10.07.2018, 18:00 Uhr

Herbert Sager: "Einsätze werden nicht zur Routine"

Gespräch im Grünen: Herbert Sager im Außenbereich der Bezirksstelle des Roten Kreuzes St. Veit

Die WOCHE bat den neuen Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes, Herbert Sager, zum Gespräch im Park.

ST. VEIT, MEISELDING. Herbert Sager (62) ist Orthopädietechniker in Althofen. Mit 54 Jahren entschloss sich der Meiseldinger zum Roten Kreuz zu gehen. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut hat. Seit April ist er Leiter der Bezirksstelle.

WOCHE: Sie sind neuer Bezirksstellenleiter. Was haben Sie bisher beim Roten Kreuz getan?
SAGER: "Ich arbeite seit Jahren als Orthopädietechniker, seit 1991 in meinem Sanitätshaus in Althofen. Das macht mir immer noch sehr großen Spaß, 2010 habe ich mich aber dennoch entschieden, das Berufliche zu reduzieren. Dann bin ich mit 54 Jahren dem Roten Kreuz beigetreten, habe zuerst die Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht. Später kam die Aufgabe als Transportleiter dazu, seit 2017 habe ich auch die Berechtigung Einsatzfahrzeuge mit eingeschaltetem Blaulicht und Folgetonhorn zu lenken. Zudem bin ich Mitglied des Kriseninterventionsteams und habe die "Peer"-Ausbildung, was bedeutet, dass ich auch Kollegen nach belastenden Einsätzen zur Seite stehe. Weiters bin ich Freiwilligenkoordinator und nun auch Bezirksstellenleiter.

Was bewegt einen, mit 54 Jahren zum Roten Kreuz zu gehen?
Die Menschen. Mit 54 noch Rettungssanitäter zu werden ist durchaus unüblich. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass man alles zurückbekommt, was man anderen Menschen Gutes tut. Das habe ich schon im Beruf, aber auch in den letzten acht Jahren zu spüren bekommen. Das Bedürfnis, etwas Sinnhaftes zu tun wird von Tag zu Tag stärker.

Wann war Ihr erster Berühungspunkt mit dem Roten Kreuz?
Als Orthopädietechniker habe ich viel im Krankenhaus St. Veit gearbeitet. Der damalige Primar war Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes und hat mich immer gefragt, wann ich zum Roten Kreuz gehe. Man würde mich dort brauchen. Im Laufe der Zeit habe ich die Sinnhaftigkeit des Handelns immer mehr hinterfragt und mich schließlich für das Rote Kreuz entschieden.

Welches Gefühl hat man beim ersten Einsatz?
Es ist aufregend. Spannend. Als ich das erste Mal als verantwortlicher Transportfahrer neben dem Lenker saß und zu meinem ersten Einsatz gefahren bin, war es schon ein Adrenalinstoß. Sobald man aber vor Ort ist, weiß man, was man machen muss und bekommt eine gewisse Sicherheit.

Werden Einsätze zur Routine?
Nein. Nach acht Jahren gibt es bei mir keine Abstumpfung. Wenn ich mit der Krisenintervention hinausfahre, fehlt mir manchmal auch die Gelassenheit, die ich sonst von mir kenne. Die schwierigsten Einsätze sind jene, bei denen Menschen vermisst werden. Da kannst du den Betroffenen nicht viel sagen, weil du selbst im Ungewissen bist.

Wie verarbeiten Sie schwere Momente selbst?
Da gibt es ein ganzes Bündel an Maßnahmen: Selbstreflexion, das Gespräch mit dem Partner, Gespräche mit Kollegen auf der Dienststelle oder als letzter Ansprechpartner die "SVE-ler" (Anm. Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen)

Gibt es positive Momente? Welche bleiben besonders im Kopf?
Tausende, alleine, wenn man sich mit den Kollegen blind und ohne Worte versteht. Oder wenn man Blicke austauscht mit Menschen, denen man helfen konnte. Diese Momente bleiben stärker im Kopf als die schlechten. Sie sind auch der Antrieb immer weiter zu machen.

Gibt es in St. Veit genug Freiwillige?
Derzeit sind bei uns genau 206 Frauen und 206 Männer freiwillig im Dienst. Mit denen, die beruflich beim Roten Kreuz tätig sind, sind wir im Bezirk etwa 500 Mitglieder. Es gibt über 50 verschiedene Möglichkeiten freiwillig tätig zu sein. Dabei gibt es zwei große Bereiche: Rettungsdienst und Gesundheits- bzw. sozialer Dienst. Durch den Wohlstand in der Gesellschaft und das steigende Durchschnittsalter wird der zweite Bereich immer mehr. Im Rettungsdienst ist die Anzahl der Helfer in den letzten Jahren ziemlich unverändert.

Zeigen die Leute heutzutage noch die nötige Zivilcourage?
Was Erste Hilfe betrifft merke ich ein sehr vorbildhaftes Verhalten in der Gesellschaft. Jeder weiß, dass er 144 anrufen muss, um den ersten Schritt zur Hilfeleistung beizutragen. Dass immer mehr Defibrillator-Säulen in den Städten aufgestellt werden verstärkt das Pflichtbewusstsein der Menschen. Sich von seiner Pflicht zu helfen abwenden, macht man nur, wenn man nicht weiß, was zu tun ist. Die kostenlosen Defi-Schulungen in den Gemeinden sind deshalb auch sehr wichtig.

Wie sind Sie privat?
Ruhig. Nicht immer im Mittelpunkt. Und interessiert an den Menschen.

Interview: Stefan Plieschnig
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