Mobbing
Ellersdorfer: "Wegschauen ist der erste Schritt zum Mobbing!"

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Der St. Veiter Johannes Ellersdorfer hat sein erstes Buch geschrieben. Der Gründer der "Dance Industry" und Initiator des Dancical "Switch" verarbeitet in "Wer ist hier das Opfer?" seine Schulzeit als Mobbing-Opfer und gibt Ratschläge für Kids und Jugendliche.

"Nach ein paar Tagen passierte es dann in einer Pause und war für mich dann in weiterer Zukunft folgenschwer. Ein Mädchen aus der Nachbarklasse wurde ständig wegen ihrer X- Beine ausgelacht, ja, man hatte sie deshalb ständig auf dem Kieker.

Ich lachte vor allem wegen des Gruppenzwangs mit den anderen über sie. Da drehte sie sich plötzlich zu mir um, nahm mich ins Visier und trötete ganz laut: „Seht euch diesen Schwuli an! Trägst du zum Schlafengehen auch deine Strumpfhosen? Oh, unser Schwuuuuli, das wird dein neuer Spitzname.“ Von diesem Tag an rief sie mir immer, wenn sie mir über den Weg lief „Schwuli“ hinterher.

Sie machte das fast täglich und sie fuhr auch damit fort, weil somit immer alle Schüler über mich lachten und nicht mehr über sie. Binnen einer Woche wussten alle in der Schule über meinen neuen Spitznamen Bescheid und ihn musste ich tragen wie einen Stempel auf der Stirn. Mit diesem „Spitznamen“ hatte ich ganze 7 Schuljahre zu kämpfen und das sollte erst der Anfang meines Martyriums sein."


Mit 17 Jahren hat Johannes Ellersdorfer (26) die Dance Industry gegründet. Heute leitet er zwei Standorte des international bekannten Tanzstudios in St. Veit und Klagenfurt. Vor zwei Jahren hat der St. Veiter das Dancical "Switch" geschrieben, das sich mit Computerspiel-Sucht und Jugend-Problemen – im Speziellen mit Mobbing – auseinandersetzt. Dieses Stück war für Ellersdorfer Grundlage für sein nächstes Projekt. Der 26-Jährige begann Erlebnisse aus seiner Schulzeit als Tagebuch niederzuschreiben. "Bei Switch sind alte Gefühle hochgekommen. Ich habe gemerkt, dass ich die Erlebnisse aus meiner Schulzeit noch nicht verarbeitet hatte, sondern nur verdrängt."

Pflichtlektüre für alle Schulklassen Kärntens

Aus den Notizen wurde schließlich Ellersdorfers erstes Buch, das Anfang Dezember erscheinen wird. "Wer ist hier das Opfer?" beschäftigt sich mit Erlebnissen aus Ellersdorfers Schulzeit, in der er sieben Jahre lang gemobbt wurde. Es soll in erster Linie aber auch Ratgeber für Jugendliche, Eltern und Lehrer im Umgang mit dem Thema Mobbing sein. "Mein Ziel ist es, dass das Buch in jeder Schulklasse in Kärnten gelesen wird", betont Ellersdorfer.

Ellersdorfer möchte damit auch die Frage in den Raum werfen, wann Mobbing eigentlich beginnt. Für ihn liegt das auf der Hand: "Ich habe da eine Null-Toleranz-Grenze. Wenn man sieht, dass jemand gemobbt wird und dann wegschaut, da fängt für mich Mobbing schon an – wie unterlassene Hilfeleistung." 

"Man will damit selbst fertig werden!"

Viele Lehrer, aber auch Eltern würden sich im Umgang mit dem Thema Mobbing falsch verhalten. "Das Schlimmste ist, seinem Kind zu sagen es sei nur eine Phase oder man solle die Mobber ignorieren. Das macht aber gar nichts besser." Aus eigener Erfahrung weiß er, dass man als Mobbing-Opfer selbst mit der schwierigen Situation klarkommen möchte. "Wenn man zu den Eltern geht, wollen die das natürlich in der Schule klären. Das hilft aber gar nichts."

Seine eigenen Eltern reagierten im ersten Moment geschockt und traurig, als sie von dem Buch erfuhren, so Ellersdorfer: "Sie haben nichts davon gewusst. Als ich ihnen davon erzählt habe und sie Teile des Buches gelesen haben, war das für sie wie ein großer Vorwurf. Ich musste ihnen lange erklären, dass sie überhaupt nichts dafür können. Sie haben mir immer das Gefühl gegeben, dass sie für mich da sind. Aber man will damit einfach alleine fertigwerden."

Die Suche nach einem Anker

Ein zentraler Punkt, der im Buch thematisiert wird ist die Suche nach einem "Wer". Ellersdorfer erklärt: "In der schnelllebigen Welt heute geben wir viel zu schnell auf. Es geht als Jugendlicher deshalb viel darum, sich einen Anker – einen "Wer" – zu suchen, an dem man sich festhalten kann. Etwa: Wer kann mich in meiner Situation weiterbringen?" Jedes Kapitel erzählt eine wahre Geschichte aus Ellersdorfers Schulzeit, besitzt einen Teil worin es darum geht "es besser zu wissen" und einen Lösungsansatz (Was hätte ich besser machen können?) "Natürlich ist keiner meiner Ansätze für jeden gut, schlecht, richtig oder falsch. Aber man kann sich daran orientieren", sagt Ellersdorfer.

"Möchte die Zeit nicht missen"

Auch seine alte Schule, die er acht Jahre lang bis zur Matura besucht hat, kommt im Buch immer wieder vor. "Meiner Schulkameraden werden sich selbst sicher wieder erkennen, vielleicht auch so mancher Lehrer", sagt Ellersdorfer und weiter: "Ich hatte eine super Schule und tolle Lehrer, allerdings keine schöne Schulzeit. Dennoch möchte ich diese Zeit – auch nicht die schlechten Erlebnisse – missen. Denn sie waren der Grundstein dafür, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe." Die Namen der Personen wurden im Sinne des Datenschutzes geändert, die Geschichten aber sind echt. "Einer meiner Mobber weiß wahrscheinlich bis heute nicht, dass er mich gemobbt hat", so Ellersdorfer. 

Vorträge in Schulen geplant

Erscheinen wird das Buch Anfang Dezember. Bis die finale Version gedruckt wird, steht noch ein Test-Lesen einer Schulklasse am Programm. Zudem können sich auch Schulklassen als "Test-Klassen" bei Johannes Ellersdorfer (johannes@dance-industry.at) bewerben. "Wenn das Buch veröffentlicht ist, werde ich auch auf Wunsch in Schulen vor Ort sein und mit den Jugendlichen und Lehrern darüber sprechen. Es wird auch ein kleines Theaterstück geben – eben wie eine Lesung, nur etwas moderner", sagt der 26-Jährige.

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