01.11.2016, 21:46 Uhr

63 Würfel gegen das schleichende Vergessen eines der schrecklichsten Völkermorde aller Zeiten

Seefeld in Tirol: Waldfriedhof | Was tun wir gegen unsere Vergesslichkeit? Besonders wenn es Generationen betrifft, die nicht mehr als Zeitzeugen aussagen können. Das mögen Gedanken gewesen sein, welchen die Ehrenpräsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol/Vorarlberg Dr. Esther Fritsch nachgegangen ist, als sie als aktive Vorsitzende den Plan schmiedete, ein Mahnmal gegen das Vergessen in Seefeld zu errichten. Was ist in Seefeld passiert, um so ein Ansinnen umsetzen zu wollen?

In den sogenannten SS „Evakuierungstransporten“ wurde Ende April 1945, kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges, tausende meist jüdische KZ-Gefangene aus Dachau mit der Bahn in Richtung Tirol geschickt. Bereits auf den Fahrten, die durch die ständigen Fliegerangriffe der Alliierten selbst zu einem Albtraum wurden, verstarben viele der geschwächten Häftlinge. Da ab Seefeld die Zugstrecke gesperrt war, mussten diese armen, durch Hunger und Krankheit gezeichneten Menschen den Weg bei bitterer Kälte zu Fuß fortsetzen. Das Ziel war, die Häftlinge über Mösern, Telfs und Haiming im Bereich des vorderen Ötztals unterzubringen. Als der Treck bei Möser angelangt war, lautete der Befehl aus dem Innsbrucker NS-Hauptquartier umkehren. Bei diesem sogenannten Todesmarsch auf dem Seefelder Plateau verstarben viele der völlig entkräfteten Häftlinge, indem sie einfach am Wegesrand liegen gelassen wurden. 63 von ihnen wurden später auf dem Seefelder Waldfriedhof beerdigt.

Für diese 63 KZ-Häftlinge wurde von Architekt DI Michael Prachensky das Bildnis einer sich in einer Viererreihe dahinschleppenden Gruppe von geschwächten jüdischen Gefangenen gewählt, welche durch 63 Würfel aus Spezialbeton symbolisch dargestellt wird. Die Würfel symbolisieren auch die Grabsteine der Toten. Dass das Mahnmal neben den im 2. Weltkrieg gefallenen Soldaten errichtet wurde, hat auch seine Bedeutung. Die Zuversicht überwiegt in dem, dass im Tode Täter und Opfer im Frieden vereint sind.

Die Israelitische Kultusgemeinde für Tirol/Vorarlberg lud am 31.10.2016 Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Religionen zur feierlichen Einweihung dieses Mahnmales ein. Nach vielen bewegenden Ansprachen hat Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg aus Wien die Gedenkstätte mit zwei jüdischen Gebeten seinem Zweck übergeben. Es sind vor allem die Generationen nach diesen tragischen Ereignissen eingeladen, diesen Ort des Gedenkens zu besuchen, um dem schleichenden Vergessen entgegenzuwirken.
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