Das Märchen vom Geben und Nehmen
Martinstag. Was der Heilige Martin mit Halloween zu tun hat - Märchen und Geschichten - Teil 114

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In der folgenden Geschichte geht es um Halloween und - ja, Sie hören richtig - die Parallelen die man dabei zum Martinsfest ziehen kann...  Halloween war für mich heuer grundsätzlich ein zweischneidiges Schwert. Zum Einen hab ich meine Kleine auf ihrem ersten Halloween-Gang begleitet und gesehen, welche Freude die Kinder dabei hatten und wie bescheiden sie sich teilweise nur ein Zuckerl nehmen trauten.  Andererseits waren da auch wieder die Diskussionen mit Freunden, die den fremden Brauch aus Amerika am liebsten "weggehext" hätten. Als ich noch darüber nachdachte, ob "Halloween" wirklich so fremd ist, stolperte ich auf Facebook über einen genialen Text von Kräuterexpertin Heidi Brunner, worin sie erklärte, dass dieses von Haus zu Haus gehen vor Allerheiligen ein uralter Brauch ist, der auch bei uns praktiziert worden ist - aber halt von den Armen, die sich so die nötigsten Lebensmittel für den Winter erbettelten. Der Hauptgrund warum mir ihr Text so getaugt hat war aber, dass sie darin betonte, wie wichtig es ist zu geben und zu nehmen. Im Fall Halloween wäre das als Dankeschön für das Süße vielleicht ein Gedicht oder Liedchen vorzutragen, oder zumindest ein Lächeln und ein Dankeschön zu schenken. "Genau wie beim Heiligen Martin!", dachte ich. Und schon war die folgende Geschichte da...

Es war einmal ein griesgrämiger alter Mann. Sehr gläubig, dass war schon wahr, und doch mehr als rigoros in seinen Prinzipien. So war er zum Beispiel dafür bekannt, dass er den Kindern mit seinen knochigen Fingern ein Tapperl auf den Hinterkopf gab, wenn sie in der Reihe vor ihm während der Messe schwätzten. Kinder hatten sich zu benehmen und wenn ihnen das die Eltern  nicht mehr lernten, würde er dafür Sorge tragen. Im Kampf um Moral und Sitte war er voll in seinem Element. 

Zu Allerheiligen war ihm das besonders wichtig. Genau achtete er am Friedhof darauf, wer sein Grab gebührend schmückte. Wer den Toten die nötige Ehrerbietung entgegenbrachte und wen er andererseits schon schadenfroh im Fegefeuer braten sah. 
Dass die Leute dabei einen großen Bogen um den knöchernen alten Mann mit den hängenden Mundwinkeln machten, war ihm egal. Hauptsache er hatte seinen Plätzchen im Himmel. Und dafür hatte er seiner Meinung nach schon genug gearbeitet. 

Bevor es aber zur Allerheiligenandacht auf den Friedhof ging, musste er noch den blöden Halloween-Abend vorüber bringen. Der fremde Brauch aus Amerika ging dem verbitterten Alten unsagbar gegen den Strich! Anfangs hatte er sich im finsteren Haus verbarrikadiert. Mittlerweile war er  dazu über gegangen, die lästigen Kinder schreiend mit dem Gehstock zu vertreiben. "Ich denke, ich sollte mir einen scharfen Hund anschaffen!", überlegte er.

Der kleine Henri freute sich schon sehr auf Halloween. Er war zwar erst 5, durfte heuer aber zum ersten Mal mit seinem großen Bruder mitgehen. Nur manchmal da verwechselte er Halloween noch mit der Geschichte vom Heiligen Martin, denn die machten sie gerade sehr intensiv im Kindergarten durch. Die Vorbereitungen für das Martinsfest liefen auf Hochtouren und Henri sollte beim Umzug auf dem Gemeindeplatz heuer sogar den Heiligen Martin  spielen. 

"Mama, ich will nicht als doofes Gespenst gehen!", stampfte Henri enttäuscht mit dem Fuß auf, als die Mama ihn für Halloween schminken wollte. "Ich verkleide mich als Heiliger Martin. Bitte, Mama! Bitte! Bring mir mein Kostüm." Und so kam es, dass der Bub bald darauf mit Helm und rotem Umhang auf seinem Steckenpferd neben seinem Bruder Luis, der als Ninja Turtle ging, hergaloppierte. Die Buben trafen sich noch mit ein paar anderen Kindern und läuteten bald bei jedem Haus in der Straße an. Überall bekamen sie Süßigkeiten, bis ihr Rucksack zum Bersten voll war. "Stop Henri! Hier nicht!" schrie Luis entsetzt und rannte dem kleinen Bruder nach, der schnurstracks auf das gruselige Haus des bösen griesgrämigen alten Mannes zusteuerte. "Bleib stehen, sonst schlägt er dich mit seinem Stock windelweich!" 

Henri aber ritt unbeirrt weiter. Er läutete an und schon stürmte der Alte mit erhobenem Stock aus der Tür. Als er den Heiligen Martin vor ihm stehen sah, erstarrte er. "Sankt Martin unser Heiliger Mann, wir zünden dir ein Lichtlein an! Und denken immerzu daran, dass Teilen glücklich machen kann!", sang Henri und lächelte dabei den alten Griesgram an. Als er fertig war, riss er seinen Mantel entzwei (er war für die Aufführung an der Hälfte mit einem Klettverschluss präpariert worden), leerte einen Teil seiner Süßigkeiten hinein und hielt sie dem Alten hin. "Sei nicht böse auf uns, Onkel!", sagte Henri zum Alten und sah ihn mit seinen großen blauen Augen treuherzig an. "Wir haben im Kindergarten vom Heiligen Martin gelernt und wie schön Teilen sein kann. Die Tante sagt, dass es auch an Halloween um Geben und Nehmen geht und dass die Menschen am glücklichsten sind, wenn sie anderen für die Sachen die sie bekommen etwas zurück geben. Die Tante sagt, es zählt sogar ein Lächeln oder ein Lied. Hier! Ich schenke dir auch noch ein paar Süßigkeiten, weil du so dünn aussiehst!" 

Da musste wohl irgendwo tief drinnen im Herzen des Alten etwas abgefallen sein das, hätte man es sehen können, wie ein stacheliger Panzer gewirkt hätte. Sein Gesicht strahlte und war von einem Lächeln überzogen, dass schnurstracks aus seinem Herzen kam. So schnell ihn seine alten Beine trugen lief er hinein und holte die angefangene Dose Erdnüsse vom Fernsehtisch in der Stube. "Hier mein Kleiner, ich hab leider jetzt nicht mehr für dich!" Aber komm morgen wieder, dann will ich dir erzählen wie es früher war, zu Allerheiligen und als ich einmal den Heiligen Martin spielen durfte..."  Henri lächelte und wusste, dass alles was in seinem Martinsbuch stand, wahr war, sogar die Seite auf der Jesus mit dem halben Mantel bekleidet war und sagte:" Das was du für den Bettler getan hast, das hast du für mich getan!"

Als die Kinder im nächsten Jahr zu Halloween wieder von Haus zu Haus zogen, stand vor dem Haus des Alten ein großer Kürbis, den er mit Henri zusammen geschnitzt hatte. Auf dem Schild daneben stand "Willkommen". Und wenn ihm die Kinder etwas vor sangen oder ein Gedicht aufsagten, dann durften sie sich sogar ein Stück vom leckeren Gugelhupf nehmen, den er eigens für diesen Anlass gebacken hatte.

Autor:

Anita Buchriegler aus Steyr & Steyr Land

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