Das Kainsmal

Die Idee eines Höher und Weiter innerhalb der Menschheitsgeschichte gehört zum Basis-Rüstzeug fast aller Gesellschafts- und Geschichtstheoretiker spätestens der Neuzeit. Ausnehmen sind rar. Der wohl bekannteste Vertreter eines Kultur- und Zivilisationspessimismus mit idealisierten Rückgriff auf eine herrschafts- und besitzfreie Urgesellschaft ist J.J. Rousseau. Verstärkt propagiert wurden auf ihn zurückgehende Formen des politischen (positiven) und negativen Primitivismus in der Moderne; wohl auf Grund der brutalen Kontraste aller Schattierungen von Ordnung und Gewalt, Exzessen und Kriegen im „Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm), im 20. Jhdt.

Wem solche Gedanken als originär neuzeitlich erscheinen, der täuscht sich.
Wohl kein episches Brüderpaar, und ihrer gibt es viele in der Überlieferung des Menschen, hat bis heute im Westen, also zur Zeit eh überall, die Bekanntheit der beiden Söhne des ersten Menschen: Kain und Abel.
Die Betreffende Textstelle in der Genisis ist kurz, nimmt in Etwa eine dreiviertelte Spalte ein. Hier heißt es in der Einheitsübersetzung:

"Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom Herrn erworben.
Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer."

Die theologische Deutung der beiden Brüder als Archetypen zweier entgegengesetzter Lebens- und Wirtschaftsformen ist heute schon fast Allgemeingut.
Abel repräsentiert hier das aneignende Nomadentum (für manche eine niedrigere, eine Vorgängerstufe des Kulturmenschen, dass lässt sich historisch allerdings nicht halten).
Kain, der Ackerbauer, steht für den „schaffenden“ Menschen der Kultur- und Zivilisationsphasen.
Wie im richtigen Leben sind sich beide nicht grün.

"Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar;
auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich."

Sie säen nicht und ernten nicht, diese Vögel, und trotzdem lässt sie der Herrgott nicht verhungern.
Es ist kein egoistischer Zorn, keine Eitelkeit, die den guten Kain da überkommt. Es ist die Heidenwut der Fleißigen und Anständigen angesichts der unmoralischen, weil minimalistischen, Wirtschaftsweise des arbeitsscheuen Nomaden Abel.

"Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?"

Martha und Maria, zwei Schwestern aus Palästina, bewirteten vor knapp zweitausend Jahren einen gewissen Jesus von Nazareth in ihrem Haus. Martha, ganz brave Hausfrau im heutigen christkatholischen Sinn, sorgt sich um die korrekte Bewirtung des Gastes, achtet darauf, dass alle Konventionen der recht formalisierten orientalischen Gastfreundschaft eingehalten werden. Indessen gehen ihr, so beschäftigt mit dem G´hört sich, die Reden des Gastes herzlichst am Arsch vorbei, für eine Frau wie Martha ist das Gesagte wohl auch wirres Zeug. Maria, ihre Schwester, hingegen lauscht den Ausführungen des Gastes, die beruhigende Geschäftigkeit, das Opium der Pflichterfüllung ganz vergessend, asozial.
Promt folgt der pädagogisierende Weisel der Schwester. Doch Jesus weist Martha zurecht: Du kümmerst dich um Vieles, doch notwendig ist nur das Eine; "porro unum est necessarium".

"Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!
Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn."

Kolonisations- und Zivilisierungsleistungen der Kulturvölker sind gespickt mit solchen Kollataralschäden; historisch notwendig, für Spannungsmenschen aber unerträglich.

"Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?
Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.
So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen. Wenn du den Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein.
Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte. Du hast mich heute vom Ackerland verjagt und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und wer mich findet, wird mich erschlagen."

"Wer mich findet, wird mich erschlagen." Die zivilisationskritischen Strömungen aller Zeiten haben ihn gefunden. Alle sahen in Kain, wie auch immer sie ihn sich ausmalten, den Beginn einer fatalen Entwicklung, die den Menschen von sich selbst entfremdet und schrittweise versklavt.
Das Blut Abels, des edlen Wilden, schreit zu uns heute aus dem Ackerboden, der alle kulturellen und zivilisatorischen Errungenschaften wachsen ließ, das dachte sich auch Rousseau.
Viele, die sich auf ihn und andere Köpfe seines Kalibers beriefen, sahen in der Erkenntnis der Schlechtigkeit der Welt nur die halbe Miete. Abel sollte wieder auferstehen, Kain sollte sterben.
Sie bauten Staaten, in denen Besitz neu verteilt, Arbeit neu bewertet wurde, in denen die verkommenen hierarchischen Strukturen durch egalitäre ersetzt werden sollten. Die Staaten, die sie schufen, steckten Dissidenten in Gefängnisse, schickten Intellektuelle aufs Land, führten den Arbeitszwang ein, brachten Millionen um, fraßen ihre Väter. Sie waren, kurzum, die besseren Kainsstaaten.

"Der Herr aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.
Dann ging Kain vom Herrn weg und ließ sich im Land Nod nieder, östlich von Eden."

Autor:

Christian Albert Planteu aus Villach Land

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