27.10.2016, 09:32 Uhr

"Kunst ist die Nahrung, die uns nicht verrohen lässt"

Letzte Handgriffe. Wir trafen die Kuratorin Ursula Maria Probst während der letzten Vorbereitungen für die aktuelle Schau im Kunstraum NÖ. Zu sehen sind dort auch filmische Installationen wie jene der Kubanerin Grethell Rasúa im Bild. Die Ausstellung "Touch the Reality" zeigt gesellschaftliche und politische Einmischungen von internationalen KünstlerInnen und begibt sich auf die unterschiedlichen Spuren von Aktionskunst im öffentlichen Raum. (Foto: Cornelia Grobner)

Die Kuratorin und Kunstkritikerin Ursula Maria Probst im Gespräch über die Freiheit der Kunst, unerwartete Skandale und ihre Kindheit in den Zwentendorfer Auen.

Als Kuratorin gestalten Sie Ausstellungen und bereiten Kunst für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich auf. Nach wie vor gibt es ein großes Stadt-Land-Gefälle, was den Zugang zu Kultur betrifft. Kann das Internet Türöffner gerade für junge Menschen am Land sein?
URSULA MARIA PROBST: "Ja und nein. Das Internet kann helfen, wenn das Interesse für Kunst geweckt ist. Damit das passiert, braucht es Förderung in der Schule oder zuhause. Meine Familie ist sehr querdenkerisch und hat mich, auch wenn sie nicht so kunstaffin ist, immer voll unterstützt. Dafür bin ich dankbar. Ich finde auch Kunstprojekte im öffentlichen Raum spannend, da wird in Niederösterreich zum Glück einiges durch 'Public Art', wo ich mich die letzten drei Jahre auch im Gremium befand, gemacht. Aber die Politik muss dahinter sein, dass der Bereich Kunst und Kultur nicht immer als ersters gekürzt wird, wenn gespart werden muss. Das ist ein Fehler, denn wir brauchen Kultur für unsere Zivilisation. Kunst ist die Nahrung, die uns nicht verrohen lässt."

Sie sind in Zwentendorf aufgewachsen und haben nach der Matura in New York mit der Bildhauerin Louise Bourgeois gearbeitet. War der Wechsel vom Land in die Metropole hart?
"Nein. Ich bin voll bekennende Urbanistin. Ich komme gerade aus São Paulo. Städte können mir nicht groß genug sein. Aber ich bin gerne in der Natur und in den Bergen und bin sehr glücklich darüber, dass ich am Land aufgewachsen bin. Wir waren viel in den Auen unterwegs und konnten uns unabhängig bewegen. Das ist im urbanen Bereich für Kids nicht immer möglich. Das waren für mich wesentliche Erfahrungen. Im Kunstbereich ist es wichtig, Erdung zu haben. Ich bin auch jetzt in Wien viel in den Praterauen draußen. Ich bin radikal in diesen Dingen, auch was die Herkunft und Natürlichkeit von Kleidung und Nahrung anbelangt. Ich esse kein Fleisch und würde es nur tun, wenn ich das Tier selbst auf der Jagd erlege. Da ist auch die Kunst gefordert, sich mit solchen Entwicklungen der Globalisierung auseinanderzusetzen."

In der Ausstellung "Touch the Reality" (Anm.: Berühre die Realität") im Kunstraum Niederösterreich in der Wiener Herrengasse geht es um Kunst, die politische und gesellschaftliche Interventionen setzt und – plakativ gesprochen – die Welt verändern möchte. Wann funktionieren Ihrer Meinung nach solche aktionskünstlerischen Einmischungen und wann gehen sie schief?
"Ein prominentes Beispiel ist der chinesische Künstler Ai Weiwei. Seine Aktionen wie sein solidarischer Besuch eines griechischen Flüchtlingslagers provozieren auch viele kritische Stimmen. Diese Re-Inszenierung in Idomeni war natürlich eine Scheiß-Kunst, aber es kommt immer auf die Kontextualisierung an. Es ist spannend, weil Kunst an sich nicht immer so viel Aufmerksamkeit erregt wie bei Ai Weiwei. Und diese Aufmerksamkeit erzeugen die Medien, darauf versuchen zwar KünstlerInnen wie Ai Weiwei Einfluss zu nehmen, doch es kann sich auch verselbstständigen. Wesentlich ist in dem Zusammenhang immer wieder die Frage, wo man welchen Protest überhaupt üben kann. In totalitären Staaten riskieren KünstlerInnen mit ihren politischen Performances und ihrem Appell für freie Meinungsäußerung ins Gefängnis zu kommen."

Für viele der im Kunstraum Niederösterreich vertretenen KünstlerInnen wie die Kubanerin Tania Bruguera ist Protest in ihren Herkunftsländern schwieriger als hier in Österreich ...
"Genau. In Havanna kannst du nicht einfach demonstrieren gehen. Darum ist es für mich wichtig, diese KünstlerInnen nach Wien zu bringen und über diese Unterschiede zu diskutieren – wir gemeinsam hier und sie dann natürlich auch in ihren Herkunftsländern. Es geht darum, dass Kunst auch Fragen aufwerfen kann, die sonst nicht gestellt würden, zum Beispiel was die politische Situation und das Demokratieverständnis in Kuba betrifft. Dort ist die Zivilbevölkerung immer noch stark ideologisch durchdrungen. Tania Bruguera hat mit INSTAR in Havanna ein wichtiges Projekt gestartet. Da kann sich auch jeder von uns einklicken und mitwirken. In unserer Publikation zur Ausstellung im Kunstraum gibt es dazu ein spannendes Interview mit der Künstlerin."

