"Eine Männerquote ist eine schlechte Idee"

Claudia Gamon mit Svetlana Wakounig (Neos Kärnten)
4Bilder

SPITTAL (ven). Neos-Nationalratsabgeordnete Claudia Gamon besuchte im Rahmen ihrer Tour Spittal und sprach dort vor Interessierten aus allen Branchen über Frauenpolitik. Die WOCHE bat sie zum Interview.

WOCHE: Sie sind mit 28 Jahren jüngste Nationalratsabgeordnete. Wie gehen die "alten Hasen" mit Ihnen um?
GAMON: Eigentlich sehr gut, es gibt sehr viel kollegialen Respekt untereinander. Anfangs ist es in den Ausschüssen natürlich schwierig, da die Leute nicht wissen, wie sie miteinander umgehen sollen. Niemand ist frei von Vorurteilen und man muss sich beweisen, aber das ist bei jungen Abgeordneten immer gleich. Es ist einfach eine Branche mit höherem Durchschnittsalter. Es ist normal, dass man sich zuerst beweisen muss, bevor man zu hundert Prozent Ernst genommen wird.

Wie fühlt sich frau im männerdominierten Parlament?
Bei uns in der Fraktion ist es kein Thema. Ich habe mich noch nie weniger ernst genommen gefühlt von meinen Kollegen, viele haben gerade bei frauenpolitischen Themen gesagt, es gibt viel, was sie noch nicht wussten. Sie sind sehr offen dafür und haben gemerkt, dass es ein Thema ist, dass auch sie offensiver angehen müssten. Frauen machen 51 Prozent der Bevölkerung aus und knapp die Hälfte aller Wähler. Für die ist es wichtig. Die andere Frage ist die, wie es allgemein im Parlament geht. Es gibt immer wieder sexistische Kommentare, damit muss man umgehen und ins Bewusstsein rücken. Sehr viele Kollegen sind sehr engagiert darin, das auch zu thematisieren, wenn es vorkommt.

Man steht also nicht drüber..
Man tut etwas dagegen. Gestern hat der Chef der Landwirtschaftskammer Hermann Schultes gesagt, dass ich sehr "entzückend" argumentiert hätte. Der nächste Reder war mein Kollege Sepp Schellhorn, der klar sagte, dass es so nicht geht. Man sagt einer Kollegin nicht, dass sie entzückend argumentiert. Es gibt aber eine ganz gute Zusammenarbeit aller Gleichbehandlungssprecher. Dort funktioniert das überparteiliche Zusammenarbeiten sehr gut.

Das Einkommen von Frauen war 2016 im Durchschnitt um fast 18 Prozent niedriger als das der Männer. Frauen müssen 47 Arbeitstage länger arbeiten, als Männer, um das gleiche zu verdienen. Stichwort Equal Pay Day. Wie könnte man dem entgegenwirken?
Das Problem am großen Gender Pay Gap liegt daran, dass wir die zweithöchste Teilzeitquote europaweit haben. Frauen arbeiten sehr oft in Teilzeit und daher verdienen sie sehr viel weniger und sie haben auch mehr Erwerbsunterbrechungen. Wenn sie wiedereinsteigen in den Beruf, arbeiten sie wieder Teilzeit und sind nicht dort, wo sie sonst gewesen wären, denn sie hätten in der Zeit wahrscheinlich Gehaltssprünge gemacht. Es hat natürlich auch etwas mit Rollenbildern zu tun, weil Frauen auch in Branchen sind, die grundsätzlich schlechter bezahlt sind als männerdominierte Branchen. Es ist ein mannigfaltiges Problem, das man nicht mit einer Lösung schnell beseitigen kann. Es ist sehr komplex und es braucht komplexe Antworten.

Frauen unterbrechen bzw. reduzieren die Erwerbstätigkeit familienbedingt und tappen in die Teilzeitfalle. Warum ist Teilzeit-Arbeit immer noch ein "Frauending"?
Die Betreuungspflichten sind vor allem ein Frauending. Wir glauben stark daran, dass es ein Paradigmenwechsel ist und dass Halbe-Halbe etwas ist, was man gesamtgesellschaftlich leben muss. Das fängt bei der Karenz an. Das ist eine Haltung.

Ein Teilzeitjob und die Kosten für die Kinderbetreuung halten sich oft die Waage - sprich: eine Nullsumme. Welchen Anreiz könnte man hier schaffen?
Es geht vor allem um steuerliche Anreize. Es gibt extrem viel im Steuersystem, das Menschen im Niedriglohn- und Teilzeitsektor festhält. Was sehr gut klingt ist die vervierfachte Negativsteuer. Es soll Menschen helfen, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Aber wenn es steuerlich begünstigt ist, dass ich wenig verdiene, wird es mich umso mehr kosten, wenn ich in die nächste Steuerklasse komme. Es gibt wenig Anreize dafür, einkommenstechnisch aufzusteigen. Das sind steuerpolitische Ausnahmen, die man beseitigen müsste, damit es sich lohnt, mehr zu verdienen.

