Novemberpogrom 1938 - Gedenken und Mahnung
„Draußen brennt der Tempel – das ist auch ein Gotteshaus“

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Beim Pogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch die Synagoge in der Simmeringer Braunhubergasse zerstört. Mit einem gemeinsamen Gedenken an die Opfer haben Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften und der Bezirksvorstehung ein Zeichen gesetzt.

Es ist auch ein starkes Zeichen der Mahnung, das in der Gedenkveranstaltung Ecke Braunhubergasse/Hugogasse bei der Erinnerungsstätte an die abscheulichen Verbrechen dieser Nacht – und der darauffolgenden Jahre – steckt. Stete Wachsamkeit ist angebracht. „Wir haben uns heute zusammengefunden, um den Völkermord an 6.Millionen Juden und anderen Minderheiten zu gedenken. Diese Menschheitsverbrechen dürfen nicht vergessen werden, denn die Vergangenheit darf nicht ins Heute getragen werden. Jeder Mensch, jede Nationalität, jede Minderheit und jede Religion hat das Recht zu leben und ihre Geschichte zu entfalten“, so Imam Baki Boga von der alevitischen Glaubensgemeinschaft.

„Frieden, Freiheit und gesellschaftliche Sicherheit“

„Als Teil dieser Gesellschaft müssen wir weiterhin in aller Entschlossenheit alles tun, um das friedliche Zusammenleben hier in Österreich aufrecht zu erhalten“, betonte Imam Ramazan Demir von der Islamischen Glaubensgemeinschaft. „Nichts wird uns davon abbringen, uns für Frieden, Freiheit und gesellschaftliche Sicherheit auf der Basis der Vernunft und einer solidarischen Grundhaltung einzusetzen und unseren aktiven Beitrag für den Erhalt der Gesellschaft zu leisten.“

„Ausgrenzendem Gedankengut entgegentreten“

Deutlich mahnende Worte kamen von Bezirksvorsteher Thomas Steinhart. „Wir sollten wachsam sein für den heute wieder aufkeimenden Antisemitismus und ausgrenzendem sowie stigmatisierendem Gedankengut entschieden entgegentreten. Das ist unser aller Aufgabe und Verantwortung.“

„Für die Verfolgten gleich welchen Glaubens“

Dechant Christian Maresch von der römisch-katholischen Kirche erinnerte an den Berliner Dompfarrer Bernhard Lichtenberg, der inmitten eines vielfachen kirchlichen Schweigens im November 1938 offen „für die Verfolgten gleich welchen Glaubens“ eingetreten ist. „Draußen brennt der Tempel – das ist auch ein Gotteshaus.“ Lichtenberg wurde für sein Eintreten seitens der NS-Justiz zu zwei Jahren Kerker verurteilt und starb auf dem Transport ins KZ Dachau.

Wurzeln im Judentum

Wie Maresch erinnerten auch Bischof Nicolae Dura von der Rumänisch-Orthodoxen Kirche und der emeritierte Bischof der Altkatholischen Kirche, Bernhard Heitz, daran, dass auch Jesus Jude war und das Christentum seine Wurzeln im Judentum hat. „Jeder Mensch soll menschlich behandelt werden. Ehrfurcht vor dem Leben, Gewaltfreiheit, Achtung voreinander und Wahrhaftigkeit gehören dazu“, so Heitz. Und Dura: „Wir sind alarmiert, dass sich Jüdinnen und Juden in Österreich und ganz Europa wieder unsicher fühlen. Und wir rufen zugleich zur Wachsamkeit gegenüber jeglicher Form von Politik auf, die auf Abwertung und Ausgrenzung von Minderheiten setzt.“


„Jedes Wir beginnt bei mir“

Das Simmeringer Gedenken geht auf eine Initiative der evangelischen Glaubenskirche zurück, die 2018 – zum 80. Jahrestag des Pogroms – einen Gedenkmarsch organisiert hat und deren Initiative weiterwirkt. „Bis heute werden Menschen ausgegrenzt, werden Menschen verachtet, weil sie anders sind, anders denken, anders glauben. Lass uns mutig an der Seite derer stehen, die auf unsere Solidarität und Verbundenheit angewiesen sind“, mahnte Anna Kampl, die Pfarrerin der evangelischen Pfarrgemeinde Simmering. „Das Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus braucht unsere Stimmen und unsere Gesichter. Jedes Wir beginnt bei mir. Da und jetzt.“

Gebet für Opfer der Shoa

Rivka Lerner von der Israelitischen Kultusgemeinde erinnerte, dass Christentum, Islam und Judentum durch „den gemeinsamen Vorvater Abraham, Ibrahim“ verbunden seien. Es schmerze, wenn heute – „im 21. Jahrhundert“ – Menschen aus Angst ihrer Umgebung verschweigen, dass sie jüdisch sind. „In einer gesunden Gesellschaft wird das Judentum immer seinen respektierten Platz haben.“ Den Abschluss des Gedenkens bildete ein Gebet von Lerner für die Opfer der Shoa - gesprochen in Deutsch, gesungen auf Hebräisch.

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