25.10.2017, 07:00 Uhr

Der Tod gehört zum Leben: Totenwache und Hausaufbahrungen in früheren Zeiten

Vida Mayritsch und Josef Pasterk

Die beiden Kirchenchorsänger Vida Mayritsch und Josef Pasterk erinnern sich an die Zeit zurück, als Hausaufbahrungen noch üblich waren.

EBERNDORF. Zu Allerheiligen und Allerseelen wird der Tod und vor allem der Umgang mit ihm wieder zum Thema, wenn auch für manche nur in Form einer Stippvisite am Friedhof im Rahmen der jährlichen Grabsegnungen. Den Rest des Jahres wird er von vielen Menschen lieber verdrängt, obwohl er zum Leben gehört wie die Geburt.
Warum sich das Verhältnis der Menschen zum Tod in den vergangenen Jahrzehnten so gewandelt hat, wissen auch Vida Mayritsch (72) aus Gablern und Josef Pasterk (82) aus Köcking nicht. Doch die beiden seit über sechs Jahrzehnten aktiven Sänger des slowenischen Kirchenchores in Eberndorf wissen noch genau, wie es früher war, als Hausaufbahrungen von Verstorbenen üblich und der Umgang mit dem Tod noch eine Aufgabe der Gemeinschaft war.


Zwei Nächte Totenwache

Mitte der 1970er-Jahre wurde in Eberndorf die Totenhalle errichtet. Davor bahrten Familien ihre Verstorbenen zwei Nächte im Haus auf. „Im Stall des Gasthauses Kokitz war ein eigener Aufbahrungstisch gelagert, den man ausleihen konnte“, erinnert sich Mayritsch. Es gab auch eigens bestickte Tücher für diesen Tisch.

Maßangefertigter Sarg

Der Verstorbene wurde ohne Sarg entweder im Bett oder auf besagtem Tisch aufgebahrt, denn im Gegensatz zu heute, gab es damals keine vorgefertigten Särge. Sie wurden erst im Bedarfsfall angefertigt, was seine Zeit dauerte.

Wächterinnen auf Bestellung

Die Nachbarn kamen alle im Trauerhaus zusammen, wuschen und zogen den Verstorbenen an, die Männer fungierten außerdem als Bestatter. Die Nächte hindurch wurde Rosenkranz gebetet und Totenwache gehalten. „Es gab Frauen in Gablern, die man eigens für die Nachtwache bestellen konnte“, so Mayritsch. Diese passten auch auf, dass die Kerzen nicht ausgingen oder ein Brand durch das offene Kerzenlicht entstand.

Abgeltung in Naturalien und Geld

Die Trauerfamilie hatte in dieser Zeit viel zu tun. Es galt, zwei Tage lang die wachenden Verwandten, Freunde und Nachbarn zu verköstigen. „Am wichtigsten war dabei das Frühstück vor der Abfahrt vom Trauerhaus zur Kirche, was damals meist noch mit Pferden geschah“, erzählt Pasterk. Als Abgeltung für Totenwache und Bestattung gab es von der Trauerfamilie für alle Beteiligten Naturalien und/oder Geld. Das Sterben war also schon damals eine kostspielige Angelegenheit, wenn es auch im Ermessen der Familie lag, wieviel gegeben wurde.

Keine Angst vor Verstorbenen

Der gebürtige Bad Eisenkappler Pasterk kann sich noch gut an seine erste Begegnung mit einem Verstorbenen erinnern. Er war damals ungefähr drei Jahre alt und wurde von seiner Familie zu einer Totenwache in Remschenig mitgenommen. „Als ich den Toten sah, war meine erste Frage, ob dieser Mann jetzt nie wieder etwas essen wird“, schmunzelt Pasterk. Er wurde, wie die anderen Kinder, von den Erwachsenen dazu angehalten, den Toten zu berühren: „Damit wir die Angst verlieren.“

Alte Totenlieder

Neben Gebeten gehörten auch Lieder zur Totenwache. Ein in Gablern überliefertes Lied heißt „Oj zalost nas sprehaja“ (sinngemäß übersetzt "Die Trauer begleitet uns"), das heute noch vom slowenischen Kirchenchor gesungen wird. Weitere Lieder waren und sind "Vse pod soncem hitro mine" ("Alles vergeht unter der Sonne schnell"), "Nad zvezdami" ("Über den Sternen"), "Gozdic je ze zelen" ("Das Wäldchen ist schon grün") oder "Rasti, rasti rozmarin" ("Wachse, wachse, Rosmarin"). 

