ACKERSCHACHTELHALM
ZINNKRAUT. Märchen und Geschichten für Erwachsene, Kinder und Kindgebliebene - Teil 113

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Vor einigen Jahren schlug mir eine Kollegin die ich sehr schätze vor, doch einmal übers Zinnkraut zu schreiben. Aber wie's im Leben so ist, kann man vieles nicht erzwingen und das Zinnkraut - auch Ackerschachtelhalm genannt - musste ohne Märchen auskommen. Als ich vor kurzem auf ihrer Facebook-Seite über die natürlichsten und liebsten Hochzeitsfotos stolperte, die ich je gesehen hatte - schlich sich still und leise endlich die passende Geschichte in meinen Kopf - sozusagen als nachträgliches Hochzeitsgeschenk! Alles Liebe euch beiden! Möge euer Silber immer blitzblank und die vielfältige positiven Wirkungsweisen der Heilpflanze auf Knochen, Blut und Haut mit euch sein! 

Heute war Tanz im Dorf und alle mussten zusammen helfen, damit das Fest ein unvergessliches werden würde. Die jungen Männer hämmerten und sägten solange, bis ein ansehnlicher Tanzboden entstand. Frauen und Mädchen flochten Girlanden aus Tannenreis, um ihn damit zu schmücken. Die jungen Mädchen, die noch nicht zum Tanz gehen durften, polierten unter der Anleitung der Alten das Silberbesteck des Pfarrhofs, denn der Pfarrer erwartete hohen Besuch der dem Fest beiwohnen sollte. Wäre die Stimmung rundherum nicht so ausgelassen und fröhlich gewesen, hätte man allerdings den einen oder anderen ungehörigen Fluch aus dem Munde eines jungen Mädchens gehört. Das vermaledeite Silber ließ sich trotz argem Rubbeln kaum sauber kriegen. 

Endlich war der heiß ersehnte Festabend gekommen. Pfarrer und Ehrengäste thronten in ihren besten Gewändern an der Festtafel. Die heiratsfähigen Töchter warteten mit wunderschönen Blumenkränzen im Haar auf den ersten - vielleicht alles entscheidenden Tanz, während sich die jungen Männer in Gruppen zusammenfanden und mit allen Mitteln versuchten, auf sich Aufmerksam zu machen.  Auch der Gutsherr war mit seiner Familie erschienen. Sein Sohn Thomas, sollte sich schon bald eine Braut aussuchen, und alle heiratsfähigen Mädchen taten ihr Bestes, ihm schöne Augen zu machen.

Maja, die bei ihrer alten Großmutter wohnte und offiziell eigentlich noch zu jung war, um am Tanz teilzunehmen, saß mit ihren Freundinnen am Rande des Tanzbodens, sah zu und machte sich über die dummen Gänse lustig, wie sie die wohlhabenden jungen Männer absolut Intelligenz befreit anhimmelten. Das entging auch dem jungen Thomas nicht. Das Gehabe der Dorfmädchen war ihm peinlich. Er hatte die ganze Heiraterei sowieso ziemlich satt. "Ein ausgefuchster Kuhhandel ist das - und ich, ich bin der Ochse dabei!" fluchte er innerlich. In einem unbemerkten Augenblick machte er sich aus dem Staub, um etwas Luft zu schnappen und zu sehen, was im Dorf sonst noch los war. Maja erging es nicht anders. Mit ihrem scharfen Verstand beobachtete sie das Treiben akribisch genau, um es für einen Menschen mit Hirn als absolut widersinnig abzutun. Kurzentschlossen stand sie  von ihrem Platz auf und tanzte mir nix, dir nix - ganz ohne Partner! - wild über den Tanzboden - um dann nach Hause zu verschwinden. Bei der letzten Drehung aber knallte sie mit Karacho mit dem Kopf gegen die Stirn eines anderen. Beide hielten sich den schmerzenden Kopf und tasteten sich blindlings zur alten Linde hinter dem Tanzboden, um wieder zur Besinnung zu kommen und dem aufsteigenden Schwindel Herr zu werden.

"Vollidiot!" schrie Maja erbost. Dann blieben ihr die Worte im Hals Stecken. Ihr Gegenüber, auf dessen Lippen sich noch vor einer Sekunde das Wort "blöde... " geformt hatten, bekam ebenfalls ganz große Augen und starrte das Mädchen vor ihm an.  "Ich bin Maja" sagte das Mädchen, das als erste die Sprache wiederfand und streckte dem Fremden die Hand zum Gruß entgegen. "Thomas" antwortete dieser mit trockenen Lippen. "Sehr erfreut!"

Und weil sie sich ja nun vorgestellt hatten, und der Abend sowieso nichts besseres in Petto hatte, begannen die beiden Eigenbrötler bei einem kleinen Spaziergang über Gott und die Welt zu diskutieren. Bis ihnen die lauten Rufe der Eltern und Großmutter entgegen drangen. Schnell verabschiedeten sie sich voneinander. Jedoch nicht ohne sich ein erneutes Treffen auszumachen. "Hier unter der Linde?" hauchte Maja."Morgen zur selben Zeit!" jubelte Thomas. 

