(K)eine schöne Bescherung: 50+ und auf Arbeitssuche

Berger-Dienstältester Peter Klein mit Chef Rudolf Berger.
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BEZIRK TULLN (bt). Niederösterreich, derzeit ein Winter- und Jobwunderland – zumindest auf den ersten Blick. Denn obwohl der Wirtschaftsmotor heuer Fahrt aufgenommen hat, gibt es für eine spezielle Gruppe keine guten Nachrichten zu Weihnachten: Bei den Über-50-Jährigen ist die Arbeitslosenquote im November um 0,7 Prozent gestiegen. Auch im Bezirk Tulln sind die älteren Arbeitnehmer die Sorgenkinder des Arbeitsmarktservice (AMS).

Nur Generation 50+ profitiert nicht

Im Jahresvergleich - also gegenüber dem November des Vorjahres - sind im Bezirk Tulln um 179 oder 6,6 Prozent Personen weniger arbeitslos. Zu begründen ist das durch das hohe Wirtschaftswachstum von drei Prozent, womit das Bruttoinlandsprodukt die höchste Zunahme seit sechs Jahren verzeichnet. Von der günstigen Arbeitsmarktentwicklung profitieren alle Altergruppen, mit Ausnahme der Personen über 50, wie Tullns AMS-Chef Hans Schultheis erklärt. Hier ist die Arbeitslosigkeit im Vergleich um 1,5 Prozent, das sind 14 Personen, auf 931 Beschäftigungslose gestiegen.
"Wir konzentrieren unsere Schwerpunkte und Vermittlungsaktivitäten besonders auf langzeitarbeitslose Frauen und Männer dieser Altergruppe. Ohne Unterstützung ist hier die Jobsuche schwierig und die Gefahr längeren Beschäftigungslosigkeit groß", meint  Schultheis dazu. Wichtige finanzielle Unterstützung gibt es durch Lohnkostenzuschüsse an Betriebe oder gemeinnützige Beschäftigungsträger wie Gemeinden oder Vereine, so zum Beispiel die Förderung "Come Back" oder die "Aktion 20.000".

Projekte auf kleinregionaler Ebene

"Die neue Bundesregierung hat verlautbaren lassen, die Aktion 20.000 zurückzunehmen oder zu redimensionieren, also die 20.000 herunterzufahren", bangt die Tullner Landtagsabgeordnete Doris Hahn um jenes Pilotprojekt, das 20.000 Über-50-Jährige wieder in den Arbeitsmarkt eingliedern soll. Zur aktuellen Entwicklung der Arbeitslosenzahlen sagt sie: "Der gewisse Trend in der Arbeitslosigkeit, was das Sinken betrifft, ist prinzipiell positiv. Aber natürlich ist der Anstieg bei den Über-50-Jährigen trotzdem weiterhin dramatisch. In Niederösterreich waren es im Oktober knapp 8.000 Menschen, das betrifft aus meiner Sicht 8.000 zu viel."
Als Lösungsansatz nennt die Politikerin und Pädagogin die Koppelung der Aktion 20.000 mit kleinregionalen Konzepten. Für den Bezirk Tulln schlägt Hahn ein Nahverkehrskonzept vor: "Die Gemeinden könnten sich zusammenschließen und einen Neunsitzer-Bus anschaffen. Sie könnten ihn von Personen 50+ befahren lassen und so Versorgungslücken im Busfahrplan schließen. Besonders im Norden unseres Bezirks, in Großriedenthal, Großweikersodrf, Fels am Wagram, da würde sich durchaus Potential ergeben. Es betrifft jede Region individuell Projekte und so eine Win-Win-Situation zu schaffen."
Im Bildungsbereich, aus dem Hahn kommt, könnten den Pädagogen etwa administrative Tätigkeiten abgenommen werden. "Wir schätzen so könnten wir relativ unkompliziert und schnell 300 bis 400 Menschen in Niederösterreich beschäftigen."

"Ich bin überall zu alt"

Einer der 931 Arbeitslosen über 50 im Bezirk Tulln ist Wilhelm K.. Er war Busfahrer, danach 14 Jahre in der Chemiebranche. Bis schließlich seine Schulter nicht mehr mitgemacht hat - Operation und Reha standen an. Im Februar 2016 hat sich sein Arbeitgeber schließlich von ihm getrennt. Seither sucht der 53-Jährige intensiv. "Bevor ich Zuhause sitze und aus dem Fenster schaue, nehme ich halt lieber Schmerzen in Kauf", erklärt er. Doch seine Mühen bleiben unbelohnt. Erst kürzlich habe er sich bei einem Tullner Unternehmen beworben, das zwei Stellen ausgeschrieben hatte. "Ich habe vorher angerufen und mir wurde gesagt, ja wir brauchen ganz dringend Leute'. Dann habe ich mich beworben, aber nach vier Wochen wurde mir geschrieben ,wir haben uns leider für jemand anderen entschieden'", erzählt Wilhelm K., der sich über diese Absage entrüstet, da die gleichen Stellen wenig später wieder inseriert wurden.

"Fachkräften wird Roter Teppich ausgerollt"

Die Zahl der beim AMS als sofort besetzbar gemeldeten offenen Stellen im Bezirk ist im Jahresvergleich um 38,6 Prozent auf 345 gestiegen. „Das kräftige Wirtschaftswachstum zeigt sich auch unmittelbar in der deutlich zunehmenden Nachfrage nach Arbeitskräften. Vor allem bei Vollzeitstellen beobachten wir einen Anstieg. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit ist bereits seit mehreren Monaten stabil“, analysiert AMS-Leiter Hans Schultheis.
Auf seiner Homepage präsentiert etwa der Schinken-Spezialist Berger aus Sieghartskirchen aktuell vier freie Stellen. Über 100 der 550 Mitarbeiter des Familienunternehmens haben die 50er überschritten. "Das beruht darauf, dass wir viele Mitarbeiter haben, die auch schon um die 25 Jahre im Haus sind", freut sich Claudia Berger über so viel Firmentreue. Dienstältester Angestellter ist mit 40 Jahren im Unternehmen der 57-jährige Peter Klein, der die Fakturierung leitet. Geschäftsführer Rudolf Berger betont: "Jemanden über 50 abbauen? Das tun wir nicht." Auch bei Neuanstellungen ist das Alter nicht unbedingt ein entscheidender Faktor. "Wir sind da sehr offen, es kommt natürlich auf die Ausbildung an. Wir sind für jede Fachkraft dankbar", so Claudia Berger, die an älteren Mitarbeitern besonders ihre mitgebrachte Erfahrung schätzt. "Für wirklich ausgebildete Fleischer rollen wir sowieso den roten Teppich aus und auch der Selchmeister steht auf der roten Liste", schließt sich ihr Ehemann an.

Zur Sache

Ende November waren 2.981 Personen beim AMS Tulln als arbeitslos oder in Kursen vorgemerkt. Das sind um 179 Personen oder 6,6% weniger als im November 2016. Das macht -78 bzw. -6,1% Frauen, -101 bzw. -6,9% Männer, -63 bzw. -19,4% Jugendliche bis 24. Nur die Arbeitslosigkeit der Generation 50+ ist gestiegen: Um +14 bzw. +1,5% auf 931 Beschäftigungslose.

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