Mit den Fingern lesen; ein Blinder, der lesen kann - diesen scheinbaren Widerspruch glaubte niemand.

Es ist ein stürmischer, kalter Tag im Jahre 1817.
Gleichmäßig schlägt ein kleiner Stock gegen die Häusermauern
entlang der Hauptstraße des kleinen französischen Dorfes Coupvray.
Mühsam tastet sich Louis Brasille, ein kleiner Junge von acht Jahren,
an den Häusern entlang hin zu dem kleinen Teich
in der Nähe des Dorfes.
Hier will er seinen Freunden beim Spielen "zuhören",
denn mitmachen kann der Junge nicht.
Er ist blind!
Mit drei Jahren verlor er durch einen tragischen Unfall sein Augenlicht.
Trotz seiner Behinderung ist Louis ein aufgeweckter Junge.
Mit zehn Jahren kommt er auf die Pariser Blindenschule.
Sein Lehrer lehrt ihn das Alphabet.
Die Buchstaben sind aus Stoff ausgeschnitten
und etwa sieben Zentimeter hoch.
Schon bald kann Louis ganze Bücher lesen.
Doch er findet diese Methode zu umständlich. Er will eine Schrift,
die leichter zu ertasten ist.
Der Zufall kommt ihm zu Hilfe.
Zum Weihnachtsfest 1823 bekommt er von einem Mitschüler
eine Glückwunschkarte mit geprägten Buchstaben
und erkennt sofort die einmalige Gelegenheit,
die die erhöhten Buchstaben bieten.
Von nun an werden die Bücher in der Blindenschule
mit einer geprägten Druckschrift versehn.

Louis, inzwischen Lehrer an der Pariser Blindenschule,
ist immer noch nicht zufrieden,
denn auf diese Weise muss er seinen Schülern
den Leserstoff nach dieser komplizierten Art lehren.
Gespannt folgt er einem Bericht
über eine neue Signalschrift der Armee,
die aus erhabenen Strichen und Punkten besteht.
Damit können sich Soldaten auch im Dunkeln
durch bloßes Abtasten der Zeichen verständigen.

Schlagartig wird Louis klar,
hier liegt die Lösung des Problems.
Er kontaktiert den Hauptmann der ihm erklärt,
wie mit einer Schusterahle kleine Vertiefungen
in dickes Papier gedrückt und gestochen werden.
So kann man auf der anderen Seite die Erhöhung fühlen.

Aber, als Louis Braille seine Blindenschrift der Öffentlichkeit 
vorstellt, wird er als Aufschneider und Lügner hingestellt,
denn: EIN BLINDER; DER LESEN KANN -
DIESEN SCHEINBAREN WIDERSPRUCH GLAUBT NIEMAND.

Bis zu dem entscheidendem Tag,
als eine blinde Schülerin in einem öffentlichen Klavierkonzert
nach ertasteten Notendrucken, nach Louis Braille's Lehre,
aufgetreten war.
Jetzt nimmt sich die französische Presse des Falles an.
Nach einer Serie wohlwollender, ja begeisterter Berichte
in Tageszeitungen kapitulieren die bisherigen Spötter
vor der allgemeinen Empörung.

Von nun an wird in allen Blindenschulen Frankreichs
die Braille - Methode gelehrt.
Von dort aus breitete sich das System
über die ganze Welt aus...

Louis Braille allerdings erlebt das nicht mehr.
Er stirbt 1852 im Alter von nur 43 Jahren. 

(Text: aus einem alten D-Schulbuch)

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