21.09.2014, 22:18 Uhr

Wegfahren, nur um mal eine Zeitlang woanders zu sein

Ätsch - Urlaubsbeginn im Regen

Ich mag mein Zuhause. Es hat den Liebsten und mich doch erhebliche Mühe gekostet damit wir mit unserem Zuhause nun zufrieden sind.

Wieso also soll ich die einzige Zeit im Jahr, in der ich diese wunderbare, optimal an meine Bedürfnisse angepasste Umgebung ungestört genießen kann, verlassen, um in dieser Zeit einen Raum zu bewohnen von dem man sagt: „Na ja, ich will mich ja nicht tagsüber drin aufhalten.“
Totale Fehlannahme: Aufgrund fehlender Gummistiefel und Regenmäntel im Urlaubsgepäck.

Mein Erholungskonzept: Keine Zwänge, sich treiben lassen, Dinge tun die mir Spaß machen. Dazu brauche ich doch wirklich nicht wegfahren, das kann ich alles in meinem gemütlichen Zuhause.

Das Erholungskonzept des Liebsten:
Spätestens 06:30 Uhr aufstehen (Tag 1 kräht das Handy gefühlte 30 Minuten, die Weckfunktion lässt sich nicht abstellen) Skaten oder Radfahren ist angesagt.
Spätestens 08:30 Uhr Frühstück.
Ab 10:00 Uhr irgendwelche „Sachen-machen“.
Für dieses Erholungskonzept muss „Mann“ wegfahren, das geht ja alles Zuhause nicht und überhaupt…..
.....gewann mein Erholungskonzept. Die oftmals wirklich triste Wetterlage verhinderte großartige „Sachen-machen-Tage“ und ich konnte meiner Leselust ausgiebig nachkommen.

Die Schnappschüsse sind der Hartnäckigkeit des Liebsten zu verdanken und an den „Sachen-machen-Tagen“ entstanden.
Die folgende Urlaubskurzgeschichte fand ich besonders köstlich und unterhaltend und stammt aus der Feder von Stefan Schwarz.

