26.12.2017, 19:37 Uhr

Into the Sun - Interview mit Bernd Zangerl

Bernd Zangerl Into the Sun. (Foto: Ray Demski)
Erstmal vielen Dank, dass du da warst! Wir waren wirklich sehr begeistert und inspiriert von deinem Vortrag! Kannst du uns erzählen, was du mit dem Kletterverein Stonemonkeys und ihrem Heimatterritorium, dem Zillertal, verbindest?
Im Zillertal bin ich meine erste 8b+ geklettert :-) „Total Brutal“....Ich glaub ca. 1997 / 1998. Ich bin damals öfters ins Zillertal gepilgert, weil dort eine hochmotivierte Szene einfach gewaltige Routen und Boulder eröffnet hat. Der Granit bei euch ist wirklich legendär, genauso wie die Stonemonkeys :-)
Ich freue mich sehr, dass der Club heutzutage so viele Mitglieder hat und die Jugendförderung vorantreibt.

Du hast im Vortrag erzählt, dass du als Alpinbergsteiger begonnen hast und nach und nach der Faszination zum Bouldern gefolgt bist. Wie kam es dazu? Und was macht es für dich so besonders?
Ein Felssturz in der Marmolada Südwand war dafür verantwortlich dass ich mich dem Sportklettern widmete. Ich entging damals nur knapp einem Unglück und so verlegte sich der Fokus von 1996 -1999 zum Sportklettern. Sogar an ein paar Weltcups habe ich teilgenommen, aber die Wettkampfmentalität war nicht so meins. Nach ein paar Jahren extremen Kletterns kam ich dann unverhofft zum Bouldern. Thomas Steinbrugger hat mich im Herbst 1999 zu einem Bouldertrip ins schweizerische Tessin mitgenommen. Ich war dermaßen begeistert vom neuen „Spiel am Fels“, dass ich Seil und Karabiner sozusagen an den „Haken“ hängte und jede freie Minute dem Bouldern widmete.
Ich war fasziniert von den unmöglich anmutenden Granitblöcken, wo oft nur Chalkspuren eine Linie, bzw. einen Griff erahnen ließen. Zudem hat mir die damals „lockere“ Szene gefallen, die spielerisch an der Lösung schwerster Projekte arbeitete. Ich liebte es ohne Seil verrückte Bewegungen und Moves zu probieren. Das Bouldern ist für mich die Königsdisziplin und der Kindergarten im Klettersport. Das macht diesen Sport so besonders.

In deiner Sturm-und-Drang-Zeit gab es bei der Auswahl deiner Boulderrouten drei verschiedene Schwierigkeitsgrade: Geht, geht nicht und geht vielleicht. Gab es in dieser Zeit Vorbilder, zu denen du aufgesehen hast und die dich motiviert haben die Grenzen noch weiter nach oben auszubauen?
Zu dieser Zeit war Fred Nicole natürlich mein großes Vorbild. Mit den zahlreichen Routen, die er damals schon eröffnet hatte und der Kraft, die der Schweizer dann an den Fels brachte, wurde er zu meinem Vorbild. Er hat meinen Horizont für den Klettersport erweitert.

Du hast uns auch im Vortrag erzählt, dass dich Fred Nicole bei vielen deiner Kletterreisen begleitet hat und seit der Wiederholung von „Dreamtime“ ein guter Freund geworden ist. Möchtest du uns vielleicht einen kleinen Einblick geben und uns eine lustige Anekdote von euren Abenteuern erzählen?
Fred Nicole und seine Freundin Mary Gabrieli haben mich auf die ersten Reisen in die USA und in die Rocklands mitgenommen. Fred und ich haben uns von Anfang an gut verstanden. Wir haben sofort gemerkt, dass uns nicht nur die „Liebe zum Bouldern“ verbindet, sondern dass wir auch in anderen Lebensansichten viel gemeinsam haben. Über die Jahre ist dadurch eine wunderbare Freundschaft entstanden.
Zusammen haben wir schon viele kleinere & größere Abenteuer erlebt. So spontan fällt mir jetzt eine Zimmersuche in Delhi ( Indien ) ein. Nachdem wir erst spät in der Nacht das günstigste Zimmer gefunden ( 1.-/ 2 Pers. ) haben und uns zum Schlafen niederlegen wollten, machte mich Fred auf das Ungeziefer und die Mücken aufmerksam. Wir wussten damals nicht das Delhi in der Malariazone liegt, und schlussendlich haben wir uns bei 30 Grad Zimmertemperatur mit unserer Goretex-Bekleidung ins Bett gelegt, damit uns das Ungeziefer nichts anhaben kann. So haben wir viel geschwitzt und wenig geschlafen.

Das Jahr 2015 war ein schweres Jahr für dich. Bei einem Sturz beim Bouldern bist du flach mit dem Rücken auf den Boden gefallen und dabei wurden die Nerven unter deinen Schulterblättern zerstört. Für viele Kletterer wäre dies eine Diagnose, die zwingend zum Beenden der Kletterkarriere führen würde. Für dich aber damals, sowie auch heute, nicht. Was hat dich an ein Wunder glauben lassen? Und was würdest du Kletterern oder jemanden, der mit so einen Schicksalsschlag umgehen muss, raten?
Das „Allwissen“ unserer Ärzte und Spezialisten ist begrenzt. Das muss sich jeder klar vor Augen führen. Die Medizin hat in vielen Gebieten sicherlich unglaubliches geleistet, in anderen Bereichen steckt sie noch in den Kinderschuhen. Gerade was den Heilungsprozess betrifft, hat sich die moderne Medizin nicht wirklich weiterentwickelt. Die Prognosen der Spezialisten waren in meinem Falle wirklich erschütternd. Ich muss zugeben, dass ich an eine Rückkehr in den Spitzensport nicht mehr geglaubt habe. Nichtdestotrotz habe ich unentwegt weitergearbeitet, gelernt, trainiert und hab mich intensiv mit meinem Körper auseinandergesetzt. Ich hatte das Glück Menschen zu treffen, die mir gezeigt haben wie man die Selbstheilungskräfte des Körpers stärken kann. Darüber hinaus habe ich mich intensiv mit Meditation und dem Glauben auseinandergesetzt. Der Geist heilt den Körper – du musst daran glauben.

