13.04.2016, 17:23 Uhr

Interview | „Wirf keine Wärme weg!“ Daniel Acksel zum Zwanzig20-Forum Wärmewende

Daniel Acksel im Interview zum Zwanzig20-Forum Wärmewende (Foto: copyright GFZ:)
GFZ 12.4.2016
Daniel Acksel ist Forschungsreferent am GFZ im Department Geoservices und stellvertretender Projektleiter des Zwanzig20-Forums Wärmewende. Im Interview berichtet er über die Arbeit des Forums und die Herausforderungen der Wärmewende.

Womit beschäftigt sich das Zwanzig20-Forum Wärmewende und welche Akteure sind beteiligt?


Es geht um einen wichtigen Aspekt der Energiewende: die Wärmewende. Die Bundesregierung hat ehrgeizige Ziele für die Energiewende formuliert und damit einen Transformationsprozess, der Dekaden dauern wird, vorstrukturiert. Wir als Verbund haben uns aus der Überzeugung heraus gefunden zu sagen, die Energiewende kann nur dann erfolgreich sein, wenn auch eine Wärmewende stattfindet. Uns treibt dabei ein Gedanke: Wirf keine Wärme weg!

Und die Akteure…

…das sind Partner und Einrichtungen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunen. Das heißt: außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie das GFZ, aber auch Universitäten: die BTU, die TU, kleine und mittelständische Unternehmen - vorrangig aus Ostdeutschland, da das ganze Vorhaben im Moment noch vor allem auf Ostdeutschland ausgerichtet ist. Außerdem sind Industriepartner und große Unternehmen wie der Energieversorger EWE dabei.
Die Beteiligung der Kommunen ist uns dabei ganz wichtig. Die Energieversorgung und damit auch die Energiewende finden letztendlich in den Städten und Gemeinden statt, weshalb sie für die Diskussion und Strategieentwicklung eine große Rolle spielen.

In welcher Hinsicht ist Wärme eine besondere Herausforderung innerhalb der Energiewende?

Grundsätzlich, aus physikalischen Gesichtspunkten sozusagen, besteht ein deutlicher Unterschied zwischen dem Produkt Strom und dem Produkt Wärme. Strom lässt sich, mit nur geringen Verlusten, gut transportieren. Das ist ein hochenergetisches, schon hoch veredeltes Produkt. Bei der Wärme wird immer ein Transportmedium benötigt, in der Regel ist das ein Fluid, meistens Wasser. Technologisch bestehen hier ganz andere Herausforderungen als beim Strom.
Die Hälfte des Energiebedarfs in Deutschland geht auf das Konto der Wärme, der Rest verteilt sich auf Strom und Mobilität. Beim Strom sind wir schon relativ weit, was die regenerative Erzeugung anbelangt. Aber das ist eben nur ein kleiner Teil der Torte und wir müssen auch an den anderen ran.
Nur etwa zehn Prozent der Wärme wird derzeit regenerativ erzeugt und das im Wesentlichen aus Biomasse. Da schöpfen wir das Potential anderer, vor allem heimischer Quellen noch gar nicht aus. Das genau ist die große Herausforderung, neben der Umsetzung von Effizienzmaßnahmen, die ebenfalls eine große Rolle spielen. Genau wie beim Strom auch lautet die Effizienzfrage: Welche Maßnahmen kann ich durchführen, so dass ich erst gar nicht so viel Wärme produzieren muss? Auch da gibt es noch viele offene Fragen.

Man weiß worin die Schwierigkeiten bestehen. Warum ist es so schwierig, Veränderungen anzugehen?

Es ist so, dass die Energiewende aktuell nicht zwingend notwendig ist. Wir haben eine Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa. Jeder hat Strom, jeder hat Wärme, wunderbar. Das funktioniert deshalb so gut, weil sich hier in einer freien Marktwirtschaft leistungsfähige Geschäftsmodelle etabliert haben. Es gibt Versorger, Produzenten und Konsumenten und es besteht eine gut funktionierende Wertschöpfung.
Und jetzt wird es künstlich: Aus einem guten Grund, dem der Nachhaltigkeit, wird von außen reingegeben, dass wir das ändern wollen. Das ist nichts, was der Markt aus sich heraus erfordern würde, sondern etwas, das politisch vorgegeben ist. Wir wollen weg von den fossilen Energieträgern. Wir haben außerdem gesagt, wir wollen aus der Atomkraft aussteigen und das ändert dieses ganze System.
So entsteht die Situation, dass man gegen etablierte Geschäftsmodelle arbeitet und jeder Energieversorger sich die Frage stellt: Wann muss ich mich wirklich ändern? Wie bereitet man sich darauf vor? Wann und über welche Stufen macht man den Wechsel? Die Energieversorger müssen dazu bewegt werden, neue Modelle aufzusetzen und die Energieversorgung anders zu organisieren als bisher. Wir sind froh, dass wir mit EWE einen großen Konzern gefunden haben, der offen ist neu zu denken und auch andere Wege zu gehen.
Ein weiterer Aspekt ist, dass dieser Transfer von denen mitgetragen werden muss, die letztendlich die Kosten tragen und den Strom und die Wärme bezahlen. Im Wohnbereich sind das die Mieter, da sind Menschen betroffen, es geht hier um das Thema Akzeptanz. Die Wärmewende muss akzeptiert sein, sonst wird sie kein Erfolg.