Während in Ländern mit diktatorischen Regimen schon kleine Interventionen für Aufregung sorgen, stellt sich die Frage, ob man bei uns mit Kunst überhaupt noch provozieren kann. Kann man?
"Das passiert meist unerwartet. Ich erinnere mich an das Billboards-Projekt zur EU-Präsidentschaft von Österreich, das ich gemeinsam mit Walter Seidl kuratiert habe. Wir haben dafür 75 KünstlerInnen zur Gestaltung von Plakaten im öffentlichen Raum eingeladen. Zwei der Motive haben für einen Riesenskandal gesorgt, obwohl das nicht intendiert war. Für Aufregung haben die Bilder des spanischen Künstlers Carlos Aires von nackten, vermeintlich kopulierenden Menschen mit PolitikerInnen-Masken und Tanja Ostojic' Untersicht auf ein Unterhöschen mit EU-Sternenkranz-Aufdruck [Anm.: "25PEACES"]. Wenn ich an aktuelle Palmers Unterwäsche-Werbungen denke, war der Skandal für uns schon eine interessante Erfahrung. Wir wurden damals definitiv zensuriert und die Motive entfernt. Trotzdem – und das ist gleichzeitig das Bedenkliche und Faszinierende daran – wurde das Thema dadurch auf jedem Mittagstisch diskutiert."

Ist dieser Effekt die Erlaubnis dafür, dass Kunst alles dürfen soll?
"Natürlich gibt es bestimmte KünstlerInnen, die sich viel damit beschäftigen, wie sie provozieren können. Ich würde mir da oft mehr Komplexität wünschen. Mir ist diese Kunst oft zu plakativ. Aber es ist gut, wenn eine Diskussion ausgelöst wird, also, wenn Kunst die Möglichkeit zur politischen Diskussion eröffnet. Ich wünsche mir, dass Kunst immer politisch ist. Bei Formalismen, die nur schön anzuschauen sind, werde ich immer kritischer. Als VALIE EXPORT einen Wellensittich mit Wachs übergossen hat, fand ich das auch nicht super, obwohl ich die Künstlerin toll finde. Es kommt für mich immer auf die Ambitionen hinter einem Projekt an. Da bin ich Moralistin."

Können Sie das genauer ausführen?
"Unsere Gesellschaft lebt in einer seltsamen Moral. Da läuft im zwischenmenschlichen Umgang in Arbeitsfeldern oder in der Nahrungsmittelindustrie viel falsch. Wenn Kunst zu drastischen Maßnahmen greift, ist das auch oft um ein gesellschaftliches Syndrom aufzuzeigen, nicht um einen Skandal zu provozieren. Ich bin eine Verfechterin von 'Verbieten ist verboten' – nicht nur in der Kunst. Der Ausgangspunkt der Ausstellung 'Touch the Reality' ist auch, dass gerade die Kunst heute zunehmend die Funktion übernimmt, zu artikulieren, was als politische Bewegung zu formulieren in totalitären Staaten nicht möglich ist. Und dass Kunst aufzeigt, wie unsere Kultur Gefahr läuft, durch den derzeitigen Rechtsruck im zivilisatorischen und humanen Umgang miteinander zu verrohen. Kunst ist immer Messgrad dafür, wie es um die Meinungsfreiheit bestellt ist. Kunst zeigt auf, dass wir schleunigst politische Alternativen zur Schaffung von adäquaten Lebensmodellen benötigen an denen jeder – egal, welcher Herkunft – partizipieren kann. Insofern ist auch die Kunst, selbst wenn sie provoziert, fast eine Moralistin (lacht), indem sie aufzeigt, wie es um unsere Freiheit in der Realität bestellt ist."

Interview: Cornelia Grobner (Printausgabe, 27. Oktober 2016)

ZUR SACHE
Mit „Touch the Reality. Rethinking Keywords of Political Performance“ (21. Oktober 2016 bis 3. Dezember 2016, Kunstraum NÖ, Herrengasse 13, 1010 Wien) setzt die Kuratorin Ursula Maria Probst teils laute, teils aber auch subtile Interventionen in Beziehung zueinander, macht sich auf die Spurensuche nach Praktiken politischer Performance heute.
Bei der Ausstellungseröffnung am Donnerstag, 20.10. 2016, findet um 17 Uhr eine Lecture von Gerardo Mosquera, einem Mitbegründer der Havanna Biennale, statt. Offizielle Begrüßung ist um 19 Uhr (Christiane Krejs, Karin Zimmer, Ursula Maria Probst). Um 19.30 Uhr gibt es Performances von Miss G (Giorgia Conceição) und Jianan Qu.
Schwerpunkt der Schau ist Kunst aus Kuba von Tania Bruguera, Fidel García, Susana Pilar, Grethell Rasúa und Dania González Sanabria, aber auch KünstlerInnen aus arabischen, lateinamerikanischen, asiatischen und osteuropäischen Ländern sowie Österreich sind vertreten. Darüber hinaus sind die beteiligten KünstlerInnen eingeladen, vor Ort Projekte zu entwickeln.
Ursula Maria Probst war 2015 Kuratorin der österreichischen Beiträge der Havanna-Biennale und recherchierte die Kunstszene in Kuba.
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