Du bist in deinem Leben schon sehr viel gereist. Du warst in schon in vielen verschiedenen Ländern und Kulturen unterwegs. Wie würdest du sagen hat dich diese Art des Reisens klettertechnisch sowie persönlich weitergebracht?
Klettertechnisch muss man sich in jedem neuen Gebiet mit der Materie Fels auseinandersetzten. Die Struktur, die Reibung etc., jeder Fels ist anders und um das Maximum herausrauszuholen, muss man meiner Meinung nach für jeden Fels zuerst ein Gefühl entwickeln. Dann macht die Sache an den schweren Projekten so richtig Spaß.
Der Kontakt mit anderen Menschen und Kulturen hat mein Leben sehr geprägt. Ich bin dankbar, dass sich durch die vielen Begegnungen und Gespräche mein kleiner europäischer Horizont etwas erweitert hat. Oft sind unsere Meinungen und Vorurteile gegenüber Fremden nicht begründet. Wir argumentieren aufgrund vorgefertigter Denkmuster, die uns durch die Medien oder Politik auferlegt wurden. Bei meinen Reisen in fremde Länder habe ich nur schöne Begegnungen gehabt, und mir ist (bis auf einmal) immer geholfen worden. Das Bild das uns die Medien und Politik oft verkaufen wollen, löst sich bei persönlichen Kontakt mit anderen Kulturen und Menschen sofort in Luft auf.

Du hast uns von deinem geheimen Kletterspot im Norden von Indien erzählt. Was macht dieses Gebiet so besonders?
Die Ruhe und Einsamkeit, die imposanten Berge des Himalaya machen diesen Ort zu etwas ganz Besonderem. Zudem habe ich dort einfach unglaubliche Projekte und Boulder entdeckt, an denen ich dort in Ruhe arbeiten kann. Es herrscht dort sozusagen ein „paradiesischer Urzustand“ ohne Topos, Grade und den anderen Begleiterscheinungen der heutigen gehypten Szene.

Gerade versuchst du mit den Einheimischen, die sehr offen für die Kletterer zu sein scheinen, ein Konzept zu entwickeln um Problemen, bezüglich Abfall, Toiletten, Besucherlenkung etc., die in bekannteren Klettergebieten alltäglich sind, vorzubeugen. Kannst du uns einen kleinen Einblick geben, wie dieses Konzept aufgebaut ist?
Das Dorf soll die Möglichkeit haben mit dem Boulder / Klettersport und dem zunehmenden Tourismus mitzuwachsen und den Zustrom lenken können. Das wird am Anfang einfach sein, weil die Unterkunftsmöglichkeiten begrenzt sind. Wir haben ein „gscheites“ Wegenetz errichtet, und es wird keinen Campingplatz geben. Guides werden eingeschult, und sollen den Besuchern in den ersten zwei Tagen das Gebiet und die verschiedenen Sektoren zeigen. Durch den Kontakt mit den Einheimischen erhoffe ich mir eine erhöhte Sensibilität der Boulderer, für den Lebensbereich der Einheimischen und die wunderbare Natur. Wir arbeiten gerade an Ideen für „Naturtoiletten“, die in den ersten Jahren dem Ansturm gewachsen sein sollten.
Wir Kletterer / Boulderer können nachhaltig einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Region nehmen und durch unseren Besuch sogar ein Schul- bzw. Dorfprojekt unterstützen. Das sollte jedem bewusst sein, wenn er diesen Ort besuchen will. Ende dieses Jahres kann ich hoffentlich noch mehr dazu sagen.

Klettern wurde in den letzten 15 Jahren immer mehr zum Breitensport. Was würdest du der nächsten Generation gerne mitgeben?
Der respektvolle Umgang mit der Natur war mir immer schon ein wichtiges Anliegen. In Zeiten, wo das Klettern bald olympischen Stellenwert genießen wird, müssen wir uns wirklich überlegen wie wir in Zukunft mit unseren Gebieten umgehen sollen. Der Kletterer hat sich zu einem Touristen entwickelt und muss sich seiner Verantwortung stellen. Auch WIR müssen verantwortungsbewusst mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen umgehen. Ansonsten wird der Alpenverein in der Zukunft verpflichtende Kurse über „Den behutsamen Umgang mit Gebieten“ einführen.....was wir hoffentlich mit anderen Maßnahmen vermeiden können. Ich habe den Eindruck, dass eine coole „Next Generation“ auf uns wartet die sich der Problematik bereits bewusst ist und dafür sorgen wird, dass auch die übernächste Generation ihren Spaß im Zillertal, Magic Wood, den Rocklands oder sonst wo auf der Welt haben wird. Für mich ist Sport und Naturerlebnis nicht zu trennen. Die Inspiration für unser Spiel am Fels ist ja schlussendlich die NATUR.

Interviewer: Jolanda Guadagnini
Fotos: Ray Demski
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