27.10.2016, 11:35 Uhr

INTERVIEW: Im Gespräch mit WANDA

Sänger Marco Michael Wanda und Pianist Christian Hummer standen den BEZIRKSBLÄTTERN, anlässlich des neuen Live-Albums "Amore meine Stadt", Rede und Antwort.

WIEN/BAD VÖSLAU/WR. NEUSTADT (les). WANDA heißen die fünf Jungs und sie stürmen seit zwei Jahren die Hitparaden, Youtube und die österreichische Musiklandschaft im Allgemeinen. Am 21. Oktober veröffentlichten sie ihre neue CDVD/Blu Ray mit dem Titel "Amore meine Stadt", ein Mitschnitt des umjubelten Konzerts in der Wiener Stadthalle. Gemeinsam mit Leserin Ellie Rosner aus Bad Vöslau trafen wir WANDA in Wien zum Interview.

BEZIRKSBLÄTTER: Wie kommt man auf die Idee sich nach einer Zuhälterin zu benennen? (Wanda Kuchwalek, Anm.)
Marco: (lacht) Ich fühle mich grade an 2014 erinnert, da wurde die Frage sehr oft gestellt. Wir wollten einfach ein Wort, weil es einfach zu merken ist. So wie Beatles, Falco oder Elvis. Wir wollten außerdem was mit fünf Buchstaben und Wien-Bezug. Irgendwas, das uns ein wenig Lokalkolorit verleiht. Weil wir dieser Stadt schon irgendwie unser Leben schulden. Das ist der Grund.

Ende 2012 wurde die Band gegründet, zwei Jahre später folgte der große Durchbruch mit AMORE. Wie habt ihr diesen Bekanntheitsschub erlebt?
Marco: Der Gitarrist und ich kannten uns schon seit zehn Jahren und haben immer wieder Musik gemacht in so schimmligen Proberäumen. Und dann habe ich begonnen deutsche Texte zu schreiben, nachdem ich mich erfolglos versucht habe mich durch's Englische zu kämpfen. Aber my english is not se yellow from se egg. Und dann ging es eigentlich Schlag auf Schlag. Wir haben uns kennengelernt in einer Wohnung bei fünf Bier und wussten sofort, wir müssen Musik gemeinsam machen. Die Lieder haben allen gefallen und ... ich erinnere mich zum Beispiel gar nicht mehr, wie wir den Ray (Bassist Reinhold Weber, Anm.) gefunden haben.
Christian: Der war einfach da irgendwann.
Marco: Und dann sind wir ins Studio gefahren und haben die erste Platte aufgenommen. Es hat einfach richtig gefunkt zwischen uns allen. Sowohl menschlich als auch musikalisch. Und jetzt, zwei Jahre später, sieht man, dass sich diese Freundschaft, die sich durchgehend fortführt und vertieft, auch bezahlt gemacht hat. Ohne diese Freundschaft hätten wir diese Karriere schon bis hierhin nicht überlebt.

Jetzt seid ihr eine Band mit Millionen von Klicks unter euren Videos. Ist das noch unwirklich für euch oder habt ihr es schon realisiert?
Marco: Sich mit dem Erfolg an sich zu beschäftigen, ist der größte Fehler, den man machen kann. Ich schau, dass ich stur mein Leben da durch lebe, ohne links und rechts zu schauen.
Christian: Ich glaube, es ist für mich jetzt realistischer, als noch vor zwei Jahren. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, aber damals war's org. Damals war's in einer Tour nur überwältigend. Jetzt ist es halt so, dass es ein bißchen zu unserem Alltag, zur normaler Realität geworden ist. So verrückt sie auch ist.

Ihr seid mehrfache AMADEUS Preisträger. Sind Auszeichnungen wichtig für euch?
Christian: Wir haben uns schon gefreut, wie wir die Awards bekommen haben.
Marco: Ja, so reflexartig freut man sich schon. Das war aber alles nie das Ziel und darf es auch nie sein. Ziel muss es sein, Menschen zu unterhalten, Menschen den Geist zu öffnen und darin besser zu werden, was man tut. Das ist alles, worum es uns geht eigentlich. (denkt kurz nach) Und den Leuten ein bisl die Angst nehmen. In einer Zeit, in der von allen Seiten Menschen durch den Begriff 'Angst' voneinander getrennt und entfremdet werden, sehe ich es ein bisl als unseren Gesellschaftsauftrag, Angst aufzulösen, wo wir nur können. Menschen geistig zu befreien, denn Angst halte ich für das gefährlichste Symptom unserer Zeit. Mehr Amore! (beide lachen)

Amore, Wanda, Bussi - sind Wörter mit fünf Buchstaben euer Markenzeichen?
Marco: Wir haben eine chinesische Zahlenmythologin an Bord. (lacht) Nein, is a Schmäh. Tiefere Logik hat das alles, was wir tun nicht. Wir legen gerne Fährten ins Nichts. Wir wollen eine Projektionsfläche sein. Menschen sollen ins uns lesen und daraus interpretieren können, was sie wollen. Wenn das funktioniert, ist das schön.

