Die Hochkonjunktur der Wutbürger

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Der Neologismus "Wutbürger"
Dieser von dem deutschen Journalisten Dirk Kurbjuweit im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" (Ausgabe 41/2010) geprägte Ausdruck bezeichnet Angehörige des bürgerlichen Milleus, welche "mit der bürgerlichen Tradition gebrochen", und der Politik die Gefolgschaft aufgekündigt haben.

Zu dieser Gruppierung per Definition gehören vornehmlich ältere, wohlhabende konservative Personengruppen, die sich mit Wut, Empörung und in auftretenden Fällen auch mit Hass gegen die als willkürlich empfundene Politiksystematik auflehnen und in folge dessen die durch jene Politik getroffenen Entscheidungen ablehnen.
Ausgezeichnet wird das "Wutbürgertum" durch einen zunehmenden Protestwillen.
In Deutschland wurde "Wutbürger" zum "Wort des Jahres 2010" gewählt und in den Duden aufgenommen.
Das Wörterbuch definiert den Zeitungsjargon "Wutbürger" als einen „aus Enttäuschung über bestimmte politische Entscheidungen sehr heftig öffentlich protestierende[n] und demonstrierende[n] Bürger“.

Die Entstehung des neuen Wutbürgertums
Der Wutbürger ist meist im zunehmend verschwindenden Mittelstand anzutreffen und umfasst in der Wirtschaft besonders Leistungsträger wie Selbstständige, welche in den kommenden Jahrzehnten den künftigen Mittelstand ausmachen werden.

Der Journalist Alwin Schönberger hat in dem Magazin "Profil" (Sonderbeilage "profilgeld" 42/2011, 17. Oktober 2011) zum Thema Steuergerechtigkeit den Wutbürger als jene Menschen definiert, welche in die "Reichensteuer" fallen.
Er bezog sich hierbei auf die Aussage des ÖVP-Mandatars Günter Stummvoll, welcher Mitte September 2011 im Kurier meinte, es gäbe ja schon eine Reichensteuer.
Gemeint war der Spitzensteuersatz von 50 Prozent.

Schönberger unterstrich den Zynismus in der Aussage von Günter Stummvoll in folgendem Beispiel: "Die Gleichsetzung der Zugehörigkeit zu einer Steuerklasse von 50 Prozent mit 'Reichtum' würde auch bedeuten, dass ein Manager mit einem Einkommen von zum Beispiel monatlich 20.000 Euro sich in exakt derselben ökonomischen Liga befinden würde wie ein freiberuflicher Programmierer, der daheim im Wohnzimmer Software entwickelt, jeden mühselig ergatterten Auftrag per Honorarnote abrechnet und monatlich in Summe 4000 Euro lukriert.
Beide hält Stummvoll für 'reich', und beide scheinen seiner Empfindung nach gleichermaßen ausreichend viel zum Staatsbudget beizutragen.
Dabei irgnoriert er, wie flugs man in Österreich in der 50-Prozent-Steuerklasse landet: sobald man einigermaßen nennenswerte Einkommen respektive Umsätze generiert."

Diese Besteuerung ist vor allem für Ein-Personen-Unternehmen (EPUs) bitter, "da jene Kämpfernaturen, die tendentiell 40 bis 50 Jahre alt sind, mehrheitlich 40 bis 60 Wochenstunden arbeiten und zwar dies zu 60 Prozent von zu Hause", so Schönberger.

De facto trifft der Begriff des "Wutbürgers" sobald auch auf die EPUs zu, da diese wirtschaftsträchtige Gruppe mit 240.000 Erwerbstätigen (Stand Ende 2010) mehr als 55 Prozent aller Wirtschaftstreibenden darstellt. Die EPUs blicken hierbei auf eine Steigerung von 20 Prozent im letzten Jahrzehnt zurück - Tendenz weiterhin steigend.
Diese den zukünftigen Mittelstand ausmachende Gruppe von Erwerbstätigen ist vielschichtig und umfasst u.a. Freiberufliche sowie EPUs (Software-Experten, Grafiker, Buchhalter, Werbefachleute, Journalisten, Masseure, Ärzte und Anwälte).
Viele jener Berufsgruppen nehmen, wenn es hoch kommt, 4000 bis 5000 Euro monatlich ein und haben so denselben Stammplatz in der 50-Prozent-Steuerklasse wie hochdotierte Führungsgehälter.

Laut Schönberger lautet die Grundstimmung unter den 240.000 Kleinunternehmern Österreichs: "Können andere bitte auch mal was zahlen?".
Da die "Reichensteuer" neben dem prozentual an den Fiskus abzutretenden Betrag auch eine fixe Summe an die Sozialversicherung (SV) verlangt, spielt es keine Rolle, ob man 4000 Euro, 40.000 Euro oder gar 400.000 Euro verdient - der Betrag, den man an die SVzu zahlen hat, stets derselbe und zwar statt prozentual eben verdrießlicherweise absolut.
In der obersten Steuerliga zahlt man monatlich rasch 1.000 bis 1.200 Euro an die SV, egal wie hoch das Einkommen ist, solange man nur in diese Steuerklasse fällt.

Also warum mehr hackeln?
Der mittelständische "Wutbürger" ist zu Recht erzürnt, steht er doch im Falle eines EPUs vor der Entscheidung: "Soll ich mehr arbeiten und weniger kriegen oder die Hände in den Schoß legen?". Oft gilt es weniger zu verdienen um mehr herauszubekommen:
Dieser Schluss schmälert notgedrungen die Leistungsbereitschaft und hat als gegenwärtiges System katastrophale Folgen, welche sich in Zukunft für den Einzelnen sowohl als auch für den Staat in noch nicht kalkulierbarem Maße niederschlagen werden.

Die Wut manifestiert sich nicht nur am klischeehaften Stammtisch, sondern vor allem über das Internet und den sozialen Medien. Das wohl aktuellste Beispiel für das Wutbürgertum ist der Facebook-Auftritt von SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann, der nicht nur durch laufende Verfehlungen Zielscheibe von Spott und Hohn wurde, sondern auch fernab der eigentlichen Diskussionsthemen seiner Postings mit harscher Kritik und Off-Topic-Kommentaren unzufriedener Menschen rechnen muss.
http://www.facebook.com/bundeskanzlerfaymann

Der Wutbürger treffend zusammengefasst und dargestellt von Roland Düringer im Zuge des Sendungsformates "Dorfers DonnersTalk" vom 08. Dezember 2012:

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