100 Jahre Frauenwahlrecht
"Wir sind noch lange nicht am Ziel"

<f>Selbstverständlich? </f>Erst ab dem Jahr 1918 hatten Frauen in Österreich das aktive und passive Wahlrecht
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Am 12. November besteht das Frauenwahlrecht 100 Jahre. Was hat sich seither getan? Die WOCHE im Experten-Gespräch.

VILLACH. Im Gespräch über Frauenrechte und die Selbstverständlichkeit des Frauenwahlrechts ist Kristina Waltritsch, Präsidentin von BPW (Business and Professional Women Club Villach).

WOCHE: Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, dass es eine Zeit gab, in der Frauen nicht wählen durften. Doch es hat lange gebraucht, bis das selbstverständlich wurde. Wie weit sind wir, Ihrer Meinung nach, in puncto Gleichberechtigung?
Waltritsch: 100 Jahre sind im Bezug zur Menschheitsgeschichte eine kurze Zeit. Daher denke ich, dass unseren Wegbereiterinnen und Wegbereitern in Sachen Gleichberechtigung viele wichtige Schritte gelungen sind, wir aber trotzdem noch lange nicht am Ziel sind. Die Idee in unseren Köpfen, dass irgendetwas selbstverständlich ist – also keine Weitergabe von Bewusstsein und entsprechendes aktives Mitgestalten mehr notwendig sind – zeigt schon, dass es noch viel zu tun gibt. Denn auch wenn ich selbst vielleicht als Mann oder Frau das Gefühl habe, völlig gleichberechtigt leben zu können, ist das eine sehr egozentrische Sichtweise: Zu vielen Menschen bleibt eine Gleichbehandlung noch verwehrt. Als Teil der Gesellschaft bin ich auch dafür mitverantwortlich.

WOCHE: Wo gibt es Ihrer Meinung nach dringenden Handlungsbedarf was die Gleichstellung von Frauen und Männern betrifft?
Waltritsch: Ein grundlegendes Bewusstsein fehlt bei vielen Menschen. Für Gleichberechtigung braucht es heute ein sehr weitrechendes Denken – bei Frauen und Männern. Weil sich die Welt rasant wandelt, dadurch viele neue Möglichkeiten entstehen und wir wichtige Zusammenhänge begreifen lernen (müssen). Denn: Was unser „soziales“ Gehirn nicht lernt und trainiert, zeigt sich auch nicht in unserem automatisierten Handeln. Ein ganz kleines Beispiel dazu: Gender-Sprache ist keine „Sprachverhunzung“, sondern Ausdruck einer inneren Haltung die widerspiegelt, welche Bilder ich bewusst und unbewusst abgespeichert habe – und die auch als „Filter“ meinen Blick auf die Welt lenken. Denke ich einseitig oder in männlichen und weiblichen Stereotypen, werde ich auch entsprechend entscheiden und handeln. Das bisher gelernte Denken gilt es daher aufzubrechen und ein Bewusstsein von gelebter Einheit in Vielfalt zu lernen. Sonst geht es uns wie bei der Gender-Sprache: Seit ihrer offiziellen Einführung wird gestritten – wenn wir den Sinn dahinter nicht bewusst machen, wird es eine ewige Debatte bleiben.

WOCHE: Weltweit gibt es immer wieder „konservative" Bewegungen, die - salopp formuliert - die Frau nur allzu gerne wieder „hinter den Herd stellen würden“. Wie erklären Sie dieses Phänomen? Und wie könne wir dem entgegenwirken?
Waltritsch: Die Welt ist längst zu einem „großen Ganzen“ zusammengewachsen und dadurch werden immer weitreichendere Lösungen für immer mehr Menschen notwendig. Ob wir das wollen oder nicht. Das überfordert, wenn wir nicht parallel dazu unser Bewusstsein und unser Denken an diese „neuen“ Dimensionen anpassen. Da fühlt sich die scheinbare „Lösung“, zurück zu bekannten und gewohnten Strukturen zu gehen, plötzlich wieder sehr verlockend und sicher an. Die notwendigen Entwicklungsschritte des einzelnen Menschen in einer globalisierten Welt zu ignorieren oder zu verhindern, ist jedoch keine langfristig gute Option. Vielmehr gilt es das Bewusstsein für dieses „große Ganze“ zu schaffen, das längst Realität ist, den Umgang mit Diversität undVielfalt, sowie echte Mitverantwortung und Mitgestaltung leben zu lernen. Dazu können wir ALLE unseren ganz persönlichen Beitrag leisten.

WOCHE: Seit hundert Jahren „dürfen“ Frauen wählen. Nehmen Frauen Frauenrechte als zu „selbstverständlich“ wahr? Sind wir zu passiv? Was würden Sie sich von den jungen Frauen dieser Generation wünschen?
Waltritsch: Mein Wunsch an alle Frauen und Männer wäre: Mut und Neugierde, den eigenen Beitrag für die Weiterentwicklung (!) der Gesellschaft herauszufinden und zu leben. Was ich ihnen dafür wünsche: Menschen, die ihnen helfen, das notwendige Bewusstsein dafür zu schaffen. Ermutigung, die eigenen Potenziale und Stärken zu entdecken und zu entfalten. Die Begeisterung, sich zusammenzutun und gemeinsam Solidarität und Vielfalt leben zu lernen. Denn Gleichberechtigung entwickeln wir nur im gemeinsamen Tun, nicht im darüber lesen oder reden.

Vielen Dank für das Gespräch!

&lt;f&gt;Selbstverständlich? &lt;/f&gt;Erst ab dem Jahr 1918 hatten Frauen in Österreich das aktive und passive Wahlrecht
Kristina Waltritsch, Präsidentin BPW Club Villach
Autor:

Alexandra Wrann aus Villach

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