SALOMONSIEGEL. Märchen und Geschichten für Kinder, Kindsköpfe und Kindgebliebene - Teil 109

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Die heutige Geschichte handelt vom Salomonsiegel, das man gerne in dunklen Nadel- und Mischwäldern, aber auch nahe Gebüschen und Gräben findet. Besonders anmutig wirken die weißen tröpfchenförmigen Blüten. Salomonsiegel wirkt entzündungshemmend, abschwellend und narkotisierend. Soll auch gegen Altersflecken, Sommersprossen helfen und Warzen oder Hühneraugen weich machen. Eine Salbe aus den Wurzeln soll bei Schmerzen am Bewegungsapparat lindernd wirken, wo Sehnen hart, schwach, zu kurz oder entzündet sind. Alle anderen Pflanzenteile gelten als giftig. Auch feinstofflich löst es Verhärtungen, bringt Licht und Wohlwollen in verfahrene Beziehungen. An den Stellen, an denen Salomonsiegel wächst, sollen Elfen und Waldgeister leben. Manche sagen, das Salomonsiegel helfe dabei, den Grund für eine Erkrankung zu erkennen. 

Die Idee für eine passende Geschichte, keimt schon lange in meinem Hinterkopf. Raus wollte sie jedoch erst heuer im Frühjahr, als ich selbst einen Wirkungsbereich dieser geheimnisumwobenen Pflanze kennen lernen durfte. Viel Spaß beim Lesen des neuen Abenteuers vom frechen Kevin und dem Vampir Rudi. 

Atemlos stolpert der freche Kevin die abgetretenen Steinstufen zur alten Gruft hinunter. Der sonst so kecke Lausbub ist völlig fertig. Heiße Tränen kullern die dicken Wangen herab. 
"Was ist?" fragt sein bester Freund, der kleine Vampir Rudi mit einem lauten Gähnen. "Bei dem Getrampel weckst du ja die Toten auf! Und überhaupt, ich bin mitten in dem spannendsten Vampir-Jungs-Buch, dass der berühmte Agathon Crispy je geschrieben hat und du störst mich mir nix dir nix! Das Buch heißt übrigens die sieben Siegel des König Salomon!" Dabei schlürft er genüsslich Blutersatzlösung aus einem Colabecher vom Mac Donalds, den ihm Kevin geschenkt hatte. 
Doch die die leckere Blutersatzlösung für Vampir Vegetarier bleibt ihm im Halse stecken und er verkutzt sich. Jetzt hat er nämlich in Kevins vom Weinen geschwollenes Gesicht geschaut und was er dort sieht, erschreckt ihn bis auf die Knochen. 

"Alter Schwede, Kevin! Was ist denn passiert?!" Kevin fängt noch lauter an zu Schluchzen, sodass sein ganzer Körper inklusive Schwabbelbauch bebt und zittert. Unter Tränen schüttet er sein Herz aus: Kevins Eltern haben sich eben erst scheiden lassen. Das war schlimm für den Buben. Scheidung ist scheiße, aber das was Kevin jetzt erzählt, ist noch viel schlimmer. "Gestern kam ein Brief von der Wohnungsgenossenschaft. Darin stand, dass mein Vater angeblich die Miete für unsere Miet-Kauf-Wohnung geraume Zeit nicht mehr bezahlt hat. Jetzt haben sie Mama die Frist gestellt, bis Montag 70 000 Euro zu bezahlen sonst werden wir delogiert!" "Delo-was?" fragt Rudi verdattert. "Na, rausschmeißen wollen die uns, eiskalt auf die Straße setzen! Wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als zu dir in die Gruft zu ziehen. Oder hast du eine Lösung für unser Problem?" "... Hmmmm". Nachdenklich legt Rudi die weiße Stirn in Falten. "Ich hab's!" ruft er gleich darauf. "Wir finden einfach einen Schatz! Wie wär's mit dem vom König Salomon? In meinem Buch steht, dass er hier beim Salomonstein im Stadtpark vergraben sein soll..." "Spinner!" Kevin verdreht genervt die Augen. "Bücher sind Fiction! Das hat sich irgendwer ausgedacht, du Dödel!" "Nee!" entgegnet Rudi vehement. "Bei uns Vampiren läuft das anders! Wir haben keine gute Fantasie. In Vampirbüchern steckt  ziemlich viel Wahrheit drinnen!"

Bei Einbruch der Dunkelheit machen sich die beiden Freunde auf den Weg zum Park. Kevin hat mächtig Schiss. "Du Rudi, wollen wir wirklich zum Salomonstein? Keiner traut sich da hin! Die Leute sagen, dass es dort spukt!" Aber Rudi lässt nicht locker. "Hmmm, was kann Crispy bloß mit den 7 Siegeln meinen?" Nachdenklich setzen sich die Buben am Fuße des Steins ins Gras. "Gott sei Dank bin ich mit einem Vampir unterwegs!" denkt Kevin. "Da fühlt man sich gleich viiiiieeeel sicherer!" Dabei streicht er mit der Hand über die eigenartige Pflanze neben sich, deren tropfenförmige weiße Blüten fast ätherisch im Dunkeln leuchten.  SCHWUPP! Dem frechen Kevin ist es, als söge ihn die Blüte regelrecht ein, um ihn daraufhin schnurstracks in den Himmel zu katapultieren. Ist das irre! Kevins Geist schwebt plötzlich über dem Park und kann auf sich selber hinunterschauen, wie er neben dem kleinen Vampir im Gras hockt und grübelt. Neben ihnen wachsen sieben Pflanzen mit ätherisch weißen Tröpfchen-Blüten. "Salomonsiegel" weht es durch sein Bewusstsein. "Genial - das sind die 7 Siegel des König Salomon!"

