Landesrat Christopher Drexler: "Wenn wir nichts tun, fahren wir gegen die Wand"

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Von A wie Ambulanz bis Zigaretten – wir haben dem steirischen Gesundheitslandesrat Christopher Drexler auf den Zahn gefühlt: Wie geht es weiter mit der Spitalsreform, was fehlt dem "Patienten Steiermark"?

Eigentlich wirkt er ja sehr gesund, der "Patient Steiermark". Warum lassen wir nicht alles, wie es ist?
Das kann man eben nicht, weil sich einige Rahmenbedingungen so rasant verändern, dass verantwortungsvolle Gesundheitspolitik heute dafür sorgen muss, dass wir morgen eine verlässliche Versorgung haben.

Welche Rahmenbedingungen sind das?
Erstens einmal die demographische Entwicklung, wir werden im Durchschnitt immer älter. Und eine alternde Gesellschaft braucht eine andere Gesundheits- und vor allem Pflegeversorgung.
Zweitens: Ein unglaublicher medizinscher Fortschritt, der eine Rasanz aufweist, der zu immer stärkeren Spezialisierungen führt und der es unmöglich macht, alles an jedem Standort und am Puls der Zeit anzubieten. Dazu kommt ein medizintechnischer und pharamzeutischer Fortschritt, den es ebenfalls zu berücksichtigen gilt.

Und drittens ...?
Die rrechtlichen Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel das Arbeitszeitgesetz für Krankenanstalten. Dieses macht es uns unmöglich, unsere Strukturen unverändert zu lassen. Wir würden allein in den steirischen Krankenanstalten (Kages, Anm. der Red.) 550 zusätzliche Ärzte brauchen, um im Juli 2021 rechtskonform unsere jetzige Struktur betreiben zu dürfen. Selbst wenn wir uns diese 550 Ärzte leisten könnten, würden wir sie nicht finden, weil das Gesetz ja gleichzeitig in ganz Österreich in Kraft tritt.

Was ist die inhaltliche Triebfeder?

Ich glaube, dass es notwendig ist, einen gesamtheitlichen Blick auf unser Gesundheitssystem zu werfen. Vom niedergelassenen Bereich über die neu zu implementierenden Gesundheitszentren  bis hin zu einer adäquaten Spitalsstruktur.

Was sind die Stärken des bestehenden Systems?
Der niedergelassene Bereich mit den Hausärzten hat durchaus seine Stärken. Das Problem ist nur, dass in den nächsten Jahren sehr viele von ihnen in Pension gehen. Und die jüngere Generation präferieren halt nicht das Einzelkämpfertum in der Praxis. Deshalb werden wir diesen niedergelassenen Bereich durch unsere Gesundheitszentren ergänzen. Wir haben in der Steiermark exzellente Erfahrungen damit gemacht, vier Zentren gibt es schon, ein fünftes im urbanen Bereich ist bereits in Planung, sieben sollen es bis Jahresende sein.

Wie viele werden es werden?

Wir wollen bis 2025 rund 30 Gesundheitszentren haben, damit sind wir in Österreich in einer Vorreiterposition.

Was macht Sie sicher, dass diesmal die Verbindung zwischen niedergelassenem und stationärem Bereich funktionieren wird?
Die Zusammenarbeit ist schon verbesserbar, aber daran arbeiten wir täglich. Wenn ich mir ansehe, dass das Gesundheitszentrum Mariazell über 80 Prozent seiner Patienten nicht einmal mehr an einen Facharzt überweisen muss, weil sie das meiste vor Ort behandeln können, ist das ein gutes Signal.

Wie würden Sie die Struktur beschreiben?
Die Gesundheitszentren sind der Einstieg, die Grundstufe der Versorgung. Dann kommen die geplanten Facharztzentren und die neu geordnete Spitalsstruktur, die von einem Leitspital pro Region ausgeht. Idealtypisch dafür ist der Bezirk Liezen, wo wir aus drei Spitälern ein Leitspital machen werden. Es deutet alles in die richtige Richtung, so dass wir in der Steiermark auch noch 2025 oder 2035 ein verlässliches, qualitätsvolles System der Gesundheitsversorgung haben werden.

Was passiert, wenn nix passiert?
Dann fahren wir in den nächsten Jahren gegen die Wand. Nicht nur finanziell, sondern auch qualitativ und organisatorisch. Wir machen diese Reformen nicht um zu sparen, sondern um Qualität für die Zukunft flächendeckend anbieten zu können.

Sind alle wichtigen Partner an Bord?
Das Gesundheitswesen ist schon ein besonders herausforderndes Biotop. Ich glaube aber, dass wir es in der Steiermark geschafft haben – mit Gesprächen und viel Vertrauensaufbau,  mit den Sozialversicherungen, mit der Ärztekammer und anderen Interessensvertretungen –, dass alle an einem Strang ziehen. Und das sogar in die selbe Richtung.

Wie gewährleistet man, dass der Patient im Mittelpunkt der Bestrebungen steht?

Man muss den Menschen gesamthaft im Auge behalten. Das heißt aber nicht, dass die fortschreitende Spezialsierung nicht letzlich dem Menschen als ganzes nutzt. Das Zusammenwirken der einzelnen Disziplinen ist die große Aufgabe, die das System leisten muss. Wir steuern sicher nicht auf eine Vision zu, in der der Mensch nur mehr als Barcode wahrgenommen wird. Zusätzlich ist es unser Ziel, die Gesundheitskompetenz der Steirerinnen und Steirer zu stärken. Wir wollen müdnige Patienten, die mit dieser Kompetenz ihren Lebensstil so im Griff haben, dass sie möglichst gar nicht erst ins Spital kommen.

Prävention also?
Ja, da braucht es eigentlich nicht viel: Bewegung, richtige Ernährung, Alkohol- und Tabakprävention. Das wär's.

Nichtrauchen auch im Gasthaus?

Natürlich.

Autor:

Roland Reischl aus Graz

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