Reportage
Kein Blatt vor dem Mund

Der 82-jährige Neustifter und sein "I – Du – Mir", das quartalsmäßig in alle Haushalte im Dorf flattert.
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Er ist Bergführer, gläubig und seit über 40 Jahren Herausgeber von "I – Du – Mir": Pepi Gleirscher aus Neustift.

NEUSTIFT (tk). Der heute 82-Jährige ist ein Mann offener Worte: "Ich brauche keine Publicity. Aber ich habe nichts dagegen, mich Menschen zu öffnen", stellt er gleich eingangs klar, als wir ihn in seinem Zuhause in Neustift besuchen. Am Tisch liegen die jüngsten Ausgaben seiner Zeitung "I – Du – Mir". Wobei mit "mir" natürlich das tirolerische "wir" gemeint ist.
Es sind ein paar schlicht gehaltene A5-Seiten, auf denen Pepi seine Gedanken seit 1978 regelmäßig in alle Neustifter Haushalte schickt. Er schreibt über Kirchliches genauso wie über das Gemeindegeschehen. Das Heftchen kommt ohne Farbe, Fotos oder entgeltliche Einschaltungen aus. "Ich bin völlig unabhängig und brauche keinerlei Konsequenzen zu fürchten", erzählt Pepi davon, dass ihm so mancher Lokalpolitiker seine oftmals spitze Feder durchaus schon übel genommen hat. Aber das bewege ihn nicht im geringsten: "Ich gehe mit allem kritisch um. Das jedoch immer unter Rücksichtnahme auf die Würde eines jeden Einzelnen." Unter Würde versteht er, dass selbst der größte Hallodri von Gott unwiderruflich gewollt und geliebt ist.

Zwischen Himmel und Erde

Er sehe sich als Mahner, Lehrer und Prophet, war vor vielen Jahren in der Kirchenzeitung über Pepis Tun zu lesen. Darauf angesprochen schmunzelt dieser nur ein wenig. Die Ideen für die Beiträge im "I – Du – Mir" kommen ihm jedenfalls immer irgendwo zwischen Himmel und Erde. Genauer beim Bergaufgehen. Der Neustifter war lange als Skilehrer und Bergführer aktiv und ist das – nun freilich in eingeschränktem Maße – bis heute. Zur extremen Sorte Bergsteiger habe er ohnehin nie gehört, sagt er. Spätestens nach seiner schweren Lungen- und Rippenfellentzündung 1997 wäre das auch nicht mehr möglich gewesen. Von da an musste Pepi sportlich sowieso kürzertreten.

Vom Gehen und Wahrnehmen

Dafür hat der gelernte Tischler andere Meilensteine gesetzt: Die besinnlichen Skitourenwochen, die seit Jahrzehnten über das Bildungshaus St. Michael angeboten werden, sind auf seine Initiative zurückzuführen. Bis vor Kurzem hat Pepi diese noch stets selbst geleitet. Inzwischen hat sein Sohn Peter die Führung übernommen. Wie heuer bereits berichtet, ist das Besondere daran, dass der Aufstieg schweigend erfolgt: "Das Schweigen allein macht keinen Sinn. Aber es ermöglicht eine bessere Wahrnehmung und ein besinnliches Nachdenken. Die Teilnehmer können sich stärker auf den Augenblick konzentrieren", erklärt Pepi.

Religion als "Lebenshalt"

Seine Liebe zu den Bergen ist in ihm als Jugendlicher geweckt worden. Damals war er Mitglied der Katholischen Jugend, die von Hans Danler und Friedl Stern betreut wurde. "Egal, bei welchem Wetter, wir waren jeden Sonntag unterwegs. Da hat es voll gefunkt", berichtet Pepi. Parallel dazu war er immer in der Kirche aktiv: "Religion ist mein Lebenshalt, der Glaube eine wunderbare Sache." So hat sich schließlich alles dahingehend entwickelt, dass Pepi zum nebenberuflichen "Schreiberling" wurde. "Ich wollte ein Blatt etablieren, in dem die Leute ihre verschiedensten Meinungen ausdrücken können. Das war meine ursprüngliche Vorstellung", lacht er, denn gekommen ist es anders: "Am Ende bin doch ich der Verfasser der Artikel geworden. Das war schon ein Sprung ins kalte Wasser – ich mit meiner Volksschulausbildung." Ans Aufhören hat er seither nie mehr gedacht. Trotz teils heftiger Widerstände: "Ich habe mich nicht abwürgen lassen. Im Gegenteil. Mir stellt sich immer nur die Frage, worüber ich als nächstes schreibe. Ja und neuerdings dichte ich sogar noch!"

"Bin ein glücklicher Mensch"

Finanziert wird das "I – Du – Mir" durch freiwillige Spenden. So kommt Pepi mit den Druck- und Versandkosten halbwegs hin. Im Internet sind die "Eingebungen" nicht zu finden. Das will sich der Vater von sieben Kindern nicht mehr anfangen. Da schnürt er lieber die Bergschuhe und macht sich wieder auf den Weg. Mittlerweile vorzugsweise zum Schwammerlnsammeln oder zum Beerenklauben. "Knie und Hüfte sind top, ich kann runterhüpfen, wo ich will", betont der 82-Jährige, dass ihn die Bewegung gesund gehalten hat. "Ich bin einfach gerne draußen. So schön wie bei uns ist es nirgendwo anders. Ich bin ein total glücklicher Mensch." Kein Zweifel also: Nummer 225 des "I – Du – Mir", die Sommerausgabe 2019, formuliert Pepi in seinem Kopf jetzt schon.
www.meinbezirk.at

Der 82-jährige Neustifter und sein "I – Du – Mir", das quartalsmäßig in alle Haushalte im Dorf flattert.
Pepi besucht jeden Sommer alle Hütten und Almen im Stubaital.

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