26.10.2016, 20:28 Uhr

Starkes Erdbeben erschüttert wieder Mittelitalien mit einer Serie an Nachbeben

Hazard Map Italien, erstellt mit GSHAP (Foto: Copyright GFZ:)
27.10.2016
Seismotektonik: Die Gebirgskette des Apennin zieht sich im Zentrum Italiens von der Po-Ebene im Norden bis zum Golf von Tarantola in Kalabrien. Die Apenninen entstanden in Folge der Subduktion der Adriatischen Platte unter Italien von Ost nach West. Die aktuelle Tektonik ist allerdings komplexer, da Italien zusätzlich von der Öffnung des Tyrrhenischen Meeres im Westen und der Konvergenz der Afrikanischen gegen die Europäische Platte beeinflusst wird. Im zentralen Bereich des Apenninen-Gürtels tritt dadurch Extensionstektonik auf, welche sich regelmäßig durch mittelstarke Abschiebungsbeben bemerkbar macht.

Die Region zwischen Umbria und L'Aquila ist seit 1997 von mehreren mittelstarken Beben um die Magnitude 6 heimgesucht worden. Das stärkste Erdbeben der sogenannten Umbria-Marche-Bebensequenz in 1997, nord-nordwestlich des jetzigen Bebens vom 26. Oktober 2016, hatte eine Magnitude von Mw 6. Im Jahr 2009 trat im Süd-Südosten ein Erdbeben der Stärke Mw 6,3 nahe der Stadt L'Aquila auf. Das L'Aquila-Beben wurde über mehrere Wochen von einer Sequenz schwacher Vorbeben begleitet. Nur etwa 30 Kilometer südsüdöstlich, nahe der Stadt Amatrice, ereignete sich am 24. August 2016 ein Erdbeben der Stärke Mw 6,2. Etwa 100 Kilometer süd-südwestlich, nahe der Stadt Avezzano, trat am 13. Januar 1915 ein starkes Schadensbeben der Stärke M 6,7 auf.

Zentralitalien ist von flacher krustaler Seismizität betroffen, welche sich häufig entlang vorhandener Störungszonen und entlang der Randverwerfungen des mittleren Grabens in den Apenninen ausbildet. Im nördlichen Apennin und unter Kalabrien werden zusätzlich Tiefherdbeben beobachtet.

Seismische Gefährdung: Die seismische Gefährdung ist über große Gebiete Italiens und im Bereich des Apennin groß. Im Bereich des Erdbebens vom 26. Oktober 2016 übersteigt die Bodenbeschleunigung statistisch gesehen mit zehnprozentiger Wahrscheinlickeit in 50 Jahren einen Wert von 3,5 m/s2.

Die Umbria-MW 6-Bebenssequenz von 1997 hatte zu elf Toten und etwa 80.000 zerstörten Häusern geführt. Das L'Aquila-MW 6,3-Beben in 2009 ereignete sich in unmittelbarer Nähe der 34.000 Einwohner zählenden Stadt und hatte etwa 300 Todesopfer gefordert. Für das MW 6,7-Beben von 1915 werden etwa 32.000 Tote geschätzt. Das Mw 6,2-Beben vom 24. August 2016 bei Amatrice hatte knapp 300 Menschenleben gefordert.

Die Informationen werden bereitgestellt von den GFZ-Sektion Erdbeben- und Vulkanphysik, Seismologie und Erdbebengefährdung und Spannungsfeld.

Stand: 02.11.2016

Hier eine Liste der Nachbeben in Mittelitalien

2016-11-03 14:10:46 3.8 42.66°N 13.14°E 10 C Central Italy
2016-11-03 06:48:22 3.0 47.81°N 8.77°E 4 M Swiss-German border region
2016-11-03 01:35:04 4.7 43.10°N 13.12°E 10 C MT Central Italy
2016-11-02 20:37:53 4.5 42.94°N 13.09°E 10 A Central Italy
2016-11-01 20:03:22 4.2 42.82°N 13.12°E 10 A Central Italy
2016-11-01 18:59:15 4.0 42.81°N 13.31°E 10 A Central Italy
2016-11-01 16:13:44 4.1 42.90°N 13.30°E 10 C Central Italy
2016-11-01 11:47:43 3.3 44.15°N 10.80°E 10 A Northern Italy
2016-11-01 08:56:44 4.9 43.11°N 13.20°E 10 C MT Central Italy
2016-11-01 07:36:07 3.9 43.03°N 13.19°E 10 M Central Italy
2016-11-01 04:19:06 4.1 43.03°N 13.33°E 10 M MT Central Italy
2016-10-31 24:55:56 3.6 43.00°N 13.22°E 10 M Central Italy
2016-10-31 10:38:15 4.3 43.31°N 17.97°E 10 C NW Balkan Region
2016-10-31 08:05:47 4.1 42.88°N 13.13°E 10 C MT Central Italy
2016-10-31 07:17:22 3.9 42.81°N 13.30°E 10 C MT Central Italy
2016-10-31 04:27:42 4.3 42.81°N 13.06°E 10 A Central Italy
2016-10-31 02:48:24 4.1 42.92°N 13.33°E 10 A Central Italy
2016-10-30 24:52:30 4.0 42.76°N 13.21°E 10 A Central Italy
2016-10-30 23:19:46 4.1 42.92°N 13.37°E 10 A Central Italy
2016-10-30 19:39:31 4.2 42.80°N 13.18°E 10 A Central Italy
2016-10-30 19:21:12 4.2 42.83°N 13.14°E 10 A Central Italy
2016-10-30 18:49:16 4.0 42.92°N 13.39°E 10 A Central Italy