Bestes Beispiel dafür ist euer Video zu BOLOGNA.
Marco: Wir haben dieses Video in drei Tagen und Nächten ohne Schlaf durchgedreht. Als es fertig war, hat der Regisseur fast das Bewusstsein verloren. Wir haben das Video geschnitten, irgendwo im 5. Bezirk. Dann sind wir in der U-Bahn nach Hause gefahren und er ist auf einmal kreidebleich angelaufen und hat gesagt: "Marco, jetzt check ich, was wir da gemacht haben. Weißt du, wie groß das wird?" Und ich so: "Keine Ahnung." Und er so: (verstellt die Stimme leicht fanatisch) "Ich weiß, wie groß das wird. Jetzt weiß ich, wie groß das wird." Dann ist er bleich angelaufen und hat sich in der U-Bahn fast übergeben. (lacht)

Wie kam's eigentlich zu Idee und vor allem Text zu BOLOGNA?
Marco: Meine Familie mütterlicherseits kommt aus Bologna. Das war's schon mit dem biografischen Anteil. Der Rest ist dichterische Freiheit. Für mich ist das Lied ein bisl ein Gleichnis für ungelebte Sexualität, wenn du so willst. Es wird ja in diesem Lied nicht Amore gemacht. Und das Lied hab' ich geschrieben, da waren wir damals alle gemeinsam bei unserem Gitarristen in der Wohnung in der Bellgasse im 21. Bezirk. Dort hat er gewohnt bis voriges Jahr. Wir haben da sehr viel Musik gehört, vor allem Brahms und Nirvana. Ich bin dann in sein Schlafzimmer und hab dort in Echtzeit das gesamte Lied geschrieben. Dann bin ich zurück in die Küche, dort hab ich es fertig geschrieben, wir haben dazu herumgebrüllt und auf Töpfe geklopft und das Lied war fertig. Die "Blueser" haben immer in der Küche geschrieben.

Ihr spielt am 2.12. in der Arena Nova. Was ist denn euer Bezug zum Bezirk Wr. Neustadt?
Christian: Unser Bassist kommt von dort.
Marco: Wir haben dort einmal ein Konzert gespielt, das war das größte Backstage-Massaker unserer Karriere. Es war ein sehr seltsamer Abend ganz eigener Natur in einem alten Hangar. Der ehemalige Bürgermeister war auch da, hat dann auch ein bisl was getrunken, was sehr lustig geworden ist. Und dann haben wir in kürzester Zeit den Backstage-Bereich zertrümmert, sind dann durch den Schnee in die Innenstadt gewatet, wo ich eine Schlägerei mit einem 140 Kilo Koloss hatte. Der hat mir die Nase gebrochen und ich wurde hier an der Augenbraue mit acht Stichen genäht. (Marco deutet auf eine Narbe über dem rechten Auge) In derselben Nacht wurden unabhängig davon, auch andere aus der Band, in Schlägereien verwickelt. Das ist also unser bisheriger Eindruck von Wr. Neustadt: eine Nacht voll Alkohol und Gewalt. (beide lachen) Aber das hat uns auch wieder noch weiter zusammengerückt. Ich weiß vieles nicht mehr, weil ich ausgeknocked war. Den Bassisten hab ich noch retten können, vor diesem Tier, aber mich hat er dann erwischt. In der Innenstadt, der Herrengasse, laufen teilweise sehr schräge Gestalten herum. Da sollte die Stadt vielleicht ein bisserl was für die Sicherheit tun.
Christian: (lacht) Mein Gott, wir waren so fett.
Marco: Ich hab jedenfalls keinen einzigen Schlag ausgeteilt!
Christian: Stimmt, die Schlägerei ist nicht von uns ausgegangen. Wir haben damals nur versucht zu schlichten.

