Interview mit Thomas Waitz
"Ich bin sicher kein Sesselkleber"

"Mich fasziniert die Arbeit in Brüssel, ich kann mir aber auch gut eine Rückkehr in die steirische Politik vorstellen", meint Thomas Waitz im Gespräch mit der WOCHE.
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Der steirische Forstwirt Thomas Waitz sitzt seit November 2017 für die Grünen im EU-Parlament. Im Gespräch mit der WOCHE schildert der passionierte Europäer, was er bei Tiertransportkontrollen quer durch Österreich erlebt hat, wie er seine Chancen bei der EU-Wahl sieht und wie er die Situation der Grünen beurteilt.

WOCHE: Was Ihr Fazit aus Ihrer Zeit im EU-Parlament, aus Sicht der Grünen?
Thomas Waitz:
Grundsätzlich hat mich die demokratische Arbeit dort beeindruckt, das war mir davor so nicht bewusst. Da es im Europäischen Parlament im Gegensatz zu den nationalen Parlamenten keine Regierung gibt und daher auch keine Regierungsmehrheiten, das heißt in der EU fallen Entscheidungen immer wieder mit neuen Mehrheiten, mit viel fachlich unterstützter Überzeugungsarbeit, nicht gefärbt von politischen Spielchen und sehr bemüht um sachliche Ergebnisse. Je breiter die Mehrheiten im Parlament ausfallen, umso besser stehen die Chancen auf Umsetzung dann im zweiten Teil der Gesetzgebung, dem Rat.
Aus grüner Sicht beschäftige ich mich hauptsächlich mit Agrarthemen, Lebensmittelqualität, welche Formen der Landwirtschaft beziehen Förderungen. Und da stellt sich schon die Frage, ob nicht langfristig jene Arten der Landwirtschaft gefördert werden sollen, die auch wirklich etwas zum Gemeinwohl beitragen.

Wie definieren Sie Gemeinwohl?
T.W.:
Das ist unsere gemeinsame Umwelt, Grundwasserverschmutzung und Luftverschmutzung machen vor nationalen Grenzen nicht Halt. Und was nützt es, wenn das Lebensmittelrecht strikt umgesetzt wird, wie wir es in Österreich handhaben, wir aber dann in einem gemeinsamen Markt leben und wir die Fibronil-Eier aus Belgien beziehen, dann bekommen die österreichischen Konsumenten Missstände aus anderen Ländern genauso zu spüren. Was also ist am Ende des Tages billig? Wenn die Umweltfolge- sowie Gesundheitskosten höher sind als eine teurere aber gesunde Produktion, dann ist das der falsche Weg.

Stichwort gesunde Produktion: Sie waren auch bei einer Tiertransportkontrolle dabei, was können Sie davon berichten?
T.W.:
Tatsache ist, dass die Regeln, die es derzeit gibt, schlichtweg nicht eingehalten werden. So war ich im vergangenen Sommer bei Tiertransportkontrollen in Österreich und im benachbarten Ausland dabei und das war teilweise erschreckend ...

Inwiefern?
T.W.:
Wir waren in der Steiermark gemeinsam mit der Landespolizeidirektion unterwegs und da wurde schon nach zwei Stunden ein ungarischer Tiertransport aus dem Verkehr gezogen, der gleich fünf Beanstandungen hatte – abgesehen davon, dass der LKW eigentlich nicht verkehrstüchtig war, war das Tierleid im Inneren immens. Bullen waren zusammen mit Kälbern verladen. Die Tiere waren angehängt, was bedeutet, dass sie sich bei einer abrupten Bremsung strangulieren. Die Hygiene war erschütternd. Dasselbe bei einem dänischen Transporter, wo die Ferkel vor Schmerzen gebrüllt haben.

Wie schätzen Sie die österreichischen Tiertransporte ein?
T.W.:
Im europäischen Vergleich sind sie sicher immer oberen Drittel, aber natürlich haben auch wir Aufholbedarf.

Wie finden diese Kontrollen Niederschlag in Ihrer Arbeit fürs EU-Parlament?
T.W.:
Dazu wird es genau diesen Mittwoch einen Untersuchungsbericht geben, der dem Landwirtschaftlichen Ausschuss vorgelegt wird. Da gehts um Korruptionsverdachtsmomente bei den Entladestationen, um die Missstände beim Transport und vieles mehr. Und bei der Summe dieser Missstände stehen die Chancen sehr gut, dass die Inhalte des Berichts auch im Parlament und in weiterer Folge in der EU-Kommission positiv behandelt werden.

Die anstehenden EU-Wahlen können da sicher nicht schaden ...
T.W.:
Definitiv.

In der Steiermark zieht bekanntlich Werner Kogler als österreichischer Spitzenkandidat ins Rennen. Welche Aussichten rechnen Sie sich überhaupt aus?
T.W.:
Ich werde auf Platz vier kandidieren, das ist der erste Platz, auf dem ich kandidieren kann, so sind die Regeln bei den Grünen. Ich war auch jetzt auf Platz vier. Meine Chancen sind klein, aber sie sind da. Vor allem es gibt ja auch Vorzugsstimmen.

Und wenn es nicht klappt...
T.W.:
Ich habe da zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits ist die Arbeit in Brüssel natürlich sehr faszinierend. Man macht in Wahrheit Weltpolitik. Andererseits ist mein Lebensmittelpunkt momentan mein Koffer und das ist halt auch sehr zehrend. Also es würde mir auch Spaß machen, die steirischen Grünen zu verstärken. Das ist sicher näher an den Bürgern und ich hätte auch wieder mehr Zeit für meinen Betrieb und wieder so etwas wie ein Zuhause. 

Ein Leben ohne Politik also sicher nicht?
T.W.:
 Das haben die Wähler zu beurteilen. Ich glaube, dass man als Politiker zeigen muss, dass man das auch selbst lebt, was man sagt. Mit dem trete ich, und wenn ich dafür wieder gewählt werde, dann freue ich mich. Wenn die Demokratie aber sagt: "Geh heim auf deinen Bauernhof!", dann gehe ich auch gern wieder heim auf meinen Bauernhof. Ich klebe sicher nicht auf meinem Sessel.

"Mich fasziniert die Arbeit in Brüssel, ich kann mir aber auch gut eine Rückkehr in die steirische Politik vorstellen", meint Thomas Waitz im Gespräch mit der WOCHE.
In grüner Mission seit November 2017 im EU-Parlament: der steirische Forstwirt Thomas Waitz

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