Überlebenskampf der Bauern

Regionale Produkte zu fördern und den Bauernstand dadurch zu erhalten ist Fritz Buchinger, Hermann Dam und Josef Meyer ein großes Anliegen.
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Unsere Bauern müssen zwischen hohen Produktionsstandards und niedrigen Lebensmittelpreisen überleben.

TULLNERFELD/BEZIRK TULLN. (cb) Aktuell startet eine Kampagne des NÖ Bauernbundes, die auf die Qaulität der österreichischen Produkte hinweisen soll und das Bewusstsein für den Wert der heimischen Erzeugnisse bei den Konsumenten wecken soll. Denn viele der rund 1600 Betriebe im Tullnerfeld blicken sorgenvoll in die Zukunft. Nur rund 55 Prozent der Betriebe werden im Haupterwerb bewirtschaftet. Bei den anderen Betrieben bedraf es einer zusätzlichen Erwerbstätigkeit, um die Lebenserhaltungskosten zu decken.

Natürliche Risiken

Einerseits bedingen die klimatischen Veränderungen große Ernteausfälle. "Es ist trockener und heißer geworden. Das ist besondes in Gebieten mit schotterreichem Boden und wenig Humus, der Wasser speichert, ein Problem. Um Grafenwörth gab es 2018 im Getreide- und Maisanbau Ernteausfälle von 50 Prozent," berichtet der Obmann der Bezirksbauernkammer (BBK) Hermann Dam. Hinzu kommen Schädlingsplagen wie der Rübenderbrüssler ("Rübenkäfer"), der im letzten Jahr die Hälfte der Rübenernte vernichtete. Auch der Borkenkäfer profitiert vom wärmeren Klima, die Fichtenbestände sind durch die Trockenheit anfälliger für Schädlinge. Der Käfer vernichtet so unsere Wälder: Eine Fläche von 14.000 Fußballfeldern wurde letztes Jahr an Schadholz geschlagen. Das einem Pilz geschuldete Eschensterben - die Wurzeln sterben ab und der Baum fällt schließlich einfach um - führt zum vorsorglichen Fällen der Bäume. Der Holzpreis ist durch die Entwicklungen auf die Hälfte gesunken. Bis wieder vergleichbare Bäume wachsen, wird es etwa zwei Generationen dauern. Was diese Ausfälle für einzelne Betroffene bedeuten, ist schwer vorstellbar. Einzelbetriebe, die eine Ernteeinbuße von bis zu 100 Prozent einfahren, bekommen die Rechnung präsentiert: Arbeitsaufwand und Bodenbearbeitung sind aufgrund des Ertragsausfalles vergeblich gewesen. Lediglich die Kosten des Saatgutes können über eine Versicherung abgegolten werden.

Wettbewerb und Standards

Ein weiterer Faktor, der unsere Bauern vor Herausforderungen stellt, sind die stetig steigenden Produktionsauflagen. "Die Konsumenten verlangen höhere Standards. Dabei sind wir in Österreich Spitzenreiter, was Qualität anbelangt. Das muss auch abgegolten werden", so der stellvertretende Obmann der BBK Fritz Buchinger. Die Untersagung der Anbindehaltung und die damit nötige Adaptierung der Ställe in Milchbetrieben kostet pro Kuh etwa 15.000 Euro. Mit den anspruchsvolleren Standards in Österreich (tiergerechte Haltung, gentechnikfreie Fütterung und pestizidfreie Bewirtschaftung) wird die Produktion teurer. Josef Meyer, Kammersekretär der BBK: "Nur durch Wertschätzung gibt es auch Wertschöpfung." Forderungen nach Qualität und Sicherheit bei Nahrungsmittel stehen der Bereitschaft diesen Mehraufwand auch zu bezahlen gegenüber. Billige Lebensmittel aus dem Ausland drängen auf den Markt und das schadet dem heimischen Bauernstand. An einem Schwein verdient ein Bauer in Österreich im Jahr nach Abzug aller Produktionskosten zwischen 10 und 20 Euro. Von 500 Schweinen kann ein Bauernbetrieb bei der aktuellen Preisstruktur nicht überleben, ist am Weltmarkt nicht konkurrenzfähig.

Transparenz schaffen

Aktuell gibt im Supermarkt nur das AMA-Gütesiegel und das AMA-Biosiegel absolute Sicherheit, dass ein Produkt zu 100 Prozent aus Österreich stammt. Die Bezirksbauernkammer würde eine weitere Kennzeichnungspflicht begrüßen. Beispielsweise in Fertigprodukten sind häufig Eier aus Käfighaltung (Flüssigei, Eipulver) verarbeitet. Auch in der Gastronomie weiß man oft nicht, was auf den Teller kommt. "Alle öffentlichen Küchen des Landes Niederösterreich, also Kindergärten, Schulen, Seniorenheime etc. müssen kennzeichnen, wo ihr Fleisch herkommt. Viele Gastronomiebetriebe machen das freiwillig, vor allem wenn sie auf die Herkunft ihrer Zutaten achten. Wir würden uns freuen, wenn das alle machen," äußert Hermann Dam einen Wunsch nach mehr Transparenz und Honorierung der heimischen Produktion.

Zur Sache:
Nur rund 55 Prozent der 1700 Betriebe im Tullnerfeld werden im Haupterwerb bewirtschaftet. Bei den anderen Betrieben bedraf es einer zusätzlichen Erwerbstätigkeit, um die Lebenserhaltungskosten zu decken. Von den rund 77.000 Hektar Nutzläche im Tullnerfeld wird etwa die Hälfte forstwirtschaftlich genutzt. Die landwirtschaftlich bebauter Fläche gliedert sich in etwa 32.000 Hektar für Ackerbau, 12.000 Hektar für Getreideanbau, 9.600 für Mais, 3.500 für Zuckerrüben und 2.400 für Weinanbau. Auch Baumschulen finden sich reichlich: 156 Hektar. Obstbauflächen sind mit 125 Hektar ebenfalls gut vertreten, die restliche Fläche wird für Gemüseanbau genutzt, wobei Kraut und Spargel typische regionale Erzeugnisse darstellen. Die restliche Fläche wird für Gemüseanbau genutzt, wobei Kraut und Spargel typische regionale Erzeugnisse darstellen. Rund 150.000 Stück Geflügel, 65.000 Schweine und 10.00 Rinder werden in der Region gehalten. Die wertvollen Marken Tullnerfelder Kraut, Tullnerfelder Schwein, Wienerwald Weiderind und Wagramer Nuss bilden die Leitprodukte der Genussregion ab. Niederösterreichweit schaffen Bauernbetriebe 130.000 Arbeitsplätze.

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