Kommentar
Die Moralapostel unter uns

RZ-Chefredakteur Christian Marold

Treffen sich dreißig Wissenschaftler zu einem Ethik-Workshop.

Nein, so beginnt weder ein guter noch ein schlechter Witz. Vergangene Woche haben sich tatsächlich dreißig Forschende aus der Region rund um den Bodensee in Dornbirn zu einem Ethik-Workshop getroffen. Ziel des Workshops: Fragen zum Thema Ethik in Forschung und Wissenschaft. In einer Zeit wie heute mehr als ein spannendes, ein durchaus wichtiges und brennendes Thema. Stehen wir doch alle jeden Tag aufgrund unserer Wahlfreiheit vor zahlreichen moralischen und ethischen Fragen. Diese Tatsache mag als solche vielleicht banal klingen, aber der Grundgedanke eines moralisch richtigen Handelns ist für uns heute eine viel größere Herausforderung als für Menschen vor 100 Jahren. Große Philosophen haben genau diese Fragen bearbeitet und sich die Finger wund geschrieben über Moral und Ethik. Das Thema ist also nicht neu und stellt sich doch gerade in Wissenschaft und Wirtschaft neu auf - gerade im digitalen Zeitalter. So muss sich die Wissenschaft klar mit der Frage konfrontieren, ob künstliche Intelligenz, Nanotechnologie und Gentechnologie gewisse ethische Grenzen überschreiten darf und wenn ja, welche Konsequenzen dies für unsere Zukunft haben könnte? In der Wirtschaft wird gerne über einen ausgewogenen ökonomischen und ökologischen Mittelweg gesprochen. Ist dies allerdings aufgrund von Angebot und Nachfrage und mit dem steten Blick auf Jahresbilanzen ethisch überhaupt leistbar? Werfen wir gerade in der Wirtschaft und allen Dienst­leis­tungsbe­reichen eine weitere, mehr ethische als moralische Frage auf: Warum arbeiten in Österreich seit dieser Woche alle Frauen bis zum Jahresende umsonst, praktisch unentgeltlich? Der sogenannte Equal Pay Day fällt jedes Jahr früher aus. Das heißt nichts anderes, als dass Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen immer noch so wenig verdienen, dass sie ab jetzt quasi keinen Lohn erhalten. Ist das in einer - wie viele glauben – aufgeklärten und emanzipierten Gesellschaft moralisch gerecht und ethisch tragbar?
Das schon seit Langem eingeläutete digitale Zeitalter birgt mehr denn je moralische, ethische Aspekte und Zweifel. Philosophen wie Kant würden sich entweder im Grab umdrehen oder mit den zahlreichen Protestbe­wegungen auf die Straße gehen. Der eher introvertierte Herr Kant würde wahrscheinlich eher Ersteres bevorzugen. Die digitale Anonymität erlaubt es uns Dinge zu tun, die vor einer Welt bestehend aus Nullen und Einsen nie möglich gewesen wären beziehungsweise nur Randgruppen betroffen hätten. Der anonyme Blick in die ganze Welt gibt uns auch die Möglichkeit, die Vielfalt an Angeboten wahrzunehmen.

Daher ist ein Ethik-Workshop für Forscher genauso wichtig, wie es ein verpflichtender Ethikunterricht ab Beginn der Kindergar­tenzeit wäre. Generell sollte es Ethik-Workshops in Unternehmen oder Vereinen geben, und darüber hinaus auch als Angebot für Familien. Denn überall wo Menschen miteinander agieren, handeln und kommunizieren sind moralische und ethische Fragestellungen genauso wichtig wie im ethischen Sinne festgelegte Antworten zu eben diesen Fragen. Jede Firma und jede Schule hat eine sogenannte Verordnung oder Hausordnung. Darin stehen meist Leitlinien für ein gutes Betriebs- oder Arbeitsklima. Moralisch gesehen sicherlich wichtig. Aber vielleicht sollte jede Institution oder Firma eine eigene Ethikkommission für sich einrichten. Frei von Beiräten, Vorständen oder Gewerkschaften. Eine so eingerichtete Kommission hat dann innerhalb der Institution oder der Firma nur eine Aufgabe: Jedes Tun und Handeln so zu bewerten, dass es für jedes Individuum als auch für das Kollektiv Gültigkeit haben könnte. Diese Bewertung, dieser kategorische Imperativ ist die ethische Richtlinie und könnte die Grundlage für Fortschritt, Wachstum und ein gelingendes Miteinander sein.

Autor:

Christian Marold aus Feldkirch

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