Wie könnte man die Situation von fehlenden Versicherungszeiten entschärfen?
In dem man die Möglichkeit schafft, arbeiten zu gehen. Beim Pensionssplitting geht es darum, dass man in der Zeit, in der einer der Partner kein eigenes Einkommen hat und Betreuungspflichten übernimmt, dass in dieser Zeit die Pensionsbeiträge beider auf beide gleich aufgeteilt werden. Es ist ein wichtiger Beitrag dafür, dass Frauen dann diese Jahre dann nicht fehlen und sie in der Pension in der Altersarmut landen.

Wieviele Paare haben dies bisher in Anspruch genommen?

Nur ein paar hundert, seit Einführung vor ein paar Jahren. Deshalb hätten wir gerne ein automatisches Pensionssplitting.

Gerade älteren Frauen fällt es schwer, wieder ins Berufsleben einzusteigen. Welchen Anreiz können Sie sich für Arbeitgeber vorstellen, damit ältere Frauen wieder "attraktiv" werden?
Das wichtigste ist, dass das Frauenpensionsantrittsalter an das der Männer angeglichen wird. In den Augen der Arbeitgeber sind Frauen einfach Arbeitnehmer, die früher aussteigen. Deshalb gibt es für den Arbeitnehmer weniger Anreize, dass man sich noch weiterbilden und weiter aufsteigen kann im Job. Es hilft Frauen nicht, es benachteiligt Frauen, weil es ihnen Chancen nimmt.

Warum muss man sich heutzutage noch entscheiden: Kind oder Karriere?
Es ist eine gute Frage, es ist eigentlich ein Zustand. Ich verstehe nicht, dass man sich heutzutage noch entscheiden muss. Es sind vordergründig Frauen, die sich entscheiden müssen, ob Kind oder Karriere. Das ist ein ziemlich unhaltbarer Zustand und hat damit zu tun, dass Kinderkriegen in Österreich Frauenaufgabe ist.

Man soll sich also nicht entscheiden müssen, sondern entscheiden können?
Genau.

Warum wird die Männerkarenz so wenig angenommen? Zu unattraktiv für Männer?
In Österreich geht man im Schnitt eineinhalb Jahre in Karenz. Jetzt kann man sagen, dass es doch ein ziemlicher Karrieredämpfer ist. Karenz wird damit gleichgesetzt. Ich traue mich zu sagen, dass die Männerkarenz deshalb nicht angenommen wird, weils schlecht für die Karriere ist. Man kommt in Österreich noch immer damit durch, dass man das die Frauen machen lässt.

Wie wäre es mit einer Männerquote in typisch weiblichen Berufen?
Halte ich für keine gute Idee. Es hängt mit Rollenbildern zusammen, weil da hilft die Quote nicht. Wie will man denn da hin kommen? Es scheitert ja nicht daran, dass Männer nicht reinkommen, sondern dass sich Männer nicht für die Ausbildung entscheiden und für diese Jobs bewerben. Da hätte man nicht einmal genügend Bewerber, um die Quote zu erfüllen. Man muss das Bild der Gesellschaft ändern, indem man sagt, dass die wichtigsten Vorbilder und Bezugspersonen die Pädagogen sind. Dazu gehören auch Frühkindpädagogen. Das sind diejenigen, die die Bildung eines Kindes beeinflussen wie kaum jemand anders. Es muss ganz klar sein, dass es Männer und Frauen machen sollen.

Was halten Sie von einer Reduktion der Vollarbeitszeit auf 35 oder 30 Stunden pro Woche? Könnten so nicht auch neue Jobs geschaffen werden?
Davon halte ich extrem wenig, weil man sich Jobs nicht vorstellen kann wie ein Bauset, wo man auf der einen Seite etwas wegnimmt und auf der anderen etwas dazukommt. Es ist eine dynamische volkswirtschaftliche Frage. Wir sind sehr stark der Meinung, dass es nicht daran scheitert, dass Unternehmer keine Menschen einstellen wollen. Sondern sie können sich es nicht leisten. Daher wäre es der effektivste Hebel, wenn man den Steuerfaktor Arbeit dramatisch reduziert, um es Unternehmen zu ermöglichen, mehr Menschen einzustellen. Eine Verringerung der Arbeitszeit würde dazu führen, dass Österreich international weniger wettbewerbsfähig ist und das gefährdet wiederum den Wirtschaftsstandort, das führt wiederum zu Jobverlusten. Es ist eine Lose-lose-Situation.

Haben Sie Ideen für neue Arbeits(zeit)modelle?
Was ganz wichtig ist, ist eine Arbeitszeitflexibilisierung. Was nicht heißt, dass jeder mehr arbeiten soll, oder um den prominent verbreiteten 12-Stunden-Tag. Es geht darum, dass man den Unternehmen bessere Möglichkeiten gibt, zu planen, ihre Auslastung besser zu planen und auf der anderen Seite den Arbeitnehmern zu ermöglichen, ihr Leben flexibler zu gestalten. Frauen es leichter zu ermöglichen, auch Vollzeit berufstätig zu sein. Zum Beispiel: Man hat gerade einen Babysitter und könnte zwölf Stunden arbeiten, da sagt der Arbeitgeber 'Sorry, es ist illegal, ich kann dich nicht zwölf Stunden arbeiten lassen'. Wer hat dann was davon? Da muss man einen vernünftigen Zugang finden, um es für beide einfacher zu machen. Die Unternehmer als Gemeinschaft von Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen die Möglichkeit haben, sich das auszumachen.

