Zweitwohnsitze: 40 Prozent im Seengebiet

Auch in Steinbach am Attersee sind Nebenwohnsitze in der Überzahl. Das hat Auswirkungen auf das Dorfleben. Schülerzahlen und Vereinsnachwuchs hängen unter anderem damit zusammen.
  • Auch in Steinbach am Attersee sind Nebenwohnsitze in der Überzahl. Das hat Auswirkungen auf das Dorfleben. Schülerzahlen und Vereinsnachwuchs hängen unter anderem damit zusammen.
  • Foto: Helmut Klein
  • hochgeladen von Christine Steiner-Watzinger

Nebenwohnsitze erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Grünen fordern nun ein Umdenken.

BEZIRK VÖCKLABRUCK. In ganz Oberösterreich gibt es knapp 30.000 sogenannte Freizeitwohnsitze. Rund 12.000 davon befinden sich in den Bezirken Vöcklabruck und Gmunden – das sind mehr als 40 Prozent. Das gehe aus den Daten nach einer Anfrage an Landesrat Markus Achleitner (ÖVP) hervor, so die Grünen OÖ.

Bodenpreise explodieren

"Tausende Wohnungen werden kaum genutzt und stehen die meiste Zeit leer. Andererseits wird permanent Boden versiegelt und gleichzeitig Wohnraum immer teurer. Das passt einfach nicht zusammen. Wir müssen diese Entwicklung einbremsen", sagt der Grüne Raumordnungssprecher und Bürgermeister von Attersee, Landtagsabgeordneter Rudi Hemetsberger. Alleine in der Gemeinde Attersee befinden sechs Prozent aller oö. Freizeitwohnsitze. Sie würden wesentlich dazu betragen, dass die Bodenpreise explodieren: In Toplagen liegen sie bereits zwischen 800 und 1.000 Euro pro Quadratmeter – unleistbar für viele Einheimische.

Verhältnis umkehren

Die Grünen fordern nun ein Maßnahmenpaket auf Landesebene. Hemetsberger: "Man könnte die Freizeitwohnungspauschale erhöhen und die Beweislast umkehren." Derzeit muss die Gemeinde beweisen, dass jemand seinen Lebensmittelpunkt nicht im Ort hat und deswegen auch nicht berechtigt ist, hier seinen Hauptwohnsitz zu haben.
Hemetsberger will niemandem einen Vorwurf machen, der legal einen Freizeitwohnsitz besitzt. "Aber man muss schauen, dass man das Verhältnis umkehrt." Dies würde ohnehin Jahrzehnte dauern. Derzeit sind in Attersee rund 1.800 Neben- und 1.600 Hauptwohnsitze gemeldet. Ähnlich ist die Situation in den anderen Attersee-Gemeinden.

Beiträge gut fürs Budget

In Nußdorf stehen 1.160 Hauptwohnsitzen 1.583 Zweitwohnsitzen gegenüber, dazu kommen noch 1.154 Dauercamper. "Mit jedem sonnigen Tag werden die Leute sehnsüchtiger nach einer Wohnung hier", sagt Bürgermeister Josef Mayrhauser (ÖVP). "Wir müssen von dem Denken abrücken, Hauptwohnsitze sind gut und Zweitwohnsitze böse." Es gäbe leidenschaftliche Zweitwohnungsbesitzer, die die Gastronomie fördern.
Dass die Gemeinde seit 2019 einen Zuschlag zur Freizeitwohnungspauschale einheben darf, "ist ein Schritt in die richtige Richtung", so Mayrhauser. Bei einem Budget von 3,5 Millionen mache sie fünf Prozent der Einnahmen aus.

Dörfliches Leben leidet

Auch in Steinbach sind die "Zweitheimischen", wie sie Bürgermeisterin Nicole Eder (ÖVP) nennt, in der Überzahl. Konkret sind es 1.152 Neben- zu 906 Hauptwohnsitzen. Auch Eder ist für einen Umdenkprozess: "Wir können nicht nur bauen, damit die Leute Geld anlegen können, und wir dann Leerstände haben, die Zeiten sind vorbei." Auch das örtliche Leben leide unter dieser Situation. "Ein Dorf lebt von seinem Bewohnern." Eder wünscht sich, dass Menschen, die ihr Haus oder ihre Wohnung selber nicht nützen können, zu vernünftigen Preisen dauerhaft an junge Familien im Ort vermieten. "Das wäre eine Win-win-Situation für alle."

Zur Sache

Seit 2019 ist nach dem OÖ Tourismusgesetz von jedem Eigentümer einer Freizeitwohnung eine jährliche pauschale Abgabe einzuheben.
Als Freizeitwohnungen gelten nicht nur Ferienwohnungen in Tourismusgebieten, sondern auch leerstehende Wohnungen und Wohnungen, in denen kein Hauptwohnsitz gemeldet ist. Für Gemeinden besteht seitdem auch die Möglichkeit, durch Beschluss des Gemeinderates zusätzlich einen Zuschlag zur Freizeitwohnungspauschale einzuheben.
Der Höchstbetrag des jährlichen Zuschlags beträgt
für Wohnungen bis zu 50 m2 Nutzfläche sowie für Dauercamper 150 Prozent der Freizeitwohnungspauschale und für Wohnungen über 50 m2 200 Prozent. Bei letzteren macht das aktuell 216 Euro aus. Inklusive Tourismusabgabe müssen für eine Zweitwohnung somit rund 325 Euro im Jahr an Gebühren aufgewendet werden.

Um neuen Zweitwohnsitzen entgegenzuwirken, wurden viele Gemeinden rund um Attersee und Mondsee zu Vorbehaltsbebieten erklärt – die Gemeinde Attersee erst im vergangenen Jahr, Schörfling heuer. Konkret bedeutet das, dass der Rechtserwerb (Vermietung, Verkauf) von Immobilien für eine Freizeitwohnung nur in Ausnahmefällen bewilligungsfrei möglich ist. Ausnahmen sind, wenn der Rechtserwerb unter nahen Angehörigen stattfindet oder die betroffene Liegenschaft bereits seit mehr als fünf Jahren ausschließlich als als Freizeitwohnsitz dient.
Kauft jemand eine neue Wohnung oder baut ein Haus in einem Vorbehaltsgebiet, muss er einen Hauptwohnsitz anmelden. Die Bezirkshauptmannschaft überprüft nach einiger Zeit, ob dies auch geschehen ist. Wenn nicht, wird die Behörde tätig. Erste solche Fälle gibt es schon am Attersee.

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