Unsere Meet&Greet Gewinnerin Ellie kommt aus Bad Vöslau. Habt ihr auch zum Bezirk Baden eine nähere Verbindung?
Marco: (denkt lange nach und lacht dann) Die Badner Bahn. Nein, ich hab im Casino Baden gearbeitet, als Garderobier.

Wie ist allgemein euer Verhältnis zu den Fans? Entspannt oder distanziert?
Christian: Wir versuchen die Fans sehr nahe zu halten. Nach den Konzerten sind meistens zumindest ein paar von uns draußen und geben Autogramm oder plaudern mit den Leuten.
Marco: Wir gehen dann auch meistens noch in den jeweiligen Städten noch in Bars und treffen dort wieder Leute aus dem Publikum. Wir haben auch Glück, weil wir kein Teenie-Phänomen sind. Wir werden nicht belästigt. Es passiert alles irgendwie auf Augenhöhe. Die meisten unserer Fans sind in unserem Alter, weil wir uns ja alle mit demselben Leben rumquälen. Das macht es eigentlich sehr angenehm.

Ihr setzt euch stark gegen Fremdenhass und Sexismus ein. Wie seht ihr die aktuelle Entwicklung in Österreich? Politisch und menschlich.
Marco: Es ist schwierig. Seit der Metternich-Ära sind wir ein Volk, das Angst vor allem Fremden hat. Und dann kommen eben Figuren, die diese Angst für ihr Geschäft nutzen. Ich sehe hier auch keinerlei Gesinnung, ich sehe nur Geldmache. Karrieren, die sich auf Angst aufbauen und das schamlos ausnutzen. Ich habe keinen Zweifel, dass diese Menschen selbst nicht daran glauben, was sie predigen, sondern damit wirklich nur Karriere machen wollen. Das ist so wie der Orban, der eigentlich eine linkspolitische Figur war. Der hat bemerkt, dass er mit rechts mehr Geld machen kann und ist dann in dieses Rechtsextreme abgewandert, um Karriere zu machen. Und genauso blicke ich auf gewisse Politiker in unserem Land, ohne deren Namen auszusprechen.
Christian: Diese ganze Populismus- und Rassismusmasche, diese Angst, die geschürt wird in der Bevölkerung, sind Instrumente der Reichen und Mächtigen. Dadurch, dass man sagt, ihr seid jetzt rechts und ihr seid links, spaltet man die Gesellschaft und sorgt dafür, dass sich die Menschen gegenseitig die Schädel einschlagen und dadurch vergessen, wer die wahren Verantwortlichen sind. Die schuld sind, dass es der Bevölkerung nicht so gut geht.
Marco: Wir respektieren die Ängste, die die Menschen jetzt aktuell durch die Migrations- und Flüchtlingskrise haben, aber wir halten sie für grenzenlos überzogen. Und das muss man den Menschen sagen dürfen. Ich persönlich glaube, dass sie zu viel Angst haben und dass man ein bisl locker lassen muss. Nicht jetzt schon die Nerven verlieren, sondern abwarten und schauen, wie sich das Ganze weiterentwickelt. Es kann auch ein Schifahrer nicht beim ersten Tor die Nerven verlieren, man sollte erst im Ziel über die Leistung resümmieren.

Denkt ihr, dass ihr mit Musik da etwas bewirken könnt?
Marco: Es wäre natürlich schön, wenn das so wäre.
Christian: Wir schenken, glaube ich, den Leuten, die unsere Musik hören und zu unseren Konzerten kommen, ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Ich allerdings leider zwar nicht Pessimist, aber doch Realist in Bezug auf das System, in dem wir leben und ich glaube, das kann man nicht verändern. Leider.
Marco: Außer wir schaffen Geld ab. (lacht)
Christian: Ich glaube, das sprengt jetzt das Format.
Marco: Wichtig ist uns jedenfalls, niemanden auszuschließen. Wir freuen uns über jeden, der diese Leidenschaft für's Leben mit uns teilen mag. Es ist uns vollkommen egal und spielt gar keine Rolle, wo jemand politisch steht oder wie er ausschaut. Das Letzte, was wir wollen, ist mit dieser Spaltung weiterzumachen. Wir wollen absolut nicht spalten. Weder in links und rechts, noch in Hautfarben oder Sexualität. Einfach Menschen. Am Ende haben alle Angst vor dem Tod und das soll das verbindende Element sein.