2016-10-30 17:07:25 4.0 43.12°N 13.23°E 10 A Central Italy
2016-10-30 15:45:25 4.2 42.97°N 13.25°E 10 A Central Italy
2016-10-30 15:03:21 4.2 43.04°N 13.38°E 10 A Central Italy
2016-10-30 14:34:57 4.4 42.84°N 13.21°E 10 C Central Italy
2016-10-30 14:21:32 4.1 43.16°N 13.23°E 10 A Central Italy
2016-10-30 14:14:18 4.1 42.79°N 13.24°E 10 A Central Italy
2016-10-30 13:26:21 4.2 43.02°N 13.30°E 10 A Central Italy
2016-10-30 13:07:03 4.6 42.90°N 13.09°E 10 C MT Central Italy
2016-10-30 12:58:19 4.3 42.84°N 13.10°E 10 A Central Italy
2016-10-30 12:40:02 4.1 42.89°N 13.26°E 10 A Central Italy
2016-10-30 12:21:12 4.5 43.13°N 13.17°E 10 A Central Italy
2016-10-30 12:05:57 4.5 42.94°N 13.25°E 10 A Central Italy
2016-10-30 11:49:44 4.1 44.23°N 12.32°E 10 A Northern Italy
2016-10-30 11:18:45 4.2 39.94°N 16.18°E 169 A Southern Italy
2016-10-30 10:27:08 4.4 35.42°N 16.13°E 10 M Central Mediterranean Sea
2016-10-30 09:36:02 4.5 42.87°N 13.21°E 10 C MT Central Italy

2016-10-30 08:34:51 4.6 43.02°N 13.32°E 10 C MT Central Italy
2016-10-30 08:13:08 4.6 42.67°N 13.24°E 10 A Central Italy
2016-10-30 07:40:19 6.5 42.92°N 13.14°E 10 C MT Central Italy
2016-10-29 18:24:36 4.4 42.93°N 13.13°E 10 C MT Central Italy
2016-10-29 13:58:07 4.3 40.03°N 15.78°E 254 C MT Southern Italy
2016-10-29 12:16:27 4.3 42.90°N 13.24°E 10 A Central Italy
----
2016-10-28 17:57:00 3.8 42.80°N 13.15°E 10 M Central Italy
2016-10-28 15:56:34 3.8 42.86°N 13.34°E 10 M MT Central Italy

2016-10-27 19:22:26 4.3 42.84°N 13.13°E 10 C MT Central Italy
2016-10-27 14:19:01 4.0 43.00°N 13.27°E 10 M Central Italy
2016-10-27 10:21:48 4.4 42.99°N 13.18°E 10 C MT Central Italy
2016-10-27 05:50:27 4.4 43.06°N 13.16°E 10 C Central Italy
2016-10-27 05:19:30 4.3 42.89°N 13.21°E 10 C Central Italy
2016-10-27 03:37:07 4.0 42.80°N 13.10°E 10 A Central Italy
2016-10-27 02:21:32 4.2 43.00°N 13.14°E 10 C Central Italy

2016-10-26 01:52:33 4.2 42.88°N 13.23°E 10 C Central Italy
2016-10-26 23:42:04 4.6 42.98°N 13.17°E 10 A Central Italy
2016-10-26 23:24:55 4.1 42.96°N 13.14°E 10 C Central Italy
2016-10-26 21:43:46 4.2 42.98°N 13.16°E 10 M Central Italy
2016-10-26 21:18:09 6.1 42.99°N 13.14°E 10 C MT Central Italy
2016-10-26 19:10:38 5.5 42.95°N 13.11°E 10 C MT Central Italy

Eine sogenannte seismische Lücke, also eine Erdbebenlücke, hätte geklafft zwischen beiden Bebengebieten, hatten Forscher gewarnt: Seit 157 Jahren hatte es nicht mehr so stark gebebt in der nun betroffenen Region.
Seismische Lücke ("Gap") zwischen den Beben von 1997 und August 2016

Gleichzeitig aber setzten sich die tektonischen Bewegungen fort - der Boden Italiens steht unter Druck: Von Süden presst die Afrikanische Erdplatte Italien wie einen Sporn in den Europäischen Kontinent, sodass sich in der Knautschzone die Alpen türmen - sie heben sich einen Millimeter pro Jahr.