Mit welchen Anliegen kommen Frauen hauptsächlich zu Ihnen? Wo sehen Sie dringenden Handlungsbedarf?
Ein Thema, das immer wieder beschäftigt, ist die Kinderbetreuung. Da geht es auch um junge Frauen, die das in die Überlegungen miteinbeziehen, ob sie eine Familie gründen wollen oder nicht. Es gibt viele, die sagen, ich werde meine Karriere nicht in der Art und Weise weiterführen können. Das finde ich extrem tragisch, weil man Menschen dadurch Chancen nimmt. Wir haben viele gut ausgebildete junge Frauen. Es tut uns als Gesamtgesellschaft gut, wenn wir ihnen die Freiheit geben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und Kinder zu kriegen.

Frauenpolitik wird meist mit der Einkommens- und Arbeitssituation in Verbindung gebracht. Welche Themen sind Ihnen hier noch wichtig?
Das Thema Gleichstellung im Arbeitsmarkt ist schon wichtig, weil es viele andere Dinge miteinbezieht. Das Thema Rollenbilder spielt da stark rein. Weitere Dinge sind Gesundheit. Unser Gesundheitssystem ist noch nicht so weit. Es war einfach lange nicht klar, dass Gender Medicine etwas ganz wichtiges ist, weil Männer und Frauen einfach biologisch unterschiedlich sind. Derzeit versuchen wir das im Parlament anzusprechen und Bewusstsein dafür zu schaffen.
Es gibt natürlich auch noch die sexuelle Integrität. Es sind immer noch Frauen, die vorwiegend Opfer von Gewalt werden, vor allem in der Familie. Es wird immer noch stark tabuisiert. Wir feiern diesen Mai 20 Jahre Gewaltschutzgesetz und sind eines der ersten Länder, in denen Gewalt in der Familie kriminalisiert wird. Das ist ganz wichtig.
In der globalen Entwicklung werden diese Errungenschaften aber zurückgedrängt. Frauenrechte sind auf der ganzen Welt gefährdet. Es ist keine Selbstverständlichkeit, man muss sich dafür immer wieder einsetzen. Zur sexuellen Integrität gehört natürlich auch Abtreibung. In Tirol und Vorarlberg dürfen Frauen keinen Schwangerschaftsabbruch machen. Es ist auch stark tabuisiert. Wir sind uns dem bewusst, dass es ein wichtiges Thema - auch für viele Jugendliche - ist. Man kann auch in der Politik nicht darüber reden.

Was halten Sie vom "Genderwahnsinn"?
Das mit der Hymne fand ich extrem wichtig. Ich bin da nicht dogmatisch im eigenen Sprachgebrauch, aber ich bin mir dessen bewusst, dass Sprache Realität schafft. Es geht ja auch um Rollenbilder und wie schaffe ich die? Wenn Mädchen Zeitung lesen und immer davon lesen, was Männer nicht alles machen. Auch das hat einen Einfluss darauf. Sprache soll man nützen, um Frauen auch sichtbar zu machen. Aber es hilft niemanden, wenn man da einen unentspannten dogmatischen Zugang hat. Ich glaube, militant hilft in keinster Weise, aber es kann einen Beitrag zum Aufbrechen der Geschlechterrollen bringen.

Welchen Einfluss haben Promis auf das Frauenbild in der Gesellschaft? Stichwort Conchita Wurst oder Andreas Gabalier...
Mein Lieblingsbeispiel ist, wenn ich von Skifahrern lesen. Die erfolgreichste Skifahrerin ist Lindsay Vonn. Im Tennis Serena Williams. Bei Lindsay geht es immer darum, dass sie so hübsch sei, sie sieht gut aus, war mit Tiger Woods zusammen. Bei Männern geht es in den Medien um deren sportliche Errungenschaften und Leistungen. Da war letztens ein Cover der Kleinen Zeitung in der Steiermark mit Lindsay Vonn und einem Skispringer. "Die Schöne und der Adler". Für die Medien sind dann nicht die exzellenten sportlichen Leistungen wichtig. Medien reflektieren, wie die Gesellschaft reagiert und glauben, dass das gelesen werden will. Sie haben die Verantwortung, solche nicht nicht noch zu reproduzieren. Ich finde, grade weibliche Sportlerinnen sind extreme Vorbilder. Sport kann Mädchen helfen, Selbstbewusstsein aufzubauen. Da glaube ich, gibt es keine besseren Vorbilder.

Zur Person:

Name: Claudia Gamon
Geburtstag: 23. Dezember 1988
Wohnort: Wien
Herkunft: Vorarlberg
Familienstand: privat
Ich lese zur Zeit: mehrere....Das fünfte Buch von Game of Thrones
Hobbys: Sport, Bergsteigen
Lebensmotto: Leben lassen
Ziel: Liberale Politik in Österreich verankern
Vorbild: Beyoncè

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen