Postenschacher in Schulen

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TULLN (wp). Die Parteipolitik feiert bei der Besetzung von Schulleiterposten trotz gegenteiliger Beteuerungen fröhliche Urstände. Es geht nichts ohne ein Parteibuch.

Werden Direktorenposten an Schulen gemäß dem Parteibuch vergeben? Nicht ausschließlich, aber in der Mehrzahl entscheidet die Parteizugehörigkeit, behaupten Wissende. Die Auswahlverfahren vor einer Kommission, sogenannte Hearings, denen sich Lehrer, die sich als Schulleiter bewerben, stellen müssen, seien nur ein Feigenblatt. „Sie wissen genauso gut wie ich, dass aufgrund politischer Interessen Einfluss auf die Bestellung von Direktoren genommen wird“, macht Zwentendorfs Volksschuldirektor Gerhard Beer im Gespräch mit dem Bezirksblatt gar keinen Hehl daraus.
Beer wechselt im Februar als Leiter an die VS Sieghartskirchen. Auch er musste sich einem Hearing stellen. „Bei mir gab es aber keine politische Einflussnahme“, zeigt sich Beer über jeden Verdacht erhaben. „Mich hat der Bezirksschulinspektor gefragt, ob mich der freigewordene Direktorsposten in Sieghartskirchen interessiert und ich habe Ja gesagt. Ich glaube behaupten zu können, dass ich ausschließlich aufgrund meiner Fähigkeiten qualifiziert bin.“ Das Naheverhältnis zu seinem Parteifreund, Bgm. Johann Höfinger (VP), habe jedenfalls keine Rolle gespielt.
Die Mehrzahl der Schulleiter im Bezirk Tulln gilt als VP-Parteigänger. Derzeit werden nur drei bis vier Direktoren im Bezirk der SP zugerechnet.

Ignoriert VP Expertenkommission?
„Es gibt zwar nach dem Auswahlverfahren eine Reihung der Bewerber, aber die Entscheidung, wer Schulleiter wird, ist politisch ausgerichtet“, kritisiert Hermann Kühtreiber, seines Zeichens Bürgermeister in Zwentendorf. Nicht erst einmal habe sich die Politik über das Expertenergebnis hinweggesetzt, so der SP-Politiker verärgert. Und da seien „die VP und im Bezirk ihr großer Zampano LA Alfred Riedl Hauptakteure“, behauptet Kühtreiber.

Cerwenka: „Haarsträubende Fälle“
„Das stimmt leider im Wesentlichen“, schlägt Tullns SP-Bezirksparteiobmann, SPNÖ-Klubobmann und freigestellter Schulleiter der VS Absdorf, Helmut Cerwenka, in die gleiche Kerbe. „Es ist nicht okay, wie das jetzt läuft, es wird neue Ansätze bei der Findung von Schulleitern geben müssen.“ Grundsätzlich habe „wie jede Partei auch die SP Interesse, ihre Leute in gute Positionen zu bringen“, könne das aber nicht, weil die VP das verhindere, so Cerwenka. „Es gibt haarsträubende Fälle, wo Bewerber für ein Schuldirektorenamt beim Auswahlverfahren besser abgeschnitten haben als ihre Mitbewerber, aber sie kamen nicht zum Zug, weil sich die VP gegen sie ausgesprochen hat.“ Ihm, Cerwenka, gehe es aber ausschließlich um die fachliche Eignung bei der Auswahl von Schulleitern.
Genauso sieht dies aber auch Bezirksparteivorstandsmitglied LA Alfred Riedl. „Es geht bei der Bestellung von Schulleitern nur um die fachliche Kompetenz.“

