Wenn der Begriff „Steig“ verwendet wird sieht die Welt schon anders aus. Kurz gesagt war früher auch viel los aber bei weitem nicht soviel wie heute und natürlich gab es bei weitem nicht soviele Autos.“

BB: Denken Sie dass es Leute gibt die trotz den Gefahren die Touren machen und sich denken dass man im Ernstfall ohnehin vom Hubschrauber oder der Bergrettung geholt wird?
HABELER: „Da sind wir jetzt beim Knackpunkt der Geschichte und da geht es jetzt um die sogenannte Vollkaskomentalität. Es kann z.B. nicht sein, dass der Polizeihubschrauber gratis fliegt. Das kann vor allem deshalb nicht sein weil sehr viele Menschen das jetzt wissen und bewusst diese Nummer anrufen weil sie wissen dass es dann nichts kostet. Wenn man mit dem Gedanken auf den Berg geht, dass man ja ohnehin geholt wird so ist das falsch und gehört sich nicht. Aber die Sache ist klar denn einer macht es vor und andere tun dasselbe. Das ufert dermaßen aus und da muss ich ehrlich sagen, dass ich dafür absolut keine Verständnis habe. Da gehört, meiner Ansicht nacht, was verändert. Wir haben bei uns ein Überangebot an Hubschraubern mit 17 oder 18 Hubschraubern. Wir haben weltweit die größte Hubschrauberdichte. Mich hat man ja heuer auch vom Berg geholt weil ich mich am Bein verletzt habe und ich war natürlich auch froh aber es ist ein Tatsache, dass es ausufert. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Berge natürlich auch durch den Klimawandel gefährlicher geworden sind.“

BB: Ist bei manchen auch das Timing am Berg ein Problem? Stichwort zu spätes losgehen.
HABELER: „Man muss nicht immer um 04:00h losgehen aber heutzutage wird schon immer häufiger spät losgegangen. Es ist generelle so dass Leute um 08:00h aufstehen und dann bis 10:00h brauchen bis sie einmal losgehen. Wenn man man da eine Tour von 6/7 Stunden vor sich hat geht sich das nicht mehr aus. Da kann die Ausrüstung noch so gut sein aber das bringt dann nichts mehr denn das Equipment ist nur so gut wie der Mensch der es benützt. Das Timing passt nicht mehr und man versucht von allen Seiten die Leute darauf aufmerksam zu machen aber viel glauben dass alles machbar ist und das ist die falsche Einstellung.“

BB: In Ihrer Tätigkeit als Bergführer – hatten Sie mal eine Gruppe wo sie gesagt haben, dass diese oder jene Tour nicht machbar ist.
HABELER: „Natürlich hat man oft auch schwächere Leute dabei aber da habe ich oft auch einen Wechsel des Ziels gemacht. Wenn ich sehe dass der betreffende schon auf die erste Hütte mehr oder weniger hinaufstolpert werde ich es nicht noch weiter herausfordern. Ich hatte nie ein Problem damit dass jemand meine Autorität am Berg angezweifelt hat. Der Bergführer ist bestens ausgebildet aber manche lassen sich auch von ihrer Klientel aufhetzen so nach dem Motto „wir können das schaffen“. Durch mein teils extremen Touren und Tätigkeiten hatte ich mit der Autorität nie ein Problem. Wenn ich gesagt habe, dass gewisse Dinge nicht machbar sind dann wurde das immer akzeptiert. Was auch sehr wichtig ist, ist die Info von den Hüttenwirten denn meist sind dieses selbst sehr bergaffin und kennen sich im Gebiet aus.“

BB: Wie sehen sie, als erfahrener Alpinist, die Erschließung der Berge mittels Liftanlagen? Wo ist Ihrer Ansicht nach die Grenze?
HABELER: „Hier eine Grenze zu ziehen ist natürlich sehr schwer. Natürlich ist das über die Zeit enorm gewachsen aber es ist schwer zu sagen wo hier das Ende der Fahnenstange ist. Wir sind im Zillertal bestens ausgebaut. Natürlich will man immer mehr aber ich glaube, dass es irgendwo an die Grenzen stößt z.B. mit der Beschneiung. Das wir irgendwann ein Problem mit dem Wasser werden und dann muss man sich wirklich was überlegen. Ob die Beschneiung auch in Zukunft so funktionieren kann ist für mich fraglich. Wir haben im Tal richtige Machertypen die das alles vorangetrieben haben aber noch weiterer Verbindungen die angedacht werden sind aus meiner Sicht nicht unbedingt notwendig. Einen Berg mit dem Anderen zusammenzuhängen – ich weiß nicht ob das sinnvoll ist.“

BB: Abschließende Frage Herr Prof. Habeler. Mit welchen prominenten Gästen waren sie denn schon alles am Berg?
HABELER: „Da gibt es einige wie z.B. Wolfgang Schüssel mit dem ich 20 Jahre lang gegangen bin. Dann waren Heinz Fischer, Sebastian Kurz, Bischof Manfred Scheuer, Günther Platter, Wendelin Weingartner und auch Tobias Moretti dabei mit dem ich sehr gerne gegangen bin. Für mich ist das eigentlich nicht so wichtige aber ich finde es nett und interessant mit solchen Persönlichkeiten auf den Berg zu gehen. Es ist wichtig, dass auch diese Herrschaften sich am Berg unterordnen und keinen Blödsinn machen aber da gab es für mich nie ein Problem. Die Demokratie ist am Berg sehr schwer zu praktizieren. Wenn von 10 Personen acht eine andere Meinung haben wird’s am Berg schwierig. Da muss einer der Chef sein und sagen wo's lang geht und das ist meist der mit der meisten Erfahrung.“
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