Universität Innsbruck
Aufarbeitung der Rolle des Anatomischen Instituts während der NS-Zeit

V.l.: Dirk Rupnow, die Autoren Herwig Czech und Erich Brenner, Helga Fritsch
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TIROL. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Universität Innsbruck. Die Aufarbeitung betrifft auch das damalige Institut für Anatomie der Universität Innsbruck.

Nationalsozialistischer Erlass erlaubt Forschung an Hingerichteten

Im Jahr 1939 wurde ein Erlass herausgegeben, die anatomischen Instituten den Anspruch auf die Leichen Hingerichteter sicher stellte. Diese Hingerichteten durften für die Ausbildung von MedizinstudentInnen und zu Forschungszwecken verwendet werden. In diesem Rahmen erhielt das Anatomische Institut Innsbruck Hingerichtete aus dem Gefängnis Stadelheim in München. Das Institut profitierte dabei von der steigenden Zahl der Hingerichteten unter dem NS-Regime.

NS-Opfer auf dem Seziertisch

Insgesamt kamen zwischen März 1938 und Dezember 1943 199 Verstorbene nach Innsbruck an das anatomische Institut. Nun wurde in einer Forschungsarbeit die Hintergründe dieser Überstellungen untersucht. Die Forschungsarbeit wurde unter dem Titel „Nazi victims on the dissection table“ („NS-Opfer auf dem Seziertisch“) im Fachblatt „Annals of Anatomy“ veröffentlicht. Die Autoren der Arbeit sind:

  • der Historiker Herwig Czech von der Medizinischen Universität Wien (Organisationseinheit Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin, Josephinum)
  • der Anatom Erich Brenner von der Sektion für Klinisch-Funktionelle Anatomie der Medizinischen Universität Innsbruck. Er leitet das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Die Innsbrucker Anatomie im Dritten Reich“.

Erkenntnisse über die Herkunft der 199 Leichen

Von den 199 Leichen, die in den Jahren 1938 bis 1943 an das Anatomische Institut Innsbruck kamen, waren mindestens 128 aus nationalsozialistischen Unrechtskontexten, so Herwig Czech. 59 Leichen kamen aus Stadelheim, 39 weitere Verstorbene waren sowjetische Kriegsgefangene, von denen 20 identifiziert werden konnten. 7 Leichen waren jüdischer Herkunft. Zwei Personen wurden durch ein Innsbrucker Wehrmachts-Kriegsgericht zum Tode verurteilt, eine weitere Person wurde von der Gestapo hingerichtet. 20 Personen kommen aus der Psychiatrie Hall – nach heutigem Kenntnisstand keine Euthanasie-Opfer. Auch histologische Schnitte aus der damaligen Zeit werden auf ihre Herkunft hin untersucht. In einem weiteren Schritt werden von den Verstorbenen biographische Daten gesammelt.

Nach 1943 wurden keine weiteren Opfer mehr aufgenommen, da das Institut durch einen Bombentreffer schwer beschädigt wurde. Aber dennoch wurden Leichenteile von NS-Opfern noch bis in Wintersemester 1956/57 für Anfängersezierkurse verwendet.

Umgang mit der eigenen Geschichte und interdisziplinäre Aufarbeitung

Für Helga Fritsch, Direktorin der Sektion für Klinisch-Funktionelle Anatomie Innsbruck, sei die Aufarbeitung und die Aufklärung der Geschichte der Anatomie sehr wichtig. "Wir können das in der NS-Zeit begangene, verwerfliche Verhalten nicht mehr ungeschehen machen. Es ist mir persönlich ein Anliegen, dass wir einen Beitrag zur Aufklärung leisten und NS-Opfern ihre Geschichte zurückgeben." In Folge sollen auch öffentliche Signale gesetzte werden, und eine angemessene Gedenkmöglichkeit gefunden werden.

Die interdisziplinäre Aufarbeitung der eigenen Geschichte wird fortgeführt. Eine weitere Forschungsarbeit untersucht die Sammlungen des Instituts auf weitere Körperteile. Diese Arbeit wird von Dirk Rupnow vom Institut für Zeitgeschichte der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck betreut: "„Das Anatomische Institut in Innsbruck hat sich kaum von anderen Instituten in der NS-Zeit unterschieden. Auch der unkritische Umgang mit der eigenen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg ist - bedauerlicherweise - weder in Innsbruck noch darüber hinaus ungewöhnlich."

Wissenschaftliche Publikation: Czech, H., Brenner, E., 2019. Nazi victims on the dissection table – the Anatomical Institute in Innsbruck. Annals of Anatomy - Anatomischer Anzeiger. http://dx.doi.org/10.1016/j.aanat.2019.03.007

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