Riedl: „SP-Kritik populistisch“
Er stellt in Abrede, dass aufgrund parteipolitischer Interessen der VP die durch Experten erfolgte Kandidatenreihung aufgehoben würde oder schon vor der Reihung feststünde, wer einen Direktorsposten erhält. „Die Auswahl von Direktoren ist streng. Ihre Qualifikation wird neben der Beurteilung durch unabhängige Experten auch anhand ihres pädagogischen Könnens im bisherigen Wirkungsfeld beurteilt. Die Kritik der SP ist reiner Populismus“, poltert Riedl. Trotzdem gesteht er zu, dass das System verbessert werden könnte.
„VP und SP machen sich in der Regel aus, wer wo Direktor wird. In einer VP-Gemeinde kommt meist jemand mit einem schwarzen, in einer SP-Gemeinde jemand mit einem roten Parteibuch zum Zug“, bestätigt ein Mitglied des Bezirksschulratskollegiums. In haarigen Fällen entscheiden die Klubobleute im Land, wobei der rote Klubobmann eine sehr eingeschränkte Mitsprache habe.

Verwaltungsreform!
„Die Abschaffung des politischen Einflusses auf Ernennungen von Schulleitern wird u. a. im Zuge der Diskussion um die Verwaltungsreform erörtert und ist vorstellbar“, erklärt Bezirksschulrat Martin Seidl. „In der Regel hält man sich an die Kandidatenauswahl durch die Expertenhearings. Erhalten mehrere Bewerber für ein Direktorenamt eine gleichwertige Expertenbewertung, kann das Bezirksschulratskollegium, das proportional das Ergebnis der letzten Landtagswahl spiegelt, entscheiden“, so Seidl. (Werner Pelz)

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Zur Sache: Ernennung
Nach einem Auswahlverfahren reihen Experten potenzielle Bewerber für ein Schuldirektorsamt nach ihrer Qualifikation. Das Bezirksschulratskollegium kann dies übernehmen und als Dreiervorschlag an die Landesschulbehörde weiterleiten oder die Reihung ändern, wobei hier die Politik viel mitzureden hat. Auch die Landesschulbehörde erstellt einen Dreiervorschlag. Das Bezirksschulratskollegium setzt sich wie folgt zusamen: Stimmberechtigt: je fünf Lehrer- und Elternvertreter, die aufgrund der gültigen Landtagswahl politisch eingesetzt sind und von der Landesregierung bestellt werden. Dazu kommen Gemeindevertreter: Bgm. LA Alfred Riedl (VP), KO Helmut Cerwenka (SP), GR Josef Hintermayer (FP) und Johannes Scholz (G). Beratend, aber nicht stimmberechtigt sind Delegierte der Kirchen, der AK, WK und LK. Eine eigene Ernennungskommission im Land bedient sich der Reihungsvorschläge der Kollegien aus Bezirk und Land, der Stellungnahme des Schulforums, der Personalvertreter und des Ergebnisses der Expertenkommission.
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Politgemauschel
(Kommentar)
Die VP hat NÖ bis in den letzten Winkel fest im Griff. Instrumentalisierbare Parteigänger sitzen an allen Schalthebeln. Von der Verwaltung abwärts bis in Blaulichtorganisationen und – in Schulen! Im Bezirk Tulln sind, ähnlich wie im Rest NÖs, mehr als 80 % der Bildungsanstalten fest in schwarzer Hand. Dass dieser unappetitliche Politfilz (nicht nur) im Schulwesen mit anderen Vorzeichen im roten Wien oder im nun von Blauen dubios regierten Kärnten ähnlich ausgeprägt ist, ist Ausdruck eines verkommenen Sittenbildes. Natürlich: Die SP hat einen schweren Stand in NÖ. Das Mitleid für ihre Klage, die VP verhindere rote Schuldirektoren, hält sich aber in Grenzen. Dieses Politgemauschel im Bildungssektor muss endlich aufhören! Denn was dabei rauskommt, zeigten PISA & Co sowie manche überforderte schulische Führungskraft auch hier im Bezirk. Es dürfen nur Kompetenz und Leistungswille, nicht aber darf das Parteibuch zählen. Raus mit den Parteien aus den Schulgremien und her mit besseren Rahmenbedingungen!
(Werner Pelz / Mail: wpelz@bezirksblaetter.com / Mobil: 0676 700 11 75)

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