Urlaub mit … Bauarbeitern

„Auf der Überfahrt von Teneriffa nach Gomera sollen manchmal Delfine zu sehen sein“, kläre ich, den Blick aus dem Reiseführer hebend, meine Frau auf, die neben mir in der munter über die Wellen schnellenden Schnellfähre sitzt. Aber meine Frau guckt nicht nach Delfinen. Sie guckt stur geradeaus. Recht hat sie. Nichts ist schneller enttäuscht als Tierbeobachtungshoffnungen aufgrund Reiseführerlektüre. In Schweden sollen ja angeblich auch Elche sein. Wir haben überhaupt noch nie einen Elch in Schweden gesehen. Und wir waren oft in Schweden. 100000 Elche werden jedes Jahr in Schweden geschossen. Wir haben auch mindestens 100000 Schilder gesehen, auf denen vor Elchen gewarnt wurde, aber nie einen Elch. Vielleicht schießen die Schweden ja auf die Schilder. Oder wir haben einfach kein Auge für Elche. Aber meine Frau ist jetzt nicht die Einzige, die nicht nach Delfinen guckt. Die Passagiere vor ihr und neben ihr tun es ebenfalls nicht. Sie beobachten stattdessen meine Frau. Vermutlich aus Selbstschutz; damit sie rechtzeitig flüchten können. Meine Frau kämpft mit einem herben Schluckauf, und auf ihrem Schoß ruht eine offene Tüte. Dafür, dass meine Frau ausgesprochen gerne verreist, wird sie verblüffend leicht reisekrank. Wir kämpfen uns ja hier nicht durch einen Orkan. Draußen weht Windstärke 5 freundlich vor sich hin. Wer zweimal im Jahr aufbricht, um es sich irgendwo über den Wolken oder den Wellen übel ergehen zu lassen, sollte sich mal die Frage stellen, ob er wirklich reisen will oder nur einen Vorwand für bulimische Ausschreitungen sucht. Andererseits ist bei uns die Urlaubsfähigkeit auch ein bisschen ungerecht verteilt. Ich vertrage alle Reise- und Lebensmittel, verreise aber nur ungern. Auch möchte ich nicht anderer Leute Kultur kennenlernen. Meistens lernt man ja gar nicht deren Kultur kennen, sondern nur deren Steckdosenlochkonfiguration, und dafür muss man ja nicht fünf Stunden im Flieger sitzen. Aber meine Frau muss reisen. Sie will was erleben. Und wenn es nur Übelkeit ist.
Ein weiterer Grund warum ich ungern verreise, ist, dass ich eigentlich ganz zufrieden bin mit den gemäßigten Breiten, in denen ich wohnen darf. Auf Teneriffa, das wir gerade per Schnellfähre verlassen, war hingegen volle Pulle Calima. Ostwind aus Afrika. Das ist ungefähr so, als wenn Ihnen jemand eine Heißluftpistole zum Lackabbrennen ins Gesicht halten würde. Aber nicht mal eben kurz, sondern dauerhaft und überall. Ich hätte nicht gedacht, dass man mit einem nassen Handtuch zugedeckt auf Fliesen schlafen kann, aber in einer original teneriffösen Bergbaude bei Ostwind aus der Sahara ist es ganz okay.
„Haben wir wenigstens was zu erzählen“, lacht meine Frau am nächsten Morgen schlapp und torkelte dehydriert zur Kaffeemaschine. Das ist es doch: Weil meine Frau immer was zu erzählen haben will, dürfen wir nicht kommod an einem Hotelpool auf den Plastikliegen herumfaulen, sondern müssen von unklimatisierten Ferienhütten aus spannende Bergwanderungen unternehmen. In den ungemäßigten Breiten aber sind die Berge nicht grün und bewaldet, sondern kahl, porös und bröckelig. Der von meiner Frau gewählte Pfad durch die „Höllenschlucht“ auf Teneriffa war aber gottlob gesperrt, weil sich erst kurz zuvor ein paar Urlauber von herabfallenden Steinen hatten erschlagen lassen. Meine Frau wollte trotzdem und sogar über den Sperrzaun klettern. Ich hielt sie am Knöchel fest.
„Wenn du das machst, haben nur noch deine Trauergäste was zu erzählen!“ Meine Frau kletterte zurück, schalt mich eine Memme, und ich verteidigte mich nicht einmal, denn ich kenne das Spiel. Natürlich würde sie niemals im Geröllschauer die Schlucht entlang wandern. Sie testet nur, ob ich sie noch liebe. Es soll ja Männer geben, die in solchen Situationen sagen: „Ja, geh' ruhig. Ich setze mich hier so lange ins Café!“, weil sie gerade durchgerechnet haben, dass die Überführung von Teneriffa nach Deutschland sehr viel billiger ist als eine ordnungsgemäße Scheidung.
Jetzt, wo ich neben meiner grünen Frau in der Schnellfähre nach Gomera sitze, juckt es mich zwar ein bisschen, den Begriff Memme noch einmal mit ihr zu diskutieren, aber ich halte mich dann doch zurück. Die Stunde kommt noch, wo sie einen richtigen Mann brauchen wird. Das wirkliche Abenteuer wartet noch auf uns. Ich weiß es. Und es wird nichts mit hohen Bergen und wilden Tieren zu tun haben.
Diesmal ist es: eine Abflussverstopfung. Eine Abflussverstopfung in einer rustikalen, nun ja, vielleicht nicht gleich, Finca auf Gomera. Genauer gesagt, ist es eine Abflussumleitung. Von der Toilette in die Dusche. Der Unrat verschwindet wie gewohnt im Abort, aber nur, um gleich darauf wieder in der Dusche zu erscheinen. Wir überlegen erst kurz, ob es irgendetwas Landestypisches ist, was so sein soll, entscheiden dann aber, Hilfe zu holen. Und die Hilfe holt – der Mann. Der Mann kann zwar – wie die Frau – kein Spanisch außer „Gracias“, aber er kann ja mit den Händen reden. Nun ist der Satz „Bei uns kommt die Scheiße in der Dusche hoch“ ungefähr so einfach zu gestikulieren wie der Satz „Die Frequenz der Hochspannung im Teilchenbeschleuniger entspricht der Bahnumlauffrequenz der Ionen beim Durchlauf der Gaps zwischen den Hochfrequenzkavitäten“. Aber ich versuche es zumindest. Ich fahre die zwanzig Kilometer Serpentinen hinunter zu Don Miguel, unserem ausschließlich Spanisch sprechenden Vermieter, und gestikuliere. Don Miguel weiß sofort Bescheid. Er führt mich durch das kleine Städtchen, lacht dabei und zwinkert, und – schwupps – stehen wir vor dem städtischen Springbrunnen. Ich schüttele den Kopf und mache noch einmal, nur diesmal vor den Leuten auf dem Marktplatz, all die abscheulichen Gesten, die man machen muss, um eine Abflussumleitung von der Toilette in die Dusche anzudeuten. Diesmal landen wir in einem Blumenladen. Einen großen Strauß Rosen, der aus einem Kübel sprießt, will mir Don Miguel vermitteln. Bevor ich noch Gesten mache, die dazu führen, dass Don Miguel mich niederschießt, greife ich mir lieber im Blumenladen ein Blatt Papier und einen Stift und zeichne. Ich bin ein guter Zeichner. Es wird fast so etwas wie eine Bildergeschichte. Don Miguel ist regelrecht erschrocken und schickt mir sofort zwei Bauarbeiter mit, die den Boden im Bad mit unsensiblen Spitzhacken aufhacken. Meine Frau hat sich wegen des Lärms nach draußen verzogen und sonnt sich im Bikini auf der Terrasse. Das führt leider dazu, dass sich die Bauarbeiten enorm verzögern, denn die Bauarbeiter müssen alle zehn Minuten nach draußen auf die Terrasse gehen, um das Abfluss-Problem zu besprechen, wichtig vor sich hin zu rauchen oder meiner Frau lachend irgendwas Spanisches wie „Schöne Sonne heute“ und „Schöne Bikini-Sonne heute“ oder „Schöne Bikini-Sonne für Damen mit einer so tollen Bikini-Figur“ zu erzählen.
Aber meine Frau lässt sich nicht beeindrucken. Sie weiß, was sie an mir hat.
Abends kommt sie – endlich frisch geduscht – zu mir ins rustikal knarrende Fincabett und fragt: „Kannst du auch Mietminderung wegen kaputter Toilette zeichnen?“
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Galerie Henrietta aus Josefstadt | 23.09.2014 | 19:01   Melden
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