Interview
Das Seniorenheim durch die rosarote Brille sehen

Kerstin Tautz, Interviewpartnerin sowie Haus- und Pflegedienstleitung
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OBERALM. Wir haben uns mit der Leiterin der Seniorenresidenz Schloss Kahlsperg getroffen und erfahren, wie hier mit der Liebe umgegangen wird.

Bezirksblätter: Ist Einsamkeit im Alter im Seniorenzentrum Kahlsperg ein großes Probelm?
KERSTIN TAUTZ:
Wenn man ins Seniorenheim geht, muss man sich zum Teil von lieben Menschen oder vom Haustier trennen. Da besteht natürlich die Gefahr, wenn man in eine neue, fremde Umgebung kommt, dass man sich zurückzieht und dass man eventuell einsam ist. Wir versuchen natürlich proaktiv vorzubeugen, Gespräche zu suchen, neue Bewohner viel miteinzubinden.

Bezirksblätter: Was macht das Seniorenzentrum, dass die Bewohner gemeinsam Zeit verbringen können?
TAUTZ:
Wir bieten wöchentliche Veranstaltungen, wie etwa Turnen, Bewegung mit Musik, Gedächtnistraining, Strickstunden, Konzerte oder auch Tanzen an. Manchmal kommen Schulen vorbei, dann können die Bewohner gemeinsam mit den Jugendlichen kegeln oder sich Spielen widmen.

Bezirksblätter: Haben Sie schon mitbekommen, dass sich hier noch Leute kennengelernt und verliebt haben?
TAUTZ:
Ja. Das haben wir sehr aktuell (schmunzelt). Wir haben Bewohner, die schon sehr lange bei uns sind und die haben sich jetzt gefunden – die sind ein Pärchen. Die genießen das beide sehr. Und es ist schön, wenn man sieht, wie sich die Person verändert und wie wieder Freude in den Menschen einzieht – allein schon vom Gesichtsausdruck her.

Anm. d. Red.: Wir haben auch den scheinbar verliebten älteren Herrn jenseits der 70 getroffen, er lachte und betonte immer, seine Freundin sei "nur eine Freundin", aber die Mimik und Gestik verrieten, dass wohl doch mehr dahinter steckt.

Bezirksblätter: Kommt das öfter vor, dass sich hier jemand findet?
TAUTZ:
Für mich ist das jetzt das erste sichtbare Pärchen und ich seit einem guten Jahr hier tätig. Ich glaube schon, dass so etwas ab und zu vorkommt, aber nicht jeden Monat – das ist schon etwas Besonderes. Es ist einfach schön zu sehen, dass die beiden in ihrem Herzen wieder Platz haben für eine andere Person.

Bezirksblätter: Inwiefern glauben Sie, unterscheiden sich die Ansprüche an eine Beziehung von älteren zu jungen Menschen?
TAUTZ:
Ich glaube, dass man im Alter eine Person braucht, mit der man sich austauschen kann, die ein guter Partner ist. Da geht es weniger um Sex, sondern mehr darum, dass man jemanden hat, mit dem man gemeinsam Zeit verbringen kann. Natürlich haben auch ältere Menschen ihre Bedürfnisse, aber nicht mehr so im Fokus wie die jüngere Generation. 

Bezirksblätter: Sex im Alter ist bei den Bewohnern nicht so ein großes Thema?
TAUTZ:
Das kann durchaus auch ein Thema sein. Dann versucht man das Thema gut lösen zu können. Es gibt natürlich Bewohner, die nicht mehr raus können oder keinen Partner und trotzdem Bedürfnisse haben. Unser Pflegepersonal kann dann mit den Bewohnern darüber sprechen und im Bedarfsfall Hilfsmittel, zum Beispiel Erektionshilfen, organisieren. Wichtig ist, dass man dem Bewohner nicht abwertend entgegenkommt, sondern schaut, wie man seinem Bedürfnis am besten nachkommen kann.

Bezirksblätter: Versucht man auch Leute noch zusammenzuführen?
TAUTZ:
Nein, wir sind keine Verkupplungsagentur – also von daher nein. Das tun wir nicht.

Bezirksblätter: Haben Sie schon einmal Bewohner im Bett erwischt?
TAUTZ:
(lacht) Nein bei uns hat jeder Bewohner wirklich seine Privatsphäre. Wir klopfen an, wenn wir ins Zimmer gehen und die Bewohner können auch ihren Wohnbereich abschließen. 

Bezirksblätter: Wenn Paare gemeinsam ins Altersheim kommen, werden sie dann getrennt?
TAUTZ:
Nein, also bei uns kann jeder selbst entscheiden, was er möchte. Wir haben verschiedene Zwei-Zimmer-Apartments, man kann sich entweder ein Schlafzimmer teilen und ein gemeinsames Wohnzimmer oder jeder bekommt sein eigenes Zimmer. Bei uns können Bewohner auch ihre eigenen Möbel mitbringen.

Bezirksblätter: Sind Haustiere erlaubt?
TAUTZ:
Solange sich unsere Gäste selbst darum kümmern können, dürfen sie diese mitbringen. Die Tiere benötigen aber ein ärztliche Attest. Und es müssen schon Haustiere sein, die einfach gut in so eine große Wohngemeinschaft hineinpassen.

Bezirksblätter: Was würden Sie älteren Menschen empfehlen, die ihre große Liebe bereits verloren haben?
TAUTZ:
Da versucht man einfach, dass man den Personen beisteht und ihnen die Möglichkeit gibt, zu reden. Wir haben auch viele Ordensschwestern, die freiwillig hier arbeiten. Oft finden diese zu Bewohnern einen guten Zugang und tauschen sich aus.

Bezirksblätter: Kommt man nach 30 bis 50 Jahren Ehe darüber hinweg, wenn der Partner stirbt?
TAUTZ:
Das Ableben des Partners im Alter ist natürlich ein herber Verlust – da fehlt dann die zweite Seite. Die sind oft wie eine Symbiose und gehören zusammen. Viele kommen über diesen Verlust leider garnicht mehr hinweg. Es gibt sehr viele, die dann ein oder zwei Jahre später nach ihrem Partner auch versterben, wahrscheinlich weil der Schmerz einfach so stark und der Lebenswille nicht mehr da war. Andere schaffen es trotzdem, gut wieder am Leben teilzunehmen und sich zu integrieren. Vor allem durch die Unterstützung unseres Personals. Die Pfleger bauen schon eine Beziehung zu den Bewohnern auf.

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