"Was die Liebe mit einem Menschen anstellt!" wunderte sich Maja wenig später. Thomas hatte sie gefragt, ob sie ihn heiraten wolle, und sie hatte tatsächlich "ja" gesagt.  Mutig trat der junge Edelmann seinen Eltern entgegen. Er wusste natürlich, dass sie ihn verheiraten wollten. Was sie zu einer Heirat mit einem mittellosen Waisenkind sagen würden, ließ ihn vor Kälte frösteln. Wie erwartet waren der Gutsherr und seine Frau perplex.  Ein Mädchen ohne Mitgift kam nicht in Frage. "Gut", sagte der Vater. Mir ist ein jedes Mädchen recht, sofern du es wirklich liebst. Aber ich habe eine Bedingung. Als Mitgift muss sie 1000 Gulden mit in die Ehe bringen. 

Beschämt erzählte Thomas Maja von der Bedingung des Vaters. "So eine Gemeinheit!" rief diese erbost. "Wie kann so ein Lieber wie du nur so einen hinterhältigen alten Geizkragen zum Vater haben!" Ihre harten Worte fuhren dem Jungen durch Mark und Bein. Aber er wusste, dass sie Recht hatte. 

Daheim in der Hütte  schüttete Maja der Großmutter ihr Herz aus. Und auch diese war traurig. Zum einen weil sie ihr einziges Enkelkind so früh an einen jungen Mann verlieren sollte. Zum anderen, weil sie nicht wusste wie sie Maja helfen sollte. "Weißt du Maja" sagte die Großmutter versonnen nachdem sie lange still vor sich hin gegrübelt hatte. "Meine Großmutter stammte aus einem reichen Haus. In ihrer Hochzeitstruhe befindet sich heute noch ihr Silber. Es ist jedoch so schwarz und dreckig, dass es nicht mehr als Silber erkenntlich ist. So manches Mal habe ich schon versucht, etwas davon zu verkaufen. Aber niemand wollte mir glauben, dass es wirklich Silber ist." "Wo ein Wille, da ein Weg!" antwortete das beherzte Mädchen. Und beschloss gleich am nächsten Morgen mit ein paar Silbertellern zum Pfandleiher zu gehen. "Du elende kleine Betrügerin! Denkst  wohl ich falle auf deine Mitleidsmasche herein. Deine schmutzigen Teller kannst du behalten - nichts weiter als wertloses Blech!" Damit schlug er Maja die Tür vor der Nase zu. Wäre das Mädchen nicht so wütend gewesen, hätte es wohl laut zu schluchzen begonnen.   Zähneknirschend setzte sie sich am Ackerrand nieder und begann das Gras büschelweise auszureißen. Als das auch nichts half, zerwutzelte sie die Pflanzen und rieb damit wild über die Teller, so als wolle sie den Grund ihres Ärgers ausradieren. Als ihr Wutausbruch so abrupt wie er gekommen war endete und sie wieder klar denken konnte,   sah Maja plötzlich dass an einer Stelle etwas blinkte und in der Sonne blitzte. Sie hatte tatsächlich eine kleine Stelle blank bekommen. Verdattert starrte sie ins Gras. Nein, das war gar kein Gras. Es hatte dicke drahtige Stängel die wie ein kleiner Tannenbaum angeordnet waren. "Komisches kleines Kraut!" Daheim begann sie sofort damit zu Scheuern und zu Putzen, mischte dann auch noch etwas Aschenlauge dazu und sieheda... das ganze Silber in der Truhe war plötzlich blitzeblank und erstrahlte in altem Glanz. "Wenn ich mir das so ansehe, brauche ich für die Aussteuer nicht einmal ein Viertel davon! Großmutti, wir sind reich!" Da strahlte auch die Großmutter, denn sie wusste, dass nun alle Not ein Ende hatte. 

Bald darauf hielten Thomas und Maja Hochzeit, denn ein Wort war ein Wort. Das musste sogar der geizige alte Gutsherr zugeben.  Auf der Tafel erstrahlte Majas altes Silberbesteck. Noch erstaunlicher aber blinkte und glänzte das alte Zinn das Thomas Vater und Vorfahren auf Wandvertäfelungen, Regalen, Podesten und Nischen  angesammelt hatten. "Ich denke, wir werden das Pflänzlein Zinnkraut nennen!" grinste Maja, als sie den allerersten Schluck Wein ihres Lebens trank. Und ließ den Blick hämisch grinsend über die "Zinn-Sammlung" in der Halle gleiten. "Deinem Vater zu ehren, versteht sich!  Vielleicht tröstet es ihn ja mit der Zeit darüber hinweg, dass er sich bei seiner "Heirats-Rechengeschichte"  so kläglich vertan hat!"


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