21.03.2016, 10:27 Uhr

Die Fastentücher in unseren Kirchen

Fastentafel in der Wallfahrtskirche Maria Schnee in Matzelsdorf des kanadischen Künstlers Mark R. 2012 (Foto: Maier)

Historikerin Manuela Maier beleuchtet Herkunft und Arten der Fastentücher, die in unseren Kirchen hängen.

FELD AM SEE (ven). Derzeit sieht man sie in fast allen Kirchen: Kunstvoll gestaltete Fastentücher - von gotischer oder auch neuzeitlicher Herkunft. Die WOCHE sprach mit Expertin Manuela Maier über die Herkunft und Besonderheiten von unseren Fastentüchern.

Schätze des Brauchtums

"Während der 40-tägigen Fastenzeit sind in der Regel von Aschermittwoch bis Gründonnerstag etwa 300 Fastentücher in zahlreichen Kärntner Kirchen zu sehen. Sie zählen heute zu den herausragenden Kulturschätzen unseres Landes, dennoch sind es aber Schätze des Glaubens, der gelebten Religiosität und des Brauchtums", erklärt Maier. Fastentücher sollen den gläubigen Menschen auf das Osterfest hinführen und ihm zu einem tieferen Verständnis des Festes verhelfen.

"Hungertuch"

Das Fastentuch wurde früher auch „Hungertuch“ bzw. „velum quadragesimale“ genannt. Nach Experte Reiner Sörries bildet der Begriff „Hungertuch“ die älteste Benennung des Tuches im deutschen Sprachgebrauch. "Mittelalterliche Quellen verwendeten die Bezeichnung 'velum' oft mit dem Zusatz 'quadragesimale', was '40-tägig' bedeutet. Das heute geläufige Wort 'Fastentuch' fand erst nach dem 16. Jahrhundert Eingang in den deutschen Wortschatz", erklärt die Historikerin.

Widerspruch in der Fastenzeit

Ursprung und Bedeutung der Fastentücher liegen in ihrer liturgischen Besonderheit als Mittel zur Verhüllung des Altares beziehungsweise des Altarraumes. Die Ursprünge des Fastentuches sind nach derzeitigem Stand der Wissenschaft im 10. und 11. Jahrhundert, also in der Zeit der Romanik, zu suchen. "Da die romanischen Christusdarstellungen Christus als 'Sieger am Kreuz' zeigten, geriet dies mit der 40-tägigen Buß- und Fastenzeit quasi in Widerspruch", so Maier. In einer Art Bußdisziplin begründet, ging man daran, den Corpus während der Fastenzeit zu verhüllen. In ihrer Anfangszeit bestanden die Fastentücher häufig aus einem einfachen grauen oder dunklen Tuch, meist ein Rohleinen. Ihr Zweck bestand einzig und allein in der Verhüllung der Kreuzesdarstellungen.

Den Blicken entziehen

Mit dem Epochenwandel im Mittelalter hin von der Romanik zur Gotik, kam es zu einschneidenden Veränderungen sowohl in der Architektur als auch im Bereich des Kunst- und Kulturschaffens. Auch die Fastentücher wurden den neuen Ansprüchen entsprechend adaptiert. Nicht mehr die Kreuzes- und Schreinverhüllung stand im Vordergrund, nun galt es, die Altäre in ihrer Gesamtheit den Blicken der Gläubigen zu entziehen und oft auch einen Kirchenraum mit der Verhüllung zu teilen. "Als Beispiel dient das älteste erhaltene Fastentuch Kärntens im Gurker Dom, welches 1458 von Meister Konrad von Friesach geschaffen wurde", erläutert sie.

Mehrere Typologien

Auch in Bezug auf ihre künstlerische Gestaltung erlebten die Fastentücher laut Maier einen regen Wandel. In der Gotik erschienen bereits ganze Bildzyklen auf die Tücher gemalt. Bildinhalte waren ausschließlich die Schriften des Alten und Neuen Testaments. "Diese Fastentücher werden – was ihre Typologie betrifft - dem so genannten „Felder-Typus“ zugeordnet", so Maier.

Tabernakel sichtbar

Eine weitere beziehungsweise erneute Umgestaltung erfuhren die Fastentücher in der Reformationszeit. Infolge der Neuinterpretation der Liturgie kam es zur Ablöse der gotischen Flügelaltäre durch Tabernakelaltäre. Der Tabernakel rückte als wichtigstes Element der neuen Altarformen in den Mittelpunkt des katholischen liturgischen Geschehens. Dementsprechend wurden auch die Fastentücher adaptiert, neue, kleinere Tücher entstanden. In der Barockzeit kamen zudem die Seitenaltäre auf sowie die Kreuzwegstationen.

Leid ist sichtbar

"Die Darstellungen auf den Fastentüchern betrafen nun ausschließlich die Passion Christi, das Neue Testament rückte in den Vordergrund. Auf „einszenigen“ Fastentüchern wurde im Barock oft auf grausame Art und Weise das Leiden Jesu dem Betrachter vor Augen geführt. Die Abbildungen auf den Tüchern sollten bewusst zeigen, welches Leid Christi zu erdulden hatte und dadurch Mitgefühl erregen. In so genannten „Fastentuchfolgen“ wurden mehrere Tücher, welche inhaltlich aufeinander abgestimmt waren, während der Fastenzeit vor Haupt- und Seitenaltäre gehängt. Dabei kamen stets die Hauptmotive Geißelung, Dornenkrönung und Kreuzigung vor", so die Oberkärntnerin. Neben den einszenigen Tüchern entstand im Barock auch der „Zentraltyp“, welches in der Mitte als zentrales Motiv die Kreuzigung Christi zeigt und die Passionsszenen rund herum medaillonförmig angeordnet sind.

Oft stiefmütterlich behandelt

Erst am Ende der Barockzeit wandelten sich laut Maier die Darstellungen auf den Fastentüchern zu Andachtsbildern, welcher dem Betrachter eine ruhige und stille, eben eine andächtige Stimmung vermitteln sollte. "Die Fastentücher kamen in Kärnten nie gänzlich ab, obwohl manchen kunsthistorisch wertvollen Stücken oft eine stiefmütterliche Handhabung widerfuhr. Das 19. Jahrhundert brachte zahlreiche so genannte „Einzeltücher“ hervor, während sich bei den zeitgenössischen Tüchern alle bestehenden Formen widerspiegeln", schließt sie.
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