Heinz Fischer
Interview: "Heute ist es Nostalgie"

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Bundespräsident a.D. Dr. Heinz Fischer im sehr persönlichen Gespräch anlässlich seines 80. Geburtstags.

Ihr neues Buch "Spaziergang durch die Jahrzehnte" zeigt viele Facetten des Heinz Fischer.
Heinz Fischer: Ich habe eine besondere Beziehung zum Buch als solches, bin ein Buchliebhaber und lese gerne. Meine Wohnung ist komfortabel und trotzdem herrscht Platzmangel, weil ich Büchern einfach nicht widerstehen kann. Dieses Buch im Speziellen entstand auf Anregung des Verlags aus einem langen Gespräch mit dem ehemaligen profil-Chefredakteur Herbert Lackner. In gemeinsamer Arbeit ist uns dieses Buch recht gut geglückt.

Auch die bewegte Vergangenheit ihrer Gattin Margit spielt darin eine große Rolle.
Meine Frau und ich sind ein Team und wir praktizieren in allen Lagen unseres Lebens Teamarbeit. Wenn meine Frau in den letzten 50 Jahren nicht alle Entscheidungen mit mir vorbesprochen und mitgetragen hätte, hätte etwas ganz Wesentliches in meinem Leben gefehlt. Daher ist es ganz natürlich, dass sie in diesem Buch Platz und Erwähnung findet. Es wäre sonst einfach unkomplett.

Sie feiern heuer auch Goldene Hochzeit. Ist die Liebe immer noch so frisch, wie damals?
Da hat sich im Grundsatz gar nichts geändert. Wir haben uns im Sommer 1968 sorgfältig überlegt, ob wir heiraten sollen und sind dann mit innerer Sicherheit zum Standesamt marschiert, um ein doppeltes "Ja" auszusprechen.

Sind Sie ein Familienmensch?
Ja, ich habe mich mit meinen Eltern sehr gut verstanden. Habe eine sehr kluge Schwester, meine Kinder und Enkelkinder. Wir haben am vergangenen Wochenende zu neunt die Goldene Hochzeit in einem sehr guten Restaurant in Venedig gefeiert. Immerhin führt uns vor 50 Jahren auch unsere Hochzeitsreise nach Venedig.

Also Romantik pur sozusagen?
(lacht) Sagen wir Nostalgie. Damals war es Romantik, diesmal war es Nostalgie. Nennen wir es "erweiterte" Nostalgie, weil wir aus zwei neun gemacht haben.

Was verbinden Sie persönlich mit Niederösterreich?
Sehr vieles. Ich habe einen Wohnsitz auf der Hohen Wand und bin in der Gemeinde Maiersdorf wahlberechtigt. Meine Mutter ist in Katzelsdorf geboren und in Wr. Neustadt aufgewachsen. Mein Vater hat auch viele Jahre in Wr. Neustadt bei seinen Eltern gewohnt. Und natürlich war ich auch politisch sehr viel in Niederösterreich unterwegs. Ich war sehr viel mit den Politikern der SPÖ, aber auch mit den Landeshauptleuten von Eduard Hartmann bis Johanna Mikl-Leitner in Kontakt.

Das Land hat sich in den letzten 50 Jahren schon verändert.
Das stimmt. Niederösterreich ist nunmal ein Kernland für Österreich und trägt zum österreichischen Nationalprodukt entscheidend bei. Als ich es kennengelernt habe, hat das Bundesland keine eigene Landeshauptstadt gehabt, sondern hatte seine Hauptstadt in Wien. Das hat sich ja auch geändert durch St. Pölten. Oder das Stift Melk. Das ist mir auch sehr wichtig. Einerseits kulturgeschichtlich, aber auch weil ich den früheren Abt Burkhard Ellegast außerordentlich schätze. Aber auch Klosterneuburg ist ein kulturelles Highlight in Österreich. Und vom Wandern her liebe ich natürlich die Rax, den Schneeberg, die Hohe Wand, aber auch das Waldviertel ist wunderbar.

Geboren sind Sie in Graz. Sehen Sie sich heute als Wiener?
Man könnte das so formulieren: Ich wohne schon lange in Wien, betrachte mich als Wiener, bin aber in Graz geboren. In Niederösterreich habe ich einen Zweitwohnsitz, habe in Tirol an der Universität Innsbruck habilitiert. Ich schätze aber auch Salzburg sehr, habe da die letzten 24 von 25 Festspieleröffnungen mitgemacht und daran mitgewirkt. Österreich hat schon viel zu bieten.

Man könnte quasi sagen, Sie sind Gesamtösterreicher.
Das ist eine gute Wortschöpfung!

Die können Sie gerne weiterverwenden, wenn Sie möchten.
(lacht) Danke...

Sie sind 1995 aus der Kirche ausgetreten und bezeichnen sich selbst als Agnostiker.
Ich bezeichne mich überhaupt nicht. Aber jemanden, der zum Ergebnis kommt, dass man im Bereich des Transzendenten, den Inhalt einer Religion weder beweisen noch widerlegen kann, bezeichnet man als Agnostiker und das beschreibt meine Position.

Waren Sie das immer schon?
Ich bin als Kind getauft und von meinen Eltern zum Religionsunterricht angemeldet worden und fand diesen auch stellenweise recht interessant. Die Religion ist Teil unseres Bildungsgutes. Ab meinem 14. Lebensjahr bin ich dann nicht mehr beichten und kommunizieren gegangen. Ich besuche ohne Scheu bis heute sehr gerne Kirchen wie z.B. den Stephansdom, hatte bzw. habe mit den Kardinälen König und Schönborn sehr guten Kontakt.

Sie sprechen die sogenannte Plansprache Esperanto...
Stimmt nicht. Das steht irgendwo, ist aber nicht richtig. Richtig ist, dass mein Vater ein glühender Verehrer der Sprache und sogar Esperanto-Lehrer war. Im Zweiten Weltkrieg haben meine Eltern es genutzt, um unbehelligt miteinander reden zu können. "Der Hitler, das ist schon ein Gauner", konnten sie sagen, ohne fürchten zu müssen, dass ich etwas ausplaudere. Mir imponiert Esperanto, aber ich habe es nie gelernt.

Was würden Sie unseren Lesern, in Hinblick auf die aktuelle Situation im Land, für die Zukunft mit auf den Weg geben?
Wir sind in der Zweiten Republik einen guten Weg gegangen, weil wir aus den Fehlern der Ersten Republik gelernt haben. Aber dieses Lernen aus der Vergangenheit geht langsam verloren. Ich hoffe, dass wir die Toleranz hochzuhalten, den Pluralismus zu schätzen, die Würde aller Menschen zu achten, nicht nur nicht verlernen, sondern dass wir das festigen. Wir brauchen diese Werte jetzt mehr als zuvor. Österreich soll ein demokratisches, friedliches und humanistisches Land bleiben.

Das Buch "Spaziergang durch die Jahrzehnte" ist im Verlag ECOWIN erschienen und seit 20. September 2018 erhältlich.

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