01.09.2016, 18:02 Uhr

"Wir halten zusammen" - Die Militärmusik Niederösterreich und das Leben nach der Reform

Voll konzentrierte Grundwehrdiener der Militärmusik Niederösterreich bei einer der zahlreichen Proben (Foto: Moeseneder)

Im Interview erzählt Militärkapellmeister Obstlt. Mag. Adolf Obendrauf von Zielen, Höhepunkten und gelungener Zusammenarbeit

Zivilisten die in der Kaserne übernachten.
Was nach Ausnahmezustand oder Evakuierung klingt, hat einen musikalischen Hintergrund: Von 29.August bis 03.September beherbergt die Hesserkaserne in St.Pölten nämlich die Junge Bläserphilharmonie Niederösterreich - eine Auswahl der besten Nachwuchsmusiker zwischen 14 und 22 Jahren.

Für Militärkapellmeister Obstlt. Mag. Adolf Obendrauf ein gutes Beispiel der florierenden Zusammenarbeit zwischen Musikschulen, Blasmusikverband und Militärmusik.

Während sich die Trommler im großen Probesaal austoben, Grundwehrdiener am Exerzierplatz im Stechschritt marschieren und die jungen Musikerinnen und Musiker über ihre Instrumente fachsimpeln, nimmt sich der gebürtige Steirer Obendrauf Zeit um von Höhepunkten, Rückschlägen und Zielen seiner noch jungen Karriere als Militärkapellmeister zu erzählen.

„Jeder Musiker weiß, dass ein Überleben als Musikkapelle in dieser Größe einfach nicht möglich ist“
-Obstlt. Mag. Adolf Obendrauf


Sie sind nun seit 2011 musikalischer Leiter der Militärmusik NÖ. Zeit für einen Rückblick?
Highlights gab und gibt es viele. Eines der ersten war mit Sicherheit unsere erste CD Produktion, die den klingenden Namen "Militärmusik Niederösterreich Obendrauf" trägt. Die Idee dazu hatte unser Landeshauptmann, der hat einmal zu mir gesagt: Der Obendrauf ist immer "obendrauf". Zu erwähnen ist sicherlich auch unser traditionelles Konzert im Festspielhaus St.Pölten, das stets ausverkauft ist und das große Militärmusikertreffen 2014 in der NV Arena St.Pölten. Über 5000 Besucher und eine große Rasenshow mit allen österreichischen Militärmusiken, das war natürlich für uns als Gastgeber eine besondere musikalische und organisatorische Herausforderung. Leider kam danach der Einbruch.

Sie meinen die Reform durch den damaligen Minister Klug?
Ursprünglich wollte man die Militärmusiken ja gleich von neun auf vier reduzieren, was durch großen Widerstand von Land und Blasmusikverband verhindert werden konnte. So kam es zu einer Zwischenlösung, die meiner Meinung nach noch schlechter war: Alle Militärmusiken sind geblieben, jedoch reduziert auf 20 Personen. Jeder Musiker weiß, dass ein Überleben als Musikkapelle in dieser Größe einfach nicht möglich ist.

Also hatten Sie Zweifel ob die Militärmusik in dieser Form auf Dauer überleben kann?
Es hätte einfach nicht funktioniert. Ich kann in dieser Größenordnung keinen Marsch geschweige denn den Zapfenstreich spielen. Von symphonischer Blasmusik, für die wir bekannt sind, kann man bei einer Stärke von 20 Personen nur träumen.

Wurden mögliche Bewerber von dieser Einschränkung abgeschreckt?
Natürlich verliert die Militärmusik durch solche Reformen an Attraktivität und es gab weniger Bewerbungen. Wobei ich anmerken möchte dass Niederösterreich auch in dieser Zeit das einzige Bundesland war das überhaupt auf 20 Musiker kam. In keinem anderen Bundesland hat sich überhaupt diese Zahl an Grundwehrdiener gemeldet. Den jungen Musikern hat der Reiz gefehlt.