Ist es denn tatsächlich so, dass die Wärmewende Einfluss auf den Preis für den Endverbraucher hat? Es gibt ja auch die Vorstellung, dass Wärme nicht teurer wird, sondern womöglich sogar günstiger.


Genau. Ein Ziel bei der Sanierung ist der sogenannte und von Mietern geforderte warmmietenneutrale Umbau. In attraktiven Städten steigen die Mieten oft unverhältnismäßig. Das erzeugt Druck auf den Wohnungsmarkt und befördert den Wandel von Nutzerstrukturen. Damit sind soziale Herausforderungen verbunden. Wenn dann der Wechsel von fossilen zu regenerativen Energieträgern zu zusätzlichen Mietsteigerungen führt, wäre das ein falsches Signal. Aber grundsätzlich ist es so, wenn Sie etwas umbauen, kostet das zunächst Geld. Und diese Kosten müssen weitergegeben werden.

Ist das eine besondere Herausforderung bei der Wärmewende, dass diese zusätzlichen Kosten durch zum Beispiel die Gebäudesanierung anfallen?

Das ist beim Strom genauso, das ist ein generelles Energiethema. Auch beim Strom geht es um Effizienzmaßnahmen am Gebäude, also beim Endverbraucher selber. Es ist ein genereller Ansatz der Energiewende, den Bedarf herunterzufahren. Darauf basiert die Vorstellung, dass wir die Energiewende trotz wachsender Bevölkerung beispielsweise oder demografischem Wandel schaffen können.
Sie müssen außerdem bedenken wo Sie sind, was ist das eigentlich für ein Raum, den Sie versorgen wollen? Ich nehme mit Freude wahr, dass man im Strommarkt da schon ein bisschen weiter ist als bei der Wärme. Da gibt es wirkliche Herausforderungen für die Versorger und die erfordern Lösungen. Und genau da wollen wir als Forum mithelfen und vor allem Impulse geben und entwickeln. Mit neuen Technologien und mit Innovationen. Das meinen wir letztendlich mit Strategieentwicklung.

Neben dieser Strategieentwicklung bereiten Sie innerhalb des Forums fünf konkrete Demonstrationsvorhaben in Ostdeutschland vor. Was ist die Idee dahinter?

Es gibt Modelle dazu, wie Innovationen in den Markt gelangen. Wenn man diese Modelle der Innovationsentwicklung auf die Wärmewende anwendet, sieht man, dass wir noch ganz am Anfang sind. Wir befinden uns noch in der Innovationsphase, noch nicht mal bei den sogenannten Early Adopters, die die ersten wären, die Innovationen tatsächlich auch annehmen.
Man sagt, dass es eine Marktdurchdringung für Innovationen von 17, 18 Prozent braucht, damit sie sich durchsetzen können. Die haben wir bei Weitem noch nicht erreicht, der Markt nimmt die Innovationen also noch nicht an. Wir haben uns gefragt: Wie schließen wir diese Lücke? Was braucht es da eigentlich? Die Antwort ist, man muss zeigen, dass es geht.
Man muss zeigen, dass die Alternativen da sind und dass man sie auch bauen kann. Aus Demonstrationsvorhaben lässt sich etwas lernen, genauso war es beim Strom und so ist es immer mit diesen Lernkurven, die Innovationen durchlaufen. Irgendjemand muss es ausprobieren. Dann lässt sich auch etwas weiterentwickeln und verbessern. Den Mercedes bauen wir deswegen, weil wir schon lange gute Autos bauen.

Wie genau wollen Sie das demonstrieren?

Nun hat dieses Forum Wärmewende mit dem Strategieprojekt „Wärme neu gedacht!“ nicht die Geldressourcen oder die Förderung, um große Demonstrationsvorhaben selbst umsetzen zu können. Wir wollen sie vorbereiten und haben dafür innerhalb des Forums einen internen Wettbewerb gestartet und Ideen gesammelt. Von diesen Ideen haben wir, unterstützt durch unseren externen Beirat, fünf ausgewählt und führen jetzt die „Studien zur Entwicklung von Demonstrationsvorhaben“ durch.
Das Ganze ist natürlich in der Realität sehr komplex, auch weil immer mehrere Akteure beteiligt sind. Wenn Sie etwas bauen wollen ist da beispielsweise der Energieversorger beteiligt. Der wiederum ist meist nicht der Eigentümer von dem, was Sie da versorgen wollen, muss aber in der Regel Geld in die Hand nehmen. Und das alles spielt sich in der Kommune ab, die ein weiterer Akteur ist. Da gibt es bestimmte Vorgaben, Klimaschutzkonzepte, auf die man sich geeinigt hat, Fernwärmevorranggebiete und so weiter. Das muss an allen Stellen passen.
Eine Alleinstellung unseres Vorhabens ist, dass wir hier nicht über Einzelhäuser oder ein Zwei-Familien-Haus reden. Für einzelne Häuser gibt es bereits Lösungen. Wir wollen schauen, wie man großskalige Sachen ändern kann, ganze Quartiere, weil es das eben noch nicht gibt. Wie kann man ein ganzes Stadtquartier mit regenerativer Wärme versorgen? Wie baut man das konkret um?
Außerdem wollen wir auch nicht so sehr auf Neubauten schauen. Die Herausforderung besteht eher im Bestand. Wir haben überall in Deutschland schöne historische Gebäude, die wir erhalten wollen. Auch da muss man Lösungen finden. Nicht nur, wenn neu auf der grünen Wiese gebaut wird.