Ihr sagt von euch selbst, euer Genre ist "Popmusik mit Amore".
Marco: Das war damals komplett aus der Luft gegriffen, um den Medien kommunizierbar zu sein. (lacht) Es hat großartig funktioniert.

Man sagt dir bis heute nach, dass du dich mit deiner Stimme und deiner Art zu singen und zu sprechen, sehr nah an Falco orientierst. Ist das wirklich so? Nervt es sowas zu hören?
Marco: Das war nur kurz so, oder? Aber ich glaube, es ist so: ein Bluesmusiker steht auch in einer gewissen musikalischen Tradition. Und wenn man in der Wiener Untergrundszene groß geworden ist, steht man ebenfalls in einer gewissen Tradition. Da schwingt Falco eben mit, aber da schwingt viel mit. Rein auf den Bandsound bezogen schwingen z.b. The Clash, Nirvana, The Doors und die Beatles mit. Das sind eher unsere geistigen Heimaten, wenn es um unsere Musik geht. Wir sind gerade bei den Beatles große Fans. Da gibt es nicht eine Nummer, die nicht gut ist.

Seit 21. Oktober ist euer Live-Album "Amore meine Stadt" auf dem Markt.
Marco: Richtig. Das wurde in der Wiener Stadthalle mitgeschnitten. Bei dieser Veröffentlichung geht es vor allem um den Konzertfilm, der dabei ist, glaube ich. Bei der CD liegt eine DVD oder Blu Ray bei. Die bringt das Live-Feeling viel besser rüber.
Christian: Es gibt zum Beispiel eine 17-minütige Version von "Ich will Schnaps". (beide lachen) Wir haben das Lied, das eigentlich vier Minuten dauert, mit Jams und Improvisationen auf 17 Minuten gestreckt.
Marco: Das sind so Dinge, die auf Platte nicht möglich sind, die wir uns dann bei einem Konzert erlauben. Der Film dauert etwas über zwei Stunden. Wir haben praktisch jedes Lied gespielt, das wir jemals geschrieben haben.

Spielt ihr gern live?
Beide: Jaaaaaa!
Marco: Darum geht's doch eigentlich. Das ist der einzige Grund, warum wir das überhaupt machen. Ein Konzert ist ein jahrtausendealtes Ritual und wir wiederholen das ja nur.

Nochmal zurück zum Thema Fans. Ihr ward erst kürzlich mit einigen von ihnen auf "Bussi-Kreuzfahrt". Was kann man sich darunter vorstellen?
Christian: Diese Idee hat unser Manager geboren. Und das war eigentlich sehr cool.
Marco: (lacht) Absolut. Wir haben das Berufliche mit dem Angenehmen verbunden. Wir waren eine Woche unterwegs zwischen Frankreich, Spanien und Italien.
Christian: Wir lieben Italien. Es ist ein sehr schönes Land. Wir haben auch viel italienische Musik gehört, in der Entstehungsphase des ersten Albums. Lucio Dalla, Gianna Nannini, usw.
Marco: Wir hatten ja auch andere Künstler mit an Bord bei der Kreuzfahrt. Der Nino aus Wien war mit und Fuzzman. Der Voodoo Jürgens, der mit seinem Album grad auf Platz 1 gekommen ist. Der Michael Ostrowski war dabei und der Wottawa.
Christian: Es waren ca. 250 Fans von uns und das Schiff war riesig mit insgesamt 3.500 Touristen. Man konnte sich also recht gut verlaufen. Es war all inclusive und es gab 16 Decks mit unzähligen Bars. Genug Möglichkeit sich zu besaufen. (lacht)
Marco: Wir haben trotzdem immer wieder den Ostrowski und den Voodoo Jürgens getroffen.
Christian: Durch die Schaukelei fühlt man sich auch nach einem Bier, wie sonst nach fünf.
Marco: Es war schon spektakulär irgendwie. Während unserer Show war ein ganz großer Sturm überm Mittelmeer. Das war sogar auf CNN. Es war schon sehr wild, wie die Instrumente durch die Gegend geflogen sind. Ich will das jetzt aber nicht gleich reflexartig das jedes Jahr machen. Weil das riecht dann so nach Geldmache irgendwie. Schau ma mal. Es war auf jeden Fall eine schöne Erfahrung.

Habt ihr noch eine letzte Botschaft für unsere Leser?
(beide denken lange nach)
Marco: (lacht) Liebe Grüße von Marco und Christian.
Christian: (lacht) Genau. Alles Liebe.
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