Diese "einschränkende" Reform wurde mittlerweile ja aufgehoben. Spürt man bereits eine Besserung oder wirkt der Schaden der medialen Diskussion noch nach?
Die mediale Diskussion hat sich, rückwirkend betrachtet, positiv ausgewirkt.
Ob negativ, oder positiv, die mediale Präsenz war da und hat uns wieder in die Köpfe der jungen Musiker katapultiert. Wir spielen inzwischen wieder in voller Besetzung und hatten noch nie so viele Bewerbungen wie jetzt. Ab Herbst haben wir 45 Grundwehrdiener, was ich natürlich auch auf die gute Zusammenarbeit mit dem Blasmusikverband NÖ zurückführe.

„Wir versuchen natürlich den Damenanteil zu erhöhen.“
-Militärkapellmeister Adolf Obendrauf


Eine Zusammenarbeit von der beide Seiten profitieren?
Die Militärmusik ist Mitglied des niederösterreichischen Blasmusikverbandes. Die Zusammenarbeit mit allen musikschaffenden Institutionen liegt mir sehr am Herzen. Ich bin auch als Juror bei verschiedenen Wettbewerben tätig, pflege eine Kooperation mit den Musikschulen lade Blasmusikkapellen hier in die Kaserne ein um unsere Infrastruktur und unser Fachwissen zu nutzen. Im Gegenzug bitten wir, uns den Nachwuchs zu schicken und die Militärmusik am Leben zu halten.
Dass das Interesse auch in Zeiten in denen wir an Attraktivität eingebüßt haben, nicht weniger wird, ist auf diese gute Zusammenarbeit zurückzuführen.

Ist das militärische Umfeld für junge, talentierte Musiker förderlich?
Die Bläser und Schlagzeuger bekannter Berufsorchester - Wiener Philharmoniker, Staatsoper, Volksoper - waren großteils in der Militärmusik tätig. Die jungen Musiker kommen mit einer guten Ausbildung, studieren teilweise bereits während ihrer Zeit hier und bilden sich stetig weiter. Ehemalige Militärmusiker spielen heute bei großen internationalen Orchestern wie den Berliner Philharmonikern oder den Münchner Symphonikern.

Das Bundesheer ist nicht unbedingt für eine hohe Frauenquote bekannt, wie ist die Situation in der Militärmusik?
Wir versuchen natürlich den Damenanteil zu erhöhen. Holzbläser, also Querflöten, Klarinetten und andere Instrumente, sind im zivilen Leben ja hauptsächlich weiblich.
Wir sind momentan sehr blechlastig und wollen uns für die Zukunft breiter aufstellen.
Die Militärmusik ist in Österreich die einzige Möglichkeit mit Blasmusik beruflich tätig zu sein, wir wollen ein Vorzeige-Orchester sein und dazu gehört musikalische und auch geschlechtliche Ausgeglichenheit.
Daher arbeiten wir, das Militär im Allgemeinen und Minister Doskozil daran die Attraktivität für Frauen zu steigern.
Momentan haben wir eine Frau im Kaderpersonal und im Oktober bekommen wir fünf weibliche Grundwehrdiener, die Militärmusik ist also auf einem guten Weg.



Zur Person:
Obstlt. Mag. Adolf Obendrauf erhielt seine musikalische Ausbildung am Johann-Joseph-Fux Konservatorium in Graz und studierte an der Kunstuniversität Graz Instrumentalpädagogik.
Von 1990 bis 2010 war er Solotrompeter der Militärmusik Steiermark.
2002 bis 2009 war Obendrauf als Substitut im Grazer Opernhaus tätig und seit 2005 ist er Lehrer an der Landesmusikschule in seiner Heimat St. Stefan im Rosental.
Seit August 2011 ist er Kapellmeister der Militärmusik Niederösterreich und bundesweiter Juror bei Wettbewerben der Musikschulen sowie Konzert- und Marschmusikbewertungen des Blasmusikverbandes.
Seit 2015 unterrichtet er auch an der Musikschule der Stadt St.Pölten.
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