Ruckartig schlägt der freche Kevin die Augen auf. "Rudi! Rudi! Ich weiß jetzt, wo der Schatz begraben liegt..." Sofort  beginnen die ungleichen Freunde zu buddeln, bis eine uralte Truhe zum Vorschein kommt. "Juhuuu!" schreit Rudi. "Siehst du, ich hab's dir doch gesagt, dass da ein Schatz liegt!" Da schläft ihm mitten im Reden das Gesicht ein. Auch der freche Kevin schaut verzweifelt drein. Um die Kiste ist eine fette Eisenkette geschlungen, die unmöglich zu sprengen ist. Kevin wird puterrot vor Wut und stampft wie ein Giftzwerg mit dem Fuß auf. Dabei reißt er eins der Salomonsiegel aus und schmeißt es wütend auf die Kiste. PENG! Mit einem Krach zerreißt die Kette und der Deckel springt knarrend auf. "Ich sprenge Ketten und Felsen. Gefangenen war es bis ins Mittelalter verboten, mich bei sich zu tragen" hauchte es abermals durch Kevins Sinn. "Eigenartige Pflanze!???" denkt dieser. Da sieht er Rudi schon wieder mit hängender Kinnlade in die Kiste starren. "Ist sie etwa leer???!!!!" will er hysterisch wissen. "Nee" sagt der Vampir noch immer ganz perplex. "Aber von einem Goldschatz ist hier keine Spur...  Seit wann gab es zu König Salomons Zeiten schon Dollar Scheine?" Tatsächlich! Die Schatztruhe ist randvoll mit alten Dollar Scheinen. 

Zurück in der Gruft beginnen die beiden zu tüfteln, wie sie diese Summe unbemerkt auf Mamas Bankkonto schummeln können. Da kommt Rudis Lieblingsgroßonkel Ivan herein. Ivan ist ein Forscher, Chemiker und Freigeist, der zusammen mit Rudi und Kevin eine Blutersatzlösung für Vampir-Vegetarier erfunden hat. Als ihm die beiden Jungs nun die Ohren volllabern und ihm die Kiste mit den Dollarscheinen zeigen, ist er allerdings sofort voll bei der Sache. "König Salomon lebte  fast tausend Jahre vor Christus. Da gab es sicher noch keine Dollarscheine! Hast du eine Idee, wo der Goldschatz hingeraten sein könnte oder wie die Dollars in die Kiste gekommen sind?" Betreten steigt Rudis Großonkel von einem Fuß auf den anderen, murmelt irgendwas von "furchtbar müde" und ist schon in einem der steinernen Gräber verschwunden. Den Deckel hat er fest zugemacht.

"Ich werd verrück!" lacht Rudi. "Glaubst du auch, dass Großonkel Ivan den echten Schatz des König Salomon gemopst hat?" "Sieht fast so aus! Und weißt du was, mir fällt gerade ein, wie wir ihn zum Reden bringen..."

Gemeinsam schleppen sie einen großen Steinbrocken an und hieven ihn auf den Sarg. Dazu legt der freche Kevin einen Bund Knoblauch aus dem Schrebergarten seiner Oma. Jetzt heißt es nur noch warten...

Keine halbe Stunde später ist ein panisches Klopfen und Jammern aus dem Inneren des Sarges zu vernehmen: "Lasst mich raus, lasst mich raus! Ich erzähl euch ja alles!"  Und so kommt es, dass Großonkel Ivan beichtet, wie es ihn schon als Kind zum Goldschatz des König Salomon hingezogen hat. Es war wie ein geheimer Zwang. Er musste ihn einfach besitzen. Doch leider ist der Schatz mit einem Fluch behaftet. Wer in stiehlt, so geht die Sage, wird sterben, um jeden Tag aufs neue die unsäglichen Qualen der Unterwelt zu erleiden. "Als mir auf meiner ersten Reise in die USA das Schicksal den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln in die Hände spielte, und ich ihn nur um der Berühmtheit Willen beißen wollte (stellt euch vor, welch Ansehen mir so ein Biss eingebracht hätte!!!) bot er mir eine ganze Kiste voller Dollars als Gegenleistung für sein Leben. Zuerst lachte ich ihn aus, aber dann wusste ich auf einmal instinktiv, dass das Geld in der Kiste genau soviel Wert war, wie Salomons Goldschatz. 

Heimlich tauschte ich die beiden Truhen aus. Doch als ich Salomons Schatztruhe öffnete, zerfiel das Gold zu rotem Staub. Ich war am Boden zerstört - allerdings nicht lange. Denn ich fand heraus, dass der rote Staub eine Zutat für unsere Blutersatzlösung war, an der ich damals schon forschte." "Heißt das, es bringt keinen Fluch über uns, wenn ich die Dollars nehme?" fragt der freche Kevin und beißt unsicher an seinen Nägeln. "Das dürfte kein Problem mehr sein. Schließlich gibt es ja den Schatz an sich nicht mehr!"

"Ach ja, grinst Onkel Ivan plötzlich übers ganze Gesicht. Ihr kennt ja meinen Hang zur Politik... Ich hatte da kürzlich zufällig den Finanzminister vor meinen weißen Zähnchen. Dafür dass ich ihm gütiger Weise das Leben schenkte, hab ich was gut bei ihm - soll er die Legalisierung der Dollars für dich übernehmen?" Hätte Kevin nicht doch ein wenig Schiss vor dem alten Vampir gehabt, wär er ihm um den Hals gefallen. "Ach ja"grinste jetzt der freche Kevin zurück. "Beeil dich bitte, Onkel Ivan! Schließlich weiß man bei  den Politikern heutzutage nie so genau, wie lange das Versprechen eines Ministers hält!"

Autor:

Anita Buchriegler aus Steyr & Steyr Land

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