Eine Felsplatte ist abgerutscht

Im Westen drückt Europa: Korsika, das auf der Europäischen Platte liegt, bewegt sich mit drei Millimetern pro Jahr auf Italien zu. Der Druck hat den Apennin einerseits aufgefaltet, das Gebirge durchzieht das stiefelförmige Italien der Länge nach.

Andererseits rutscht das Apennin-Gebirge langsam auseinander. Am Mittwochabend hielt der Felsboden dort der Spannung, die sich in 157 Jahren unter Umbrien aufgestaut hatte, nicht mehr stand, er brach - und bebte. Die Daten der Bebenwellen zeigen, dass eine Felsplatte im Untergrund abgerutscht ist.

Das Beben vom August hat die beiden Stöße vom Mittwoch vermutlich mitverursacht: Berechnungen der Spannung im Untergrund nach dem Augustbeben hatten gezeigt, dass das Gestein nach Norden gerutscht war - und dort die Spannung im Boden vergrößert hatte. Manche Seismologen bezeichnen die neuerlichen Schläge deshalb als Nachbeben vom August

Erst Ende August war die Region von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden. Nach offiziellen Angaben kamen damals 298 Menschen ums Leben, die meisten in dem Ort Amatrice. Auch ein Schulgebäude in Amatrice, das angeblich erdbebensicher renoviert worden war, stürzte ein. Die italienische Regierung schätzte die Erdbebenschäden zuletzt auf rund vier Milliarden Euro. Die Staatsanwaltschaft leitete nach dem Beben Ermittlungen ein. Untersucht werden soll unter anderem, wer für den Bau, Wiederaufbau oder die Erdbebensicherung der Wohngebäude zuständig war.

Ein Teil des betroffenen Gebiets war bereits 1997 bei einem Beben in Mitleidenschaft gezogen worden. Italien ist in Europa das Land, das am häufigsten von Erdbeben betroffen ist. Gut zwei Drittel aller Gebäude sind nicht erdbebensicher gebaut.

24. August 2016, 17:20 Uhr
Erdbeben im Mittelitalien
Italien - Land unter Spannung

Das Beben um Amatrice war eigentlich nicht extrem stark. Warum es trotzdem so viel Zerstörung anrichtete und wieso Mittelitalien schon wieder getroffen wurde.

Schon wieder wird Mittelitalien von einem schweren Erdbeben heimgesucht, nur sieben Jahre, nachdem heftige Erdstöße die Stadt L'Aquila in den Abruzzen verwüsteten. Dass es ein zweites Mal ausgerechnet Mittelitalien trifft, ist jedoch wohl einfach Pech. Denn eigentlich ist fast ganz Italien erdbebengefährdet.

Das Land liegt in einer geologischen Knautsch- und Zerrzone, in der diverse Kräfte aufeinandertreffen. Afrika schiebt sich Richtung Europa, das Tyrrhenische Meer im Westen öffnet sich, der italienische Stiefel wird gegen den Uhrzeigersinn zum Balkan hin gedreht. Die kleine Adria-Platte schiebt sich im Osten von Italien unter die europäische Platte. Die obere Platte, auf der der Apennin liegt, wird dabei gedehnt. Dehnung aber hält jedes Gestein sehr schlecht aus, viel schlechter als Kompression. Darum bringt sie leicht Erdbeben wie das vom Mittwoch mit sich, dessen Zentrum gerade mal in zehn Kilometern Tiefe lag, fast direkt an der Oberfläche also. Je flacher aber ein Erdbeben ist, desto stärker sind die Erschütterungen, die an der Oberfläche ankommen.

Es macht die Sache nicht besser, dass die Region voller Lockergestein ist, das sich dort über Jahrmillionen aus der Erosion des Apennins angesammelt hat. Bei einem Erdbeben reagiert solch lockeres Gestein ganz anders als solider Fels; es kann die horizontale Beschleunigung noch verstärken. Die aber trifft Gebäude am schwersten. Dehnung und viel Lockergestein zusammen: Das bedeutet Zerstörung.
1
0
2 Kommentareausblenden
5.135
Karl Pfurtscheller aus Stubai-Wipptal | 06.11.2016 | 12:15   Melden
3.634
Gerhard Heising aus Stubai-Wipptal | 06.11.2016 | 20:22   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.