Die Kehrseite

Rückblickend wirken diese Erzählungen über die Totenwache rituell und fast mystisch, doch es gab auch eine weniger verklärte Seite daran. So waren Hausaufbahrungen vor allem im Sommer von unangenehmen Totengeruch und austretenden Körperflüssigkeiten begleitet, die nichts für schwache Mägen waren.
Starben Menschen an ansteckenden Krankheiten, war das auch für die Totenwächter nicht ungefährlich. „Wenn Kinder von einer solchen Totenwache heimkamen, wurde die ganze Kleidung gewaschen und die Kinder von oben bis unten abgerieben“, erinnert sich Mayritsch. Daher kam auch der Brauch, das Bettzeug von Verstorbenen zu verbrennen. Die Hygiene ist ein Hauptgrund, warum Hausaufbahrungen heute sehr selten geworden sind. Grundsätzlich sind aber noch möglich (siehe „Zur Sache“).

Vergleich zu heute

Im Vergleich zu heute sind sich Mayritsch und Pasterk einig, dass der Umgang mit dem Tod damals noch selbstverständlicher und normaler war: „Er gehörte mehr zum Leben und man hatte früher auch mehr Zeit, sich von einem Verstorbenen zu verabschieden.“

Zur Sache: Hausaufbahrungen

Das Kärntner Bestattungsgesetz besagt in Abschnitt 3, § 15, Punkt 2, dass außerhalb einer Aufbahrungshalle eine Leiche nur mit Bewilligung des Bürgermeisters aufgebahrt werden darf. Die Bewilligung ist zu erteilen, wenn in der Gemeinde keine Aufbahrungshalle vorhanden ist und der beabsichtigten Aufbahrung keine sanitären Bedenken entgegenstehen. Bestehen keine sanitären Bedenken, darf die Bewilligung auch dann erteilt werden, wenn Hausaufbahrungen ortsüblich sind. Die Voraussetzungen für die Bewilligung sind durch die im Hinblick auf sanitäre Interessen nötigen Auflagen sicherzustellen. Aufbahrungen in Kirchen, Kapellen u. ä. sind Hausaufbahrungen gleichzuhalten.

Letzte Hausaufbahrung in Völkermarkt: Laut dem Kärntner Bestattungsgesetz kann also der Bürgermeister einer Gemeinde eine Hausaufbahrung bewilligen. Dies kommt jedoch nur mehr selten vor. In der Gemeinde Völkermarkt fand die bis dato letzte Hausaufbahrung im Jahr 2013 statt. "Dabei müssen alle sanitären Anforderungen erfüllt werden", so Bürgermeister Valentin Blaschitz. Unter anderem muss ein eigener Raum für die Hausaufbahrung zur Verfügung stehen. "Es gibt vielleicht alle fünf Jahre eine Anfrage", ergänzt Blaschitz.

Programmhinweis: ORF-Dokumentation "Der letzte Takt"

Der Tod gehört genauso zum Leben wie die Musik. Beides ist Inhalt des Österreich Bildes "Der letzte Takt" aus dem Landesstudio Kärnten, das am Sonntag, dem 29. Oktober, ab 18:25 Uhr in ORF 2 ausgestrahlt wird. Der Film erzählt die Geschichte von Hans Pleschberger (74), der als Student im Katschtal unterwegs war, um sich Toten- und Wachlieder vorsingen zu lassen.
Der Zuschauer wird in eine Zeit zurückversetzt, als die Totenwache noch mit Bräuchen und Ritualen einherging. Einige Lieder singen im Film der Katschtaler Kirchenchor und das Quartett MundART.
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