Wie kann das GFZ zur Umsetzung dieser Strategien beitragen?

Wir bereiten eines der Demonstrationsvorhaben vor: „Aquiferspeicher gestützte, solarthermische Wärmeversorgung von Bestandsquartieren“. Da können wir unsere Expertise einbringen: Die Nutzung des Untergrundes. Wir sind davon überzeugt, dass der Untergrund für die Städte der Zukunft ein großes Potenzial bietet, im Zusammenhang mit der Versorgung durch heimische Energien und Ressourcen. Einfach deshalb, weil man im Untergrund großskalig Wärme speichern kann. Und nicht nur Wärme, sondern auch Kälte.
Dieses Thema der thermischen Speicherung im Untergrund treiben Professor Huenges und seine Arbeitsgruppe am GFZ schon seit Jahren voran. Aktuell beispielsweise durch die Forschungsbohrung ATES, „Aquifer Thermal Energy Storage“, in der Fasanenstraße in Berlin und nun eben mit einer Studie im Rahmen des Forums. Die Bohrung zielt darauf ab, ein Bestandsquartier mit Anteilen regenerativer Wärme zu versorgen. Diese Wärme soll hier aus der Solarthermie stammen, in Verbindung mit einem Aquiferspeicher im Untergrund. Die Frage ist, wie lässt sich das kombinieren? Das gibt es in dieser Form bisher noch nicht in Deutschland. Die ATES-Technologie bietet grundsätzlich Flexibilisierungsoptionen für Städte. Man kann im Sommer auch einfach ungenutzte Abwärme einspeichern – wirf keine Wärme weg!
Vielleicht wird es daneben auch ein Innovationslabor geben, wo das GFZ Begleitforschung betreibt. Das ist die Vision, an der sowohl die Industrie als auch Unternehmen beteiligt sein sollen. Technologiedienstleister sollen bestimmte Technologien aufbauen und unter real life Bedingungen testen können. So können die Technologien marktfähig gemacht werden.

Wovon hängt es ab, ob diese Vorhaben tatsächlich umgesetzt werden können?

Wenn die Idee gut ist und wenn man das entsprechend vorbereitet, wird es auch Eigentümer geben, die bereit sind, zu investieren. Das ist alles natürlich noch vorwettbewerblich, deswegen muss man Anreize schaffen. Das heißt, man wird einen bestimmten Anteil Förderung brauchen. In jedem Fall wird es aber auch privates Investment geben, durch die Industrie oder andere Eigentumsstrukturen. Das ist ganz klar das Ziel. Daneben gibt es dann eben auch noch Forschungsbedarf.
Diese ganzen Maßnahmen sind, wenn sie denn aufgehen, gelebter Technologietransfer. Wir waren sehr sorgfältig dabei, geeignete Standorte zu finden, weil Standorte auch Partner heißt: Wem gehört es, wer versorgt? Und die haben wir jetzt, wir als GFZ und auch unsere anderen Partner innerhalb des Forums, für die jeweiligen Vorhaben gefunden.

Vom 11. bis zum 13. April finden die Berliner Energietage statt, auf denen Sie das Forum Wärmewende vorstellen. Haben Sie konkrete Erwartungen an die Tagung?

Ja, auf jeden Fall. Das ist letztendlich aus unserer Sicht Bestandteil der Strategieentwicklung. Strategieentwicklung bedeutet öffentlicher Diskurs und den müssen Sie irgendwo führen. Und die Berliner Energietage bieten sich dafür bestens an. Deswegen haben wir als Forum gesagt, wir wollen hier mit unserem Thema sichtbar werden und zum Diskurs einladen.
Wir organisieren am 12. April eine ganze Session am Vormittag. Ich denke, wir haben ein interessantes Programm mit interessanten Beiträgen zusammengestellt. Zum Beispiel wird Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung aus unserem Beirat die Keynote geben. Wir freuen uns auf eine lebhafte Diskussion und, soviel kann ich sagen, unser Veranstaltungssaal ist überbucht, wir mussten schon schließen. Es ist also ein großes Interesse da und ich freue mich sehr auf die Veranstaltung.
12.04.2016
Das Interview führte Ariane Kujau

Zwanzig20-Forum Wärmewende
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Gerhard Heising aus Stubai-Wipptal | 13.04.2016 | 23:12   Melden
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Gerhard Heising aus Stubai-Wipptal | 14.04.2016 | 19:41   Melden
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