Reaktionskunst im Steyrer Rathaus
"Bin kein Bewacher, sondern Beistand"

Künstler Hannes Angerbauer antwortet mit Reaktionskunst auf die Wächter der Zeit.
STEYR. Die Geschichte macht ihren Anfang mit den drei goldenen Wächtern der Zeit, die am Stadtplatz stehen. Angerbauer hat als erste Reaktion sein Kristalltag-Kunstwerk in der Rathauspassage verhüllt. Seit zwei Wochen sitzt der Steyrer Künstler neben dem verhüllten Bild und informiert. Angerbauer erzählt im Interview die Hintergründe. 

Du sitzt jetzt schon länger in der Rathauspassage und „bewachst“ dein verhülltes Kunstwerk. Warum?

ANGERBAUER: Ich sitze neben dem Denkmal nicht als Bewacher, sondern als Beisitz und Beistand für 38 stumme Menschen denen ich eine Stimme geben muss. Alle Menschen teilen das Schicksal von Vertreibung, Verfolgung, von Gewalt und Folter. Sie sind von drei Religionen und neun Nationen. Auch protestiere ich nicht mit dem schwarz verhüllten Kunstwerk, wie manche zu Recht meinen. Ich informiere und reagiere aus der Verantwortung für diese 38 Menschen heraus. Daher teile ich nun Infofolder aus und stehe für Fragen zur Verfügung. Am 16. Juli 2020 hatte ich die Bilder meiner Besuche vom 6. und 7. Nov. 1998 in den Wohnungen und das Leid dieser Menschen wieder lebendig vor Augen, wie wenn es Gestern gewesen wäre.

Wie reagieren die Menschen darauf, dass du im Rathaus sitzt?
Für mich völlig unerwartet, in äusserst positiver, verständnisvoller und freundlicher Weise. Vor allem aber dann wenn Sie mehr über das verhüllte Kunstwerk von mir erfahren wollen. Es ist ja ganz einfach. Ich informiere über die Fakten und Hintergründe und erkläre den Falschgold Begriff. Jeder hat mir dann bisher zugestimmt und viele haben gemeint: Viel Erfolg, weiter so!
Das ist die gute Energie die mich speist um in der Zugluft der Passage weiterzumachen.

Welche Fakten und Hintergründe meinst Du?
Einerseits ist es Faktum, dass zur Installation des Kristalltag Objekts in der Rathauspassage alle Mitglieder des Kulturausschusses und alle politischen Fraktion zugestimmt haben. ALLE, das möchte ich betonen. Einzige Voraussetzung war, dass keinerlei Kosten für die Stadt Steyr entstehen dürfen. Es hat also der Stadt keinen einzigen Cent gekostet. Sogar das Mineralwasser zur Enthüllungsfeier kam nicht von der Stadt Steyr. Daher findet man konsequenter Weise im zweisprachigen Informationsfolder auch kein Steyr Logo. Anderseits wurde die überfallsartige und strategisch geheim geplante Präsentation von den drei inhaltsleeren goldfarbenen Hüllen im Zentrum des Stadtplatzes, welches bisher einzig für den Maibaum oder Christbaum bestimmt war, nur von einer Person bestimmt, die noch dazu mit mehr als ihrem persönlichem Kunstankauf Jahresbudget die drei Hüllen für die Stadt Steyr ankaufte. Und paralell die goldige Einbindung in die OÖ Landesausstellung bestimmte, nehme ich einmal an.

Einerseits demokratisch das „Alle“ anderseits das „Allmächtige“ möchte man fast meinen.
Einerseits ist es das sensible, hintergründige Kristalltag Kunstwerk aus hochkarätigem Gold in dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Ein Denkmal wo sogar das Lesen der weissen Infotafel sensible Arbeit ist. Anderseits sind es mit Goldfarbe besprühte billige Plastikhüllen die ihren Mittelpunkt in der schönen Steyrer Altstadt plakativ und dominant behaupten. Deren Marketing und Werbe Tam Tam für jeden spürbar ist. Hätte der Kollege nur ein bisschen Sensibilität, hätte er die drei Hüllen in Weiss für den Stadtplatz produzieren lassen.
Diese Unterschiede versteht jeder. Auch warum ich daher den Begriff „Falsch Gold – Zeit Gold“ als Reaktionskunst Projekt verwende.

