Wie geht es Tirols Jugend?
Lukas Trentini: "Schaut's auf euch!"

Lukas Trentini ist  Mitglied im Geschäftsführungsteam der Plattform Offene Jugendarbeit in Tirol (POJAT).
  • Lukas Trentini ist Mitglied im Geschäftsführungsteam der Plattform Offene Jugendarbeit in Tirol (POJAT).
  • hochgeladen von Sieghard Krabichler

Über die Situation der Jugend in Tirol sprachen wir mit Lukas Trentini von der Plattform Offene Jugendarbeit Tirol (POJAT).

Eine Frage vorweg: Wie geht es der Jugend in Tirol nach Ostern 2021?
Lukas Trentini:
Der Jugend geht es nicht wirklich gut. Die Jugendlichen ziehen sich sehr oft zurück, haben keine Perspektiven, was Schule oder Beruf angeht, und wir verlieren oft den Kontakt in den Einrichtungen zu ihnen. Auch Probleme in Schulen und in der Lehre beschäftigen Tirols Jugendliche massiv. Dazu kommen oft noch schwierige Verhältnisse in den Familien durch Arbeitslosigkeit, Alleinerziehende oder finanzielle Probleme.

Studien ergeben ein alarmierendes Bild, was Suizidgedanken und depressive Verstimmung der Jugend betrifft. Auch in Tirol?
Ja, es ist dramatisch, die Belastung ist wirklich spürbar. Das Thema Jugendsuizid ist auch bei uns angekommen, und das ist für die Jugendarbeiter ein alarmierendes Signal. Die Fälle, mit denen wir in den Beratungsstellen zu tun haben, sind intensiver geworden. Den jungen Menschen fehlt vielfach auch die Tagesstruktur. Denn das Homeschooling ist oft wenig für einen strukturierten Tagesablauf dienlich. Es herrschen großer Frust und ein Gefühl der Ohnmacht.

Worin liegen die größten Defizite für Tirols Jugend im Frühling 2021?
In der großen psychischen Belastung, der vielfach feststellbaren depressiven Verstimmung und ganz häufig in dem fehlenden sozialen Kontakt. Denn gerade aus sozialen Kontakten entstehen Verbindungen, die fehlende Schule ist da auch schwerwiegend. Die meisten Jugendlichen wollen endlich wieder regelmäßig in die Schule gehen, weil die jungen Menschen brauchen, noch mehr als die Erwachsenen, den Kontakt mit den Gleichaltrigen. Und Lehrpersonen sind ebenfalls wichtige Kontaktpersonen außerhalb der Familie.

Und wie geht es den Jugendarbeitern in den über 90 Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit in Tirol?
Natürlich haben wir auch bei uns eine ähnliche Situation wie in vielen Arbeitsbereichen. Es gibt Durststrecken und Motivationsschwierigkeiten, auch weil der Kontakt zu den Jugendlichen schwer herstellbar ist und die Themen viel schwerwiegender sind. In den Teams setzen wir auf Supervision und intensive Vernetzungsarbeit, um das bewältigen zu können.

Die Jugendarbeit wird ja nach Corona nicht überflüssig. Die Arbeit wird wohl zunehmen, oder?
Der Bedarf ist bereits jetzt schon höher. Der unkomplizierte, niederschwellige Zugang ist entscheidend für den Kontakt zu Jugendlichen. Ich bin sehr froh, dass wir uns seit 15. März wieder in Kleingruppen mit bis zu 10 Jugendlichen im Freien treffen können. Darum ist auch eine Einrichtung wie die „Mobile Jugendarbeit“ sehr wichtig und ergänzend zu den Einrichtungen in den Gemeinden. So startet die Mobile Jugendarbeit nach Ostern in Imst.

Bräuchte es weitere Jugendeinrichtungen in Tirol oder ist die Jugendarbeit gut aufgestellt?
In vielen Regionen haben wir eine gute Dichte an Einrichtungen. Aber es ist gerade im ländlichen Raum schon ein Nachholbedarf vorhanden. Ein gutes Beispiel einer regionalen Umsetzung von Jugendarbeit gibt es aktuell im Westlichen Mittelgebirge. Da haben sich Gemeinden zusammengeschlossen und ein Team von Jugendarbeitern installiert. Das ist ein sehr guter Weg, weil die Jugend ja mobil ist und auch Verbindungen durch die Schule über die Gemeindegrenzen hinweg hat. Auch vom Land gibt es Förderungen für Gemeinden für Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit und POJAT unterstützt Gemeinden dabei im Rahmen der Jugendgemeindeberatung.

Haben Sie das Gefühl, dass die Politik die Jugend in Zeiten der Pandemie überhaupt noch hört?
Es war lange Zeit in der Pandemie so, dass die Jugend viel zu wenig gehört wurde. Erst in den letzten Wochen hat sich das verändert. Auch weil Ärzte und Psychologen auf die dramatische Situation der Jugendlichen hingewiesen haben. Ein erster Schritt war die Zulassung des Jugendsports. Gerade Bewegung ist eine gute Möglichkeit, Spannungen abzubauen. Und auch das Thema Jugendbeteiligung in den Gemeinden ist äußerst wichtig. Die jungen Menschen wollen gebraucht werden und müssen in das Gemeindeleben aktiv eingebunden werden.

Das Vereinsleben ist ja – speziell in ländlichen Gemeinden – für den sozialen Kontakt äußerst wichtig, steht aber großteils still. Doch auch ein großes Problem?
Und wie. Gerade Traditionsvereine oder Sportvereine sind das Rückgrat für eine aktive Jugendarbeit und für ein gemeinsames soziales Leben. Die leichte Öffnung für ein Treffen in kleinen Gruppen ist da schon ein Lichtblick. Klar, ein Online-Meeting ist super, aber nach einem Jahr sind einfach alle müde.

Was würden Sie sich für Tirols Jugend kurzfristig wünschen?
Zuerst einen unkomplizierten Fördertopf für verschiedene kleine Jugendprojekte im Land. Und an die Erwachsenen möchte ich schon appellieren: Jugendliche wollen sich treffen, und das muss möglich sein, ohne die jungen Menschen ins kleinkriminelle Eck zu stellen. Denn die Jugend geht verantwortungsvoll mit den Corona-Maßnahmen um. Und sie soll sich auf ihre Bedürfnisse besinnen und diese auch ausleben. Ich kann nur sagen: Schaut’s auf euch und bleibt’s in Kontakt mit euren Freunden.

Alle Infos zur Tiroler Jugendarbeit und der POJAT finden Sie hier:

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