09.09.2016, 22:05 Uhr

In der Arktis entscheidet sich, ob wir den Klimawandel ausreichend verstehen

DKK 09.09.2016
Jedes Jahr im September erreichen uns rekordverdächtige Meldungen aus der Arktis: Zum Ende des Sommers zeigt sich am Rückgang des Meereises rund um den Nordpol wieder, wie stark der Klimawandel dort bereits fortgeschritten ist.

Keine Region der Erde hat sich so stark erwärmt wie die Arktis. So sind die Temperaturen hier im letzten Vierteljahrhundert mehr als doppelt so stark angestiegen wie im Rest der Welt. Diese Phänomen wird „Artic Amplification“ (Arktische Verstärkung) genannt und seit Ende der 1960er Jahre beobachtet, ist aber trotzdem bis jetzt nicht wirklich verstanden. Keines der Klimamodelle kann den bisherigen Rückgang des Meereises auch nur annähernd zuverlässig wiedergeben. Dabei spielt die Arktis, insbesondere für das Wetter- und Klimageschehen in Europa, aber auch für das globale Klima eine zentrale Rolle. Zudem beschleunigt der Rückgang des Meereises Planungen zur Ausbeutung der dortigen Bodenschätze, die massive ökonomische und ökologische Konsequenzen hätten.

Natürlich sind in den letzten Jahrzehnten Fortschritte im Prozessverständnis und in der Beobachtung gemacht worden: Die Messtechnik vor Ort und aus dem All wurde genauso verbessert wie die Integration von Rückkopplungsmechanismen in die Klimamodelle auf kleinen Skalen. Ein solcher Mechanismus ist beispielsweise die bekannte Eis-Albedo-Rückkopplung: Weniger Meereis macht die Oberfläche der Erde dunkler, weniger Sonnenstrahlung wird reflektiert, es wird wärmer und mehr Eis schmilzt - ein sich selbst verstärkender Prozess. Aber das ist offensichtlich nur eine von vielen Rückkopplungen, die in der Arktis miteinander agieren. Um diese komplexen Zusammenhänge aufzuklären, haben sich Forschende aus verschiedensten Disziplinen zusammengeschlossen, da sie vermuten, dass die Prozesse in der Atmosphäre die wahrscheinlichsten Ursachen für die starke Erwärmung der Arktis und damit das schnelle Verschwinden des Meereises sind.

Neue Erkenntnisse verspricht hier der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Sonderforschungsbereich Transregio 172 „Arktische Klimaveränderungen“ (http://www.ac3-tr.com/). Der Forschungsverbund wird von der Universität Leipzig geleitet. Mit dabei sind außerdem die Universitäten in Bremen und Köln sowie das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) und das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS). Zusammen wollen wir herausfinden, welche Prozesse unter den vielen Rückkopplungsmechanismen die Entscheidenden in der Arktis sind, damit diese später in den Klimamodellen angemessen berücksichtigt werden können.

Durch die Kombination von Modellen und Beobachtungen auf verschiedenen Skalen hoffen wir, die entscheidenden Informationen zu erhalten.

Ab 2017 stehen daher neben den lokalen Messungen an der deutsch-französischen Station AWIPEV auf Spitzbergen und den globalen Satellitenbeobachtungen eine Reihe von Aktivitäten auf regionaler Skala von Flugzeugmessungen bis hin zu mehreren Expeditionen mit dem Forschungseisbrecher Polarstern an. Ein Schwerpunkt wird dabei auf Eis in niedrigen Wolken liegen, die in der Arktis sehr sensibel auf Luftverschmutzung reagieren. Dabei wollen wir den Einfluss von Aerosolen und Wolken auf die Energiebilanz an der Meereisoberfläche mit dem weltweit umfangreichsten Paket von physikalischen und chemischen Messinstrumenten und Modellen erfassen. Dass sich ein Konsortium aus universitärer und außeruniversitärer Forschung mit Unterstützung der DFG nun einer der dringendsten und schwierigsten Fragen der globalen Klimaforschung stellt, unterstreicht die Bedeutung und Verantwortung, die Deutschland dabei hat.


Prof. Dr. Andreas Macke
Direktor des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (TROPOS)
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Gerhard Heising aus Stubai-Wipptal | 10.09.2016 | 13:21   Melden
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