Die Geschichte hat ja ihren Anfang mit den drei goldenen Wächtern der Zeit. Wäre deine Reaktion anders wenn die Figuren am Stadtplatz beispielsweise grün wären?
Ja ganz sicher. Ich hätte garantiert nicht in Form von Reaktionskunst darauf reagiert. Ich hätte aber auch ganz sicher gegen die undemokratische und kulturell fragwürdige Situation protestiert. Wie so viele meiner Kolleginnen auch. Seit ich meine „AHA Amtsstunden“ im Rathaus verbringe erlebe ich es auch, dass dieser Protest, bzw. Unmut, nicht nur Künstlerkollegen betrifft sondern sich durch alle Bevölkerungsschichten zieht. Das tut mir in der Seele gut. Ich hoffe das war nicht zu egoistisch von mir.

Warum bist du so erpicht auf die Farbe Gold? Die Farbe kann ja jeder verwenden. Du hast ja kein alleiniges Recht darauf.

Natürlich hat jeder Recht auf Gold als Farbe oder Edelmetall! Aber nicht in dieser unsensiblen, provokanten, bewusst polarisierenden Form und visuellen Nachbarschaft des Kristalltag Denkmals dessen Kernaussage des „Niemals Wieder!“ in den Schmutz gezogen wurde. Ich empfinde es auch als persönlichen Angriff auf mein künstlerisches Lebenswerk. Seit über 30 Jahren arbeite ich am Erweiterten Goldbegriff, wo der Mensch im Vordergrund steht wenn man Gold sieht. Dass am Stadtplatz nun gezieltes Marketing und Blendung im Vordergrund stehen, das kann jeder sehen. Wer mich und mein Werk kennt hätte mich zumindest vorher von der Farbenwahl Gold informieren können.

Nur ein Gedanke: Könnte man es nicht auch so sehen, dass die goldenen Wächter gegenüber des Rathauses dein Kristalltag-Werk aufwerten?
Keinesfalls. Die drei Plastikhüllen provozieren und demütigen das Werk mit seinen 38 Menschen, mit seinen Förderern und Sponsoren. Sie greifen die menschlichen Wurzeln der „Goldenen Rathauspassage“ mit visuell giftigem Falschgold an. Sie werten jedoch die Hintergrund Gedanken über die aktuelle kulturelle und demokratische Situation in Steyr auf.

Deine Anwesenheit im Rathaus soll Reaktionskunst sein. Welche Schritte hast du noch geplant?
Schritt 1 war die Verhüllung mit einem gebrauchten 1 Euro Bodentuch. Durch das Zeitungs Interview mit dem allmächtigen Kulturstadtrat kam die Inspiration zum 2. Schritt: die AHA Beisitz, Beistand Information. Aktuell bin beim letzten 3. Schritt dem „Gold Standort“ und dabei das Rathaus Innen stellenweise hochkarätig zu punktieren und danach zu vergolden. Bis zur letzen Konsequenz, das ist auch seit 3. August dem Bürgermeister bekannt.

Wie lange planst du noch im Rathaus zu sein? Jeden Tag?
Ich sitze im zugigen Rathaus bis das Falschgold vom Stadtplatz verschwunden ist.
Verhüllt bleibt das Kristalltag Denkmal bis das Falschgold aus Steyr verschwunden ist.

Kein Hausverbot

Steyrs Bürgermeister Gerald Hackl kennt Hannes Angerbauer bereits seit seiner Jugend. "Ich will und werde nichts Schlechtes über ihn sagen. Als Künstler lebt Hannes Angerbauer aber in einer eigenen (Gedanken-) Welt und fühlt sich durch die drei am Stadtplatz platzierten und goldfarben bemalten „Wächter der Zeit“ provoziert." Die im Rathausdurchgang als Protest inszenierte Verhüllung seines eigenen Kunstwerkes empfindet Hackl für überzogen. Ein „Hausverbot“ wird es aber nicht geben, da Angerbauer niemanden belästigt und der Rathausdurchgang breit genug ist, um ungehindert an ihm vorbei zu kommen. "Ich gehe aber auch davon aus, dass, wenn die drei Skulpturen, wie geplant, an einen anderen Standort übersiedeln, Hannes Angerbauer den Rathausdurchgang wieder verlässt und damit die Aktion beendet ist. Problematisch würde die Situation nur dann werden, wenn Hannes Angerbauer städtisches Eigentum verändert. Das könnte unangenehme Folgen haben, was ich ihm nicht wünsche", so Hackl.

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