16.11.2016, 16:00 Uhr

"Eltern sollen Kinder nur spielen lassen"

Kinderlachen ist so schön! Am 20. November ist Tag der Kinderrechte (Foto: Pixabay)

Internationaler Tag der Kinderrechte: Der St. Veiter Psychotherapeut Ulrich Haag im Interview.

WOCHE: Wie kinderfreundlich ist denn unsere Gesellschaft?
ULRICH HAAG: Zum einen beobachte ich, wie die Sensibilität und der Respekt gegenüber elementaren kindlichen Bedürfnissen in der Familie, Kindergärten und Schulen in den letzten 30 Jahren deutlich zugenommen hat. Andererseits ist in der selben Zeitspanne der öffentliche Raum durch die Zunahmen von verbauter Fläche und Verkehr kinderfeindlicher geworden.

Was ist Kindern heutzutage wichtig? Was ist aus Sicht der Erwachsenen für Kinder wichtig?

Als fünffacher Vater und Kinder- und Jugendlichen-Therapeut meine ich, dass Kindern im Schulalter eine sichere, ruhige, konfliktfreie "Homebase" wichtig ist, in der elementare Bezugspersonen wie Eltern, Großeltern, Geschwister dabei behilflich sind, herausfordernde Erlebnisse und Beziehungserfahrungen zu verarbeiten. Außerdem sind gute Freunden wichtig. Weiters braucht es die Erfahrung der Selbstwirksamkeit in sportlichen oder kreativen Betätigungen sowie gutes Feedback in altersentsprechenden Verantwortungsbereichen mit jüngeren Geschwistern, Mithilfe im Haushalt, Gestaltung des eigenen Zimmers, kleineren Jobs.

Kindergarten, Schule, daneben Klavierstunden, Fußball, Nachhilfe – sind unsere Kinder überfordert?
Lernprozesse finden nach allen neurobiologischen Erkenntnissen nicht dadurch statt, dass ein Kind möglichst viel Unterricht bekommt, sondern als Ergebnis eines Zusammenspiels von richtigen Moment, der richtigen Motivation und der richtigen Umgebung sowie ausreichend Ruhe, in er sich neue synoptische Verästelungen bilden können. Anhaltende Überforderung kann zu Unruhe, aggressiven oder depressiven Verstimmungen führen. Liebe Eltern, nehmt euch etwas Druck aus eurem Leben, anstatt ihn an die Kinder weiterzuleiten!

Dürfen sich Kinder überhaupt noch langweilen?
Langeweile ermöglicht den Kontakt mit sich selbst, um ohne Ablenkung von außen den oft als unangenehm empfundenen Suchprozess in Richtung authentische Bedürfnisse zu lenken. Bitte diesen Vorgang nicht durch Ersatzbefriedigung durchbrechen.

Die katholische Jungschar lädt anlässlich des Tages zur Aktion unter dem Motto „Einfach Kind sein“. Aber wie kann man Kind einfach Kind sein lassen?
Ich glaube, es ist heute immer noch möglich Kind zu sein, zu toben, zu balgen, zu klettern, laut und ausgelassen zu sein oder vertieft in ein Rollenspiel. Am ehesten in einer geeigneten Umgebung, in der Erwachsene Kinder einfach "nur" spielen lassen, im Sand, im Wasser, auf einer Wiese, im Heu, im Schnee, am Eis, mit anderen Kindern. Trotz verbauter Landschaft, vieler einschränkenden Regeln und überfürsorglicher Eltern finden Kinder diese Spielräume, die sie so nötig brauchen. Auch Erwachsenen täte es gut, wieder zu dem "Flow" zu finden, den sie als Kinder beim Spielen hatten.

Sie setzen sich sehr für die Rechte von Kinder und Jugendlichen ein.

Österreich hat 2011 die UN-Konvention über die Rechte von Kindern in die Verfassung aufgenommen und sich unter anderem verpflichtet, Fürsorge, Geborgenheit und den Schutz der körperlichen und seelischen Integrität zu gewährleisten. In der Umsetzung des kostenfreien Zuganges von Kindern und Jugendlichen zu Psychotherapie ist Österreich jedoch nach fünf Jahren noch immer säumig.

Das heißt?
Derzeit werden in Österreich 0,9 Prozent aller Minderjährigen durch einzelne geförderte Vereine therapeutisch betreut, Hilfe benötigen würden jedoch nach Erfahrungen in anderen Ländern mit guter Versorgung 10 bis 15 Prozent. Ich setze mich seit zwei Jahren für die Beseitigung dieses Missstandes ein, die Gespräche mit den zuständigen Stellen gehen nur schleppend voran. Ich hoffe sehr für alle in Not geratenen Kinder, Jugendlichen und ihre Eltern, dass wir in ein paar Jahren sagen können, dass das Recht von Kindern auf umfassende psychische Gesundheitsversorgung auch in Österreich umgesetzt ist.

Das sind weltweit die Kinderrechte

Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes wurde am 20. November 1989 von den Vereinten Nationen verabschiedet. Um an diesen Meilenstein zu erinnern, wird am 20. November der Geburtstag der Kinderrechtskonvention gefeiert. Österreich hat die Kinderrechtskonvention im Jahr 1992 anerkannt und die wichtigsten Rechte von Kindern 2011 in der Verfassung verankert.

Rechte der Kinder

Kinder haben Recht auf Nahrung, Bildung, Freizeit, Partizipation, Informations- und Meinungsfreiheit, Privatsphäre, Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, Schutz vor körperlicher oder geistiger Gewalt, Schutz vor sexueller Ausbeutung, Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung, besondere Unterstützung von Kindern mit Behinderungen sowie Recht von Flüchtlingskindern auf Schutz und Unterstützung, Rehabilitation für Opfer von Gewalt und Ausbeutung und Recht auf Schutz bei bewaffneten Konflikten.


Ulrich Hagg leitet das Institut für systemische Beratung und der ISYS-Akademie. Lehrtätigkeit an der Uni Klagenfurt, der Viktor Frankl Hochschule und der pro mente Akademie. Als Psychotherapeut, Paar-, Familien- und Lebensberater, Lehr- und Co-Mediator, Supervisor sowie als Teamberater ist er in Wien und St. Veit tätig. Hagg ist verheiratet, er hat fünf Kinder.
Homepage: www.ulrichhagg.at

Aktion in St. Veit
Heuer widmet sich die Kinderrechte-Aktion der Katholischen Jungschar dem Motto „einfach Kind sein!“ dem Artikel 2 der internationalen Kinderrechtskonvention, der besagt, dass alle Kinder die gleichen Rechte haben, unabhängig von Herkunft, Religion, Behinderungen, Sprache und Aussehen.
Beim Gottesdienst am Sonntag, 20. November, um 10.30 Uhr in der Klosterkircher werden Kinder auf ihr Recht "einfach Kind zu sein" aufmerksam machen und Informationen und fair gehandelte Schokolade austeilen.
1
1
1